Frankfurt –

Die Alleinherrscher

Was Facebook, Google und Amazon in der Zukunft planen: Sie alle wollen einen möglichst großen Einfluss auf den Nutzer

Frankfurt. 2020 sollen laut Plänen der internationalen Fernmeldeunion ITU 4,5 Milliarden Menschen mit dem Internet verbunden sein, die Mehrzahl davon in Schwellen- und Entwicklungsländern. Wie sie das Internet in ihrem Alltag erleben werden, planen die US-IT-Reisen Amazon, Apple, Google, Facebook und Microsoft jetzt - und ihre Visionen stehen teils im Widerspruch zueinander. Welche Zukunftsvision sich durchsetzt, hängt von der Gunst der Nutzer ab. Ein Überblick:

Microsoft

Microsoft hat lange gut davon gelebt, dass PC-Nutzer rund um die Welt auf Software des Konzern angewiesen waren – erst mit MS-DOS, dann mit Windows und Office. Windows wurde verwendet, weil es die meiste Software dafür gab – und die Software wurde für Windows geschrieben, weil es die meisten Anwender hatte. Hinzu kam Office, das Microsoft als De-Facto-Standard der Bürowelt etablieren konnte. Doch mit der Smartphone-Revolution war es vorbei mit der Gemütlichkeit bei Microsoft: Das Quasi-Monopol des Windows-Zeitalters ließ sich nicht in die mobile Ära hinüberretten. Der damalige Microsoft-CEO Steve Ballmer lachte 2007 noch öffentlich über das iPhone – dann teilten Apple und Google mit seinen Android-System den Markt schnell unter sich auf, und Ballmer verlor erst die gute Laune und dann den Job. Die mobile Welt musste Microsoft für verloren erklären – die komplette Abschreibung der Nokia-Übernahme kann als Eingeständnis gewertet werden.

Der seit Anfang 2014 amtierende Microsoft-CEO Satya Nadella machte nach seinem Antritt schnell deutlich, dass Microsoft sich nicht mehr als Windows-Konzern sieht. Microsoft sieht seine Zukunft in der Cloud. Statt Windows auf alle Geräte zu bringen, sollen alle Microsoft-Programme auf alle Geräte gebracht werden – und zwar bevorzugt als Miet-Software aus dem Internet. Microsoft deckt dafür jeden Aspekt der Cloud-Infrastruktur ab – vom Server über die Programmierumgebung bis zum Programm wie Office 365.

Microsoft will aber nicht nur Software auf alle Plattformen bringen, sondern auch Windows auf alle Geräte. Das neue Windows 10 läuft auf PCs ebenso wie auf Smartphones, Tablets, der Spielekonsole Xbox One oder Geräten aus dem Internet der Dinge. Künftig soll Windows den Alltag der Nutzer nahtlos ergänzen: Windows 10 blendet mit seiner Funktion HoloLens mit passender Augmented-Reality-Brille Programm-Fenster ins Wohnzimmer ein.

Google

„Das Ziel von Google ist es, die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen“, lautet das offizielle Unternehmensziel von Google. Wie Google damit Geld verdient, blendet diese Zielvorgabe aus: Der Konzern lebt von Werbung, die aufgrund der Auswertung der Nutzer-Daten gezielt individualisiert wird. Je mehr Menschen mit dem Internet verbunden sind, je mehr Menschen Google-Dienste wie Websuche, YouTube, Google Mail oder Karten nutzen, desto mehr weiß Google über seine Nutzer und desto mehr Aufmerksamkeit kann der Konzern für sich und seine Werbekunden verbuchen. Google hat deswegen zwei Zukunftsziele: Möglichst viele weitere Menschen mit dem Internet zu verbinden – die von Google viel beschworene „nächste Milliarde.“ Diejenigen, die bereits Zugang zum Internet haben, dazu zu bringen, einen möglichst großen Teil ihrer Zeit mit Google-Diensten zu verbringen.

Um das zu erreichen, wird Google selbst zunehmend als Internet-Infrastruktur-Anbieter aktiv: In mehreren US-Städten betreibt der Konzern bereits eigene Glasfaserleitungen, mit dem Project Fi bietet es sogar Mobilfunkverträge zum weltweiten Surfen in den USA an. Googles „Project Loon“ bringt das Internet mittels WLAN-Antennen in Dritte-Welt-Länder. Ein anderer Plan kann als vorerst gescheitert gelten: Über Googles Datenbrille Google Glass wollte das Unternehmen ein Gerät schaffen, um das Internet allgegenwärtig mit der realen Welt zu verbinden. Doch die in Kleinserie an Pionier-Nutzer verkaufte erste Version offenbarte zu viele Probleme – nun soll Google Glass zu einem Produkt für Unternehmenskunden werden.

In Googles Zukunftsversion ist: alles vernetzt. Das Internet zieht sich allgegenwärtig durch den Alltag der Menschen – und zwar weltweit auf Basis- von Google-Infrastruktur. Doch mit dem Internetzugang selbst will Google kein Geld verdienen, er ist zu einem billigen oder gar kostenlosen Grundversorgungsgut geworden. Der Konzern liest aus den riesigen Datenmengen der Nutzer heraus, was diese sich als nächstes wünschen. Diese Information verkauft der Konzern teuer an seine Werbekunden.

Amazon

Amazon-Chef Jeff Bezos schrieb bereits 1997 in einem Brief anlässlich des Börsengangs: „Wir werden mutige Investitionen tätigen, wo immer wir es als wahrscheinlich einschätzen, Marktführer zu werden.“ Diese Vorhersage hat Bezos umgesetzt wie kaum ein anderer Manager: Vom Online-Buchhändler entwickelte sich Amazon weiter zum Alles-Kaufhaus im Netz. 2007 entdeckte Bezos den Handel mit digitalen Gütern, und schuf im Alleingang eine Handelsplattform für Ebooks samt Lesegeräten sowie die Online-Videothek Amazon Instant Video. Zeitgleich überlegte er sich zusammen mit seinem Technik-Vize Werner Vogels, dass der Konzern ein zweites Standbein neben dem margenschwachen Geschäft mit realen Gütern benötigt, und schuf Amazon Web Services (AWS), einen Online-Hostingdienst für Unternehmen. Heute hat Branchen-Neuling Amazon mit AWS die Konkurrenz völlig distanziert und ist weltweit Marktführer beim Vermieten von Serverplatz en Gros.

Zusammengefasst erfindet Jeff Bezos sein Unternehmen immer wieder neu, um die Konkurrenz auf Abstand zu halten. Die nächste Branche in seinem Visier sind die lokalen Lebensmittelhändler und Supermärkte: In ausgewählten Städten liefert Amazon bereits jetzt frische Lebensmittel und Alltagsgüter an die Haustür. Da das per Lieferwagen nicht sonderlich effizient ist, will Bezos auf Drohnen setzen: Vor wenigen Tagen machte der Konzern den Vorschlag, den Luftraum in Großstädten in einer Höhe von 60 bis 150 Metern für Roboter-Lieferdrohnen zu reservieren, die dann Auslieferungen völlig selbstständig machen. Auch den Bestellvorgang will Amazon noch einfacher machen: Amazon Echo heißt eine schwarze Lautsprechersäule für das Wohnzimmer, die immer zuhört, und auf Zuruf bei Amazon Bestellungen einreicht. Je einfacher und nahtloser Bestellungen und Lieferungen funktionieren, desto mehr wird Amazon den Einzelhandel dominieren – in der Konsumwelt der Zukunft will Bezos, dass der einzige Intermediär zwischen den Produzenten und den Kunden online wie offline Amazon heißt.

Facebook

Mark Zuckerberg hat eine klare Vision für die Zukunft seines Unternehmens: Alle Kommunikation, überall, von jedem Internetnutzer soll über seine Netzwerke laufen. Um das zu erreichen, gibt er auch schon einmal 19 Milliarden Dollar aus, um ein emporkommendes Kurznachrichten-Start-up wie Whatsapp vom Markt zu kaufen. Das Ergebnis seiner Strategie: Was einst als eine Netzwerk-Seite für US-College-Studenten startete, ist heute der dominierende Endnutzer-Kommunikationskonzern.

Ein Bestandteil diese Erfolgs: Facebook filtert ohne Nutzervorgaben, welche Kommunikationsinhalte im sozialen Netz für Nutzer relevant sind – und welche nicht. Um in der Zukunft diese Inhalte und damit die Nutzer und ihre Beziehungen untereinander noch besser zu analysieren, setzt Zuckerberg auf künstliche Intelligenz – erst vor wenigen Wochen eröffnete Facebook ein neues Forschungslabor unter Führung des Spezialisten Yann LeCun.

Ein weiterer Bestandteil von Facebooks Strategie ist der Ausbau des Internets: Da in Schwellen- und Entwicklungsländern noch wesentlich weniger Menschen Facebook nutzen als in den Industriestaaten, förderte Zuckerberg mit der Initiative Internet.org Umsonst-Internetzugänge in diversen afrikanischen Staaten und in Indien. Dass viele Kritiker Facebook vorwerfen, in diesem Umsonst-Internet die eigene Seite zu bevorzugen, stört den Konzern nicht. Eine Umfrage unter den Nutzern des Umsonst-Zuganges zeigt: Viele dieser neuen Nutzer setzen Facebook mit dem Internet gleich. Sie leben bereits jetzt Zuckerbergs Vision.

Apple

Apple-Nutzer können bereits jetzt ihr gesamtes digitales Leben den stromlinienförmigen Geräten des Konzerns anvertrauen: Sie nutzen ein perfekt ineinandergreifendes Ökosystem aus iPhone, Apple Macbook, Apple Watch, Apple TV. Ihre Autos sind über den Apple-Standard Carplay ebenso angebunden wie ihre Häuser über Apples Home Kit. Ihre digitalen Medien konsumieren die Nutzer via iTunes, ihre Photos liegen in der iCloud, und sogar ihre Gesundheitsdaten speichert Apple via Health-App. Den Alltag organisiert Siri, Apples digitaler Assistent. Apple will noch mehr Aspekte des Alltags erobern: Der Konzern arbeitet an selbstfahrenden Autos und verhandelt mit BMW über eine Kooperation. Siri wird in jedem neuen Gerät integriert.

Doch da Apple sein Geld mit dem Verkauf von Hardware und dazu passenden digitalen Medien verdient, müssen die Nutzer nicht fürchten, dass ihre Privatsphäre an Werbekunden verkauft wird – im Gegenteil: Apple-Chef Tim Cook positioniert seinen Konzern aktuell als Wächter der Daten seiner Kunden, legt etwa für die Health-App strenge Datenschutzbestimmungen fest und blockiert in seinem Safari-Internetbrowser Tracking-Werkzeuge der Online-Werbenetzwerke. „Wir glauben, dass die Menschen ein fundamentales Recht auf Privatsphäre haben“, sagte Cook Anfang Juni auf einer IT-Konferenz in Washington. Seine Botschaft: Wer auf Apple-Geräte setzt, dessen Daten sind vor dem Ausverkauf geschützt. Der Haken: Cooks Vision ist eine Vision nur für diejenigen Nutzer, die es sich leisten können, ihr digitales Leben komplett Apple anzuvertrauen und dafür Premiumpreise zu bezahlen. Die weltweite Mehrheit zahlt mit ihren Nutzerdaten und ihrer Privatsphäre für die schöne neue Welt.