Berlin –

Geschröpft mit dem Dispo

Stiftung Warentest kritisiert hohe Zinsen. Banken verschleiern Gebühren oft vor den Kunden

Berlin. Stehen unerwartet größere Ausgaben an, ist der Dispositionskredit eine praktische Sache. Wären da nicht die hohen Zinsen von bis zu 16 Prozent – viel zu viel aus Sicht von Verbraucherschützern. Jeder Dispoprozentpunkt spüle gut 345 Millionen Euro in die Kassen der Finanzinstitute, hat die Stiftung Warentest ausgerechnet. Auch aus Sicht der Bundesregierung haben es die Banken zu bunt getrieben mit den Dispokonditionen.

Um Verbraucher künftig besser vor hohen Dispozinsen zu schützen, hat sie ein Gesetz auf den Weg gebracht. Vorgesehen ist, dass Banken und Sparkassen eine Beratung über kostengünstigere Alternativen anbieten müssen, wenn jemand seinen Dispokredit ein halbes Jahr lang zu mehr als 75 Prozent ausschöpft. Außerdem sollen die aktuellen Zinssätze im Internet veröffentlicht werden. Alleine das wäre ein großer und wichtiger Schritt, wie eine „Finanztest“-Untersuchung zeigt. „Finanztest“ kritisiert das „Versteckspiel mit dem Dispozins“. Die Untersuchung zeigt, dass es ein großer Teil der Sparkassen und Banken den Kunden extrem schwer macht, die Höhe der Dispozinsen rauszufinden.

Denn es war selbst für die Tester schwierig, alle Zinssätze zu ermitteln. Die Zeitschrift „Finanztest“ hatte zunächst bei allen 1472 Banken und Sparkassen angefragt, die Girokonten für Privatkunden anbieten. Den Dispozins mitgeteilt haben jedoch nur 424 Kreditinstitute. 1048 hielten sich bedeckt.

„Finanztest“ durchsuchte darauf die Internetseiten dieser Banken und Sparkassen und wurde bei immerhin 572 fündig. Zu den verbliebenen 476 schickte die Stiftung Tester, die – teils unter großem Aufwand – fündig werden sollten.

„Finanztest“ kritisierte nicht nur die mangelnde Transparenz der Kreditinstitute. Viele Banken verlangen von ihren Kunden noch immer hohe Zinsen für rote Zahlen auf dem Konto. Zu hohe Zinsen, wenn es nach der Stiftung Warentest geht. Wer ins Minus rutscht, muss bis zu 16 Prozent Dispozinsen zahlen, zeigt ein Vergleich. Während der günstigste Anbieter für den Dispositionskredit, die Deutsche Skatbank, gerade mal 4,49 Prozent verlangt, zahlten Kunden zum Stichtag 1. Juli 2015 im Schnitt 10,25 Prozent.

Im Vergleich zum Vorjahr ist der Wert zwar gesunken. Im Jahr 2014 zahlten die Deutschen im Schnitt noch 10,65 Prozent, wenn sie mit ihrem Girokonto ins Minus rutschten. Doch Stiftungsvorstand Hubertus Primus reicht diese Senkung nicht aus. „Die Gesamtsituation ist nach wie vor unbefriedigend!“, ärgert er sich. „Das ist vor dem Hintergrund, dass sich Banken und Sparkassen Geld bei der Europäischen Zentralbank fast umsonst leihen können, eindeutig zu hoch.“

Das sei jedoch zu kurz gedacht, wehrt sich regelmäßig die Deutsche Kreditwirtschaft gegen die Kritik. Viele Banken refinanzierten sich in erster Linie über das Kundengeschäft und eben nicht über die Europäische Zentralbank (EZB). Außerdem gebe es neben dem allgemeinen Zinsniveau weitere Kostenpunkte. So sei zum Beispiel die Überwachung eines Dispositionskredits aufwendiger als die Überwachung sonstiger Kredite. Schon weil der Dispositionskredit jederzeit in Anspruch genommen werden kann, muss immer Geld vorgehalten werden. Das sei ein Risiko, das die Banken Geld koste.

Dennoch: Primus zufolge müsse ein fairer Dispozins derzeit deutlich unter zehn Prozent liegen. Zu viele Banken nutzten den Dispozins, „um ihre Kunden zu schröpfen“, sagt der Warentest-Vorstand. Elf Banken verlangen derzeit Dispozinsen von 13 Prozent und mehr von ihren Kunden, auffällig viele davon Volks- und Raiffeisenbanken. Auch Sparkassen verlangten oft hohe Gebühren. Gleichzeitig hat „Finanztest“ aber auch 107 Banken ausgemacht, die einen Dispozins von maximal 8,5 Prozent verlangen und eine Kontoführungsgebühr von maximal sieben Euro im Monat erheben. Darunter 17 überregionale Banken und Direktbanken.

Bankenversteher stellen sich auf den Standpunkt, dass diese hohen Zinsen immerhin disziplinierend wirken. Je mehr diese den Verbraucher schmerzten, desto schneller bemühe er sich, wieder rauszukommen.

Auch „Finanztest“ erkennt an, dass Dispozinsen nicht alles sind. Teils werde sogar explizit der Dispozins gesenkt, gleichzeitig aber die Kontoführungsgebühr erhöht. Außerdem ist der Dispo kein Teufelsding – wenn man richtig mit ihm umgeht. „Für die kurzfristige Überbrückung ist er da, und dafür ist er auch gut“, erklärt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.