Berlin –

Online-Dating als Kostenfalle

Immer mehr Menschen suchen im Netz nach der großen Liebe. Doch selbst bei seriösen Anbietern kann Unachtsamkeit teuer werden. Ein Selbstversuch

Berlin.  Brand Managerin, 29, Studentin, 25 oder sie, 26, attraktiv. Mein Postfach quillt über. Dutzende Frauen, die ich kennenlernen soll – jetzt sofort. Einen Klick entfernt bei Elitepartner. Einem Datingportal, das damit wirbt, Akademiker und Singles mit Niveau zu vermitteln. Die Mails gibt es gratis, alles andere kostet extra – und zwar ordentlich. Single zu sein, ist nicht einfach, wenn man sich in die Welt der Online-Partnerbörsen bewegt und fatal für das Portemonnaie. Ich, 27 Jahre, ein paar Monate Single, mache den Selbstversuch und probiere aus, was die Suche nach der Traumfrau im Netz kostet.

Zuerst verlangen Portale wie Elitepartner oder Parship mir alle Daten ab: Was ich liebe, was ich hasse, was ich an Frauen gut finde. Und verraten mir dann, was ich zu zahlen habe. Die Testphase ist gratis, doch weder sehe ich, mit welchen Frauen ich genau auf den Portalen schreibe, noch was sie mir antworten. Doch wozu habe ich zehn Minuten Fragen bei der Anmeldung beantwortet, um dann das Konto zu löschen, weil ich nichts bezahlen möchte? Die Datingportale scheinen dieses Dilemma bemerkt zu haben und verraten die Preise nicht vorher – oder nur versteckt.

Also werfe ich einen Blick auf die Angebote, die mir Elitepartner alle paar Tage per Mail zustellt. 33 Prozent Preisvorteil und persönliche Beratung verspricht mir eine von ihnen – und zwar nur heute. Als ich erst wenige Tage den Link anklicke, soll ich sogar 50 Prozent Rabatt bekommen – allerdings nur auf die Jahresmitgliedschaft. Ein Schnäppchen sieht anders aus. Und der monatliche Preis von 19,95 Euro soll auch nur gelten, wenn ich mit einem Schlag den ganzen Jahresbeitrag zahle, immerhin 239,40 Euro. Zahle ich nur monatlich, werden summiert 287,40 Euro fällig. Und das in einer Zeit, in der Dating-Apps wie Tinder oder Lovoo kostenloses und unkomplizierteres Flirten und Kennenlernen zulassen.

Nachdem ich geometrische Muster bewertet und Filmbilder interpretiert habe, werde ich auch Mitglied bei Par­ship. Genau wie bei Elitepartner trudelt jetzt ein Rabattangebot nach dem anderen in mein Postfach. Ich entscheide mich dieses Mal wirklich für eine Premiummitgliedschaft mit 50 Prozent Rabatt. 11,45 Euro monatlich plus sechs weitere Euro, weil ich nur monatlich zahlen will. Macht unter dem Strich 17,45 Euro (im Jahr: 209,40 Euro). Wieder alles andere als ein Schnäppchen.

Auf einmal steht mir die ganze Welt von Parship offen. Wenn Frauen mir ihr Bild freigeben, kann ich sehen, mit wem ich in Kontakt bin, und aus verschlüsselten Nachrichten wird ein richtiger Text. Ein Portal, das sinnvoll scheint. Doch dafür leidet mein Portemonnaie. Auch ein paar Nachrichten trudeln in mein Konto. Nur der Mehrwert fehlt.

Viel Geld für wenig Leistung

Zwar vergleicht Parship die Vorlieben und die Einstellungen der Nutzer miteinander, doch bei den ersten Kontakten spüre ich nicht, dass eine Frau auf meiner Wellenlänge ist. Richtig wahnsinnig macht mich die iPhone-App von Parship, die wie aus dem vergangenen Jahrhundert wirkt, als Portale wie Tinder noch nicht das Online-Dating revolutioniert hatten. Das Chatten wird so schnell zur Qual. Manche Frauen wollen mit mir lieber auf WhatsApp oder Facebook schreiben, weil sie ähnlich genervt sind. Nebenbei fragen sie mich, wie sie Parship am besten kündigen können.

Nach ein paar Tagen habe ich auch genug und mache von meinem Widerrufsrecht Gebrauch. Nachdem die Kündigung mein E-Mail-Postfach verlassen hat, beginnen allerdings erst die richtigen Probleme mit Parship. Nach vier Tagen Bearbeitungszeit trudelt eine deftige Rechnung ein. Für vier Tage Online-Dating verlangt das Portal von mir 103,05 Euro, also 75 Prozent des kompletten Jahrespreises (ohne Entgelte für eine monatliche Zahlweise).

Diese vollkommen legale Methode nennt sich Wertersatz und steht auch in den AGB von Parship, Elitepartner und anderen Portalen. Dort ist von einem „angemessenen Betrag“ für die Nutzung des Dienstes die Rede. Auf einmal fällt mir ein, dass mich Parship kurz nach der Abobestellung fragte, ob die Dienstleistung vorzeitig, also vor Ablauf der Widerrufsfrist, beginnen solle. Ja natürlich, dachte ich. Wann denn sonst? Ohne sie könnte ich ja gar nicht entscheiden, ob das Portal etwas taugt. Und vor allem, ob ich dafür längerfristig Geld bezahlen will oder nicht.

Doch mit dem Klick für den Start der Dienstleistung akzeptierte ich auch die Berechnung des Wertersatzes. Klar wurde mir das aber erst mit der deftigen Rechnung. Hier listete Parship auf, dass ich mit sieben Frauen kommuniziert hatte. So viele, wie mir in meiner Laufzeit garantiert werden. Beschwerden bringen nichts, auch nicht als ich mich als Journalist zu erkennen gebe, bleibt die Forderung bestehen. Denn ich hätte vorher einen kostenlosen Recherche­account beantragen sollen. Doch bei dem bleiben naturgemäß Probleme mit dem Wertersatz und dem Widerruf aus.

Für Julia Rehberg von der Verbraucherzentrale Hamburg ist dieser Fall nichts Neues. Die Organisation klagt gegen die Wertersatzberechnung bei Parship. In erster Instanz hat die Verbraucherzentrale bereits Recht bekommen, dass die aktuelle Methode unzulässig ist. Im Urteil heißt es: „Die Berechnungsart führt zu einer gesetzwidrigen Entwertung des Widerrufsrechtes.“ Doch Parship macht weiter, legte vor Gericht Berufung ein und kündigt empörten Nutzern an, dass man davon ausgehe, im Berufungsverfahren zu gewinnen. „Wir gehen davon aus, dass wir auch in der zweiten Instanz gewinnen werden“, bekräftigt Julia Rehberg. Sie fürchtet, dass viele Verbraucher vor einer rechtskräftigen Entscheidung den geforderten Wertersatz noch zahlen, da sie eine Auseinandersetzung bzw. Inkassobriefe scheuen. „Das ist sehr ärgerlich. Nach drei Jahren sind auch die Ansprüche der Nutzer verjährt“, erklärt Rehberg.

Festhalten am Wertersatz

Einem Spiel auf Zeit widersprechen die Portale allerdings. Sie wollen am Wertersatz festhalten, um sich so besser gegen Nutzer zu wehren, die innerhalb der Widerrufsfrist so viele Frauen wie möglich anschreiben und so das Portal unattraktiv machen. Solche Mitglieder einfach automatisch zu sperren, sei keine Möglichkeit, erwidern sie auf Kritik.

Elitepartner stellte die Berechnung des Wertersatzes zuletzt schon leicht um. So werden gesendete Nachrichten (15 Euro) und empfangene Nachrichten (35 Euro) nicht mehr einbezogen. Dafür garantiert auch Elitepartner jetzt eine bestimmte Anzahl an Kontakten, nach denen der Wertersatz kalkuliert wird. Zusätzlich wird die Erstellung eines Persönlichkeitsprofils (59 Euro) und ein Ratgeber zur Online-Partnersuche (15 Euro) berechnet. Bei Parship will die Verbraucherzentrale durch die Klage eine Tagespauschale, anteilig berechnet am Jahrespreis, durchsetzen. Dann müsste ich 1,50 Euro statt 103,05 Euro zahlen. Meine Dating-Accounts existieren schon nicht mehr. Ich will nicht mehr suchen – vor allem nicht online.