Wirtschaft

Wie Daimler Innovation suchtJürgen Stüber über ein Projekt, mit dem der Erfinder des Autos Ideen einkauft

Wenn traditionelle Unternehmen innovative Ideen suchen und sich dazu der Gründerszene annähern, stehen sie vor dem Grundkonflikt jeder neuen Beziehung. Es geht um Nähe und Distanz. Um den Würgereflex einer zu engen Umarmung. Um die lange Leine, die zur Beliebigkeit führt. Daimler hat in dieser Frage einen interessanten Mittelweg gefunden. Der Autobauer aus Stuttgart, der mit 8500 Beschäftigten auch der achtgrößte Arbeitgeber in Berlin ist, nutzt dabei das Beste von beidem: Insel und Festland.

Im Herbst dieses Jahres geht Daimler mit dem Projekt „Peninsula“ (Halbinsel) an den Start. „Wir wollen Gründergeist in den Konzern holen“, erläutert Valerie Dollinger, eine Sprecherin das Konzept. Im Betahaus in Berlin-Kreuzberg werden Experten aus der Gründerszene und Daimler-Mitarbeiter gemeinsam an Zukunftslösungen für Transport und Warenbeförderung im Van-Bereich arbeiten. Momentan läuft das Auswahlverfahren. „Wir konnten uns vor Bewerbungen nicht retten“, sagt Valerie Dollinger.

Daimler hatte dazu über das Internetportal Gründerluft Start-ups gecastet, wie die Unternehmenssprecherin sagte. „Wir suchen Leute mit Ideen, die nicht in Konzernstrukturen arbeiten wollen“, sagt Dollinger. Das Team soll Projekte vorantreiben und dabei von schnellen Entscheidungen und großen Gestaltungsspielräumen profitieren. Gleichzeitig kann das Team auf Erfahrungen und Infrastruktur des Konzerns zurückgreifen.

Auf der Peninsula sollen die vielfältigen beruflichen Hintergründe und unterschiedlichen Denkansätze der Teilnehmer zusammenwirken. Daimler will mit seinem Peninsula-Konzept am schnellen technologischen und gesellschaftlichen Wandel teilhaben und diesen maßgeblich mitgestalten.

Auch bei seinen Trainees des Konzerns im Programm „CAReer“ will Daimler den Gründergeist stärken: Projekteinsätze bei Partnerunternehmen bieten ihnen künftig neue Erfahrungen über Konzerngrenzen hinaus. Trainees absolvieren zukünftig neben Stationen in verschiedenen Geschäftsbereichen des Konzerns eine Hospitation. Dabei erhalten sie Einblicke in die Kultur eines anderen Unternehmens und bekommen neue Impulse für ihre persönliche und berufliche Entwicklung.

In einem Gründerpitch stellen sich Teilnehmer und Alumni des CAReer-Programms ab September einem Ideenwettbewerb. Vom Start des Wettbewerbs an haben die Teilnehmer drei Monate Zeit, sich in Gruppen in das vorgegebene Thema einzudenken und ihr Konzept auszuarbeiten. Im Dezember präsentieren sie ihre Lösungen vor einer Experten-Jury. Das Konzept des Siegerteams wird umgesetzt. Ziel des Ideenwettbewerbs ist es, die Arbeitsabläufe im Konzern noch mobiler und digitaler zu gestalten.

Als Erfinder des Autos steht Daimler in einer Gründertradition, die bis heute Teil der Unternehmenskultur ist. In der Rangliste der aktivsten Patentanmelder steht der Autobauer mit 1797 (in 2014) deutschlandweit auf dem vierten Platz (nach Bosch, Schaeffler und Siemens). Doch darauf will sich Daimler nicht verlassen: „Wir wollen neue Ansätze in unser Unternehmen holen“, sagt die Sprecherin – mit technologischer Entwicklung von innen und mit Impulsen von außen aus der Gründerszene.

Damit steht Daimler nicht allein: Ein Teil der DAX-Unternehmen sucht in Berlin Start-up-Spirit: mit hausinternen Lösungen wie Bayer und die Deutsche Telekom, oder mit Enklaven in Acceleratoren wie die Deutsche Bank, Henkel, Lufthansa, RWE und Volkswagen.