Düsseldorf –

Berentzen wird clean: Saft statt Apfelkorn

Die Menschen trinken immer weniger Schnaps. Das Unternehmen schwenkt auf Gesundes um

Düsseldorf.  Der Blick in die Statistik ist ernüchternd für Frank Schübel. 5,4 Liter Schnaps und Spirituosen hat jeder Deutsche im vergangenen Jahr getrunken, meldet der Branchenverband BSI – und damit so wenig wie seit den 60er-Jahren nicht mehr. Als Chef des traditionsreichen Schnapsherstellers Berentzen muss sich Schübel daher Gedanken machen, welche Perspektive sein Unternehmen überhaupt noch hat. Denn der Verbrauch wird nicht wieder zunehmen, sagen sämtliche Branchenexperten mit Verweis auf den demografischen Wandel hierzulande. Ganz im Gegenteil: Korn und Weinbrand werden nach einhelliger Meinung an Akzeptanz verlieren. „Ernsthafte Probleme vermeiden wir nur, wenn wir eine Brücke in neue Geschäftsfelder bauen“, weiß Schübel.

Dass der Manager trotzdem komplett gelassen bleibt, während er im Interview mit der Berliner Morgenpost über die düstere Zukunft des Spirituosenmarktes spricht, kommt nicht von ungefähr. „Wir haben unser neues Standbein bereits gefunden“, berichtet Schübel. „Wir verkaufen jetzt gesunden Saft.“ Mehr als ein Jahr wurde verhandelt, dann hat Berentzen für geschätzt 17 Millionen Euro den Zuschlag für die Übernahme des österreichischen Maschinenbauers Technic-Marketing-Products (TMP) bekommen. Das Familienunternehmen aus Linz stellt unter der Marke Citrocasa sogenannte Frischsaftsysteme her, also beispielsweise Orangenpressen wie sie mittlerweile schon vielfach in den Obst- und Gemüseabteilungen von Supermärkten zu finden sind. „Das Potenzial ist enorm“, schwärmt Schübel. „Zum einen, weil die Menschen immer gesundheitsbewusster werden. Und zum anderen, weil sich Supermärkte mit genau solchen Services von den Discountern abheben können.“

Das Prinzip ist denkbar einfach: Berentzen verkauft die Maschinen und bietet darüber hinaus auch noch die Früchte an. Frutas Naturalis heißt die Orangenmarke, die acht Monate lang unbehandelte Ware aus Spanien und Griechenland liefert und in den übrigen vier Monaten Früchte aus Südafrika beschafft. Der Saft entsteht direkt vor Ort: in der Hotelküche, hinter dem Kneipentresen oder im Supermarkt. Dort zapft der Kunde den Saft selbst in Einwegflaschen ab, die ebenfalls von Berentzen angeboten werden. Und die Akzeptanz ist hoch. „Während die Verbraucher beim klassischen Saft auf jeden Cent achten, sind sie beim frisch gepressten Saft fast gar nicht preissensibel.“

Die Maschinen sind teuer

Bis zu 10.000 Euro kostet eine Maschine der gängigen Modellreihe Fantastic, je nach Ausstattung und Zubehör. Verkauft wird in mittlerweile 20 Ländern, die mit Abstand wichtigsten sind derzeit aber die beiden Heimatmärkte Deutschland und Österreich. „Wir werden das Geschäft international ausrollen“, kündigt Schübel an und nennt zum Beispiel Amerika und Osteuropa als wichtige Expansionsziele. Noch dazu sind Zusatzsortimente geplant, etwa für andere Früchte oder kleinere Maschinengrößen, sodass sich auch Tankstellen eine Saftpresse leisten können oder Unternehmen für ihre Büros. Die Bilanz von Berentzen soll davon schon kurzfristig profitieren, zum einen beim Umsatz, vor allem aber beim Ertrag. Schließlich liefert TMP eine zweistellige Rendite, was die Kennzahlen des Unternehmens mit zuletzt 153 Millionen Euro Umsatz schon 2015 „deutlich verbessern“ soll, so Schübel.

Doch passen Saft und Schnaps eigentlich zusammen? „Sehr gut sogar“, meint Vorstandschef Schübel. „Denn im Kern sind wir ein Getränkeunternehmen.“ Tatsächlich verkauft die Berentzen-Gruppe, zu der auch Marken wie Puschkin, Bommerlunder, Doornkaat oder Stonsdorfer gehören, nicht nur Schnaps. Mit Vivaris gibt es auch eine Erfrischungsgetränketochter, deren Vertriebsstrukturen Schübel nun auch für die Saftpressen nutzen will. „Das ist also kein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.“ Vivaris hat zum Beispiel drei Mineralbrunnen mit Marken wie Emsland-Quelle, Märkisch-Kristall oder St. Ansgari. Dazu stellt das Unternehmen Cola her, aktuell für Sinalco. Zuvor war Vivaris 50 Jahre lang Konzessionär von Pepsi für die Gastronomie in Nord- und Ostdeutschland. Dass mit Sinalco schnell ein Ersatz gefunden werden konnte, hat den Schock aber ebenso abgemildert wie eine Ausgleichszahlung von Pepsi in Höhe von 5,5 Millionen Euro, mit der sich Berentzen 2014 in die schwarzen Zahlen retten konnte.

Verabschieden will sich Schübel aus dem rückläufigen und wettbewerbsintensiven Spirituosengeschäft, das nach wie vor für rund zwei Drittel des Umsatzes steht, aber nicht. „Unsere Marktstellung in Deutschland ist gut“, begründet der Vorstandschef mit Verweis auf die Marktführerschaft bei Fruchtschnäpsen. Sogar Übernahmen kann er sich vorstellen: „Wenn es ein attraktives Angebot gibt, würden wir das machen.“