Gasturbinenwerk

Siemens-Betriebsrat will „kämpfen wie die Bären“

Bei Siemens demonstrieren die Berliner Mitarbeiter gegen den Abbau Hunderter Stellen. Am größten Siemens-Produktionsstandort könnten bis zu 1400 Stellen wegfallen.

Proteste vor der Siemens-Zentrale an der Nonnendammallee, Demonstrationszug durch Moabit: Die Berliner Beschäftigten des Konzerns wehren sich gegen die Sparpläne aus der Münchener Zentrale. Insgesamt 800 der 3500 Stellen sollen im Gasturbinenwerk wegfallen. Die Gewerkschaft IG Metall fürchtet sogar weitere Arbeitsplatzverluste: Angeblich sind 600 der 3200 Stellen im Schaltwerk bedroht. Siemens wollte diese Zahl nicht kommentieren. Bundesweit hatten Gewerkschaft und Betriebsräte zu einem Aktionstag aufgerufen.

Das Schaltwerk stellt Anlagen zum Beispiel für Stromübertragungsnetze her und gehört zur Sparte Energie Management. Es ist die weltweit größte Produktionsstätte ihrer Art, wie es in der Standortbeschreibung von Siemens heißt. In den vergangenen fünf Jahren hatte der Konzern 100 Millionen Euro in das Werk gesteckt, eine neue Produktionshalle gebaut und die Effizienz verbessert. Jetzt stünden 600 Beschäftigte auf dem Prüfstand, sagte Klaus Abel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall auf einer Pressekonferenz. Das heiße in der Regel, der Stellenabbau sei intern bereits geplant. Gewerkschaft und Betriebsräte der Berliner Standorte forderten ein Umdenken.

Bei Siemens wird die Zahl nicht bestätigt. Es gebe Überlegungen zur Zukunft des Werkes, hieß es, aber keine konkreten Zahlen. Der Wirtschaftsausschuss des Konzerns, der sich regelmäßig mit strategischen Themen beschäftigt und in dem auch die Arbeitnehmer vertreten sind, behandelte das Thema nach Informationen der Berliner Morgenpost zwar auf seiner letzten Sitzung im Mai, nannte aber weder Zahlen noch befand über ein Konzept.

Rund 1500 Mitarbeiter demonstrieren in Siemensstadt

Rund 1500 Beschäftigte der verschiedenen Siemens-Standorte in Berlin sind vor die Zentrale des Konzerns in Siemensstadt gekommen, um zu protestieren. Die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Birgit Steinborn, rief der Belegschaft in Siemensstadt zu: „Wir brauchen Innovation und Motivation statt Kosteneinsparungen und Personalabbau. Darum werden wir kämpfen wie die Bären.“ Sie wenden sich vor allem gegen den geplanten Stellenabbau im Gasturbinenwerk. Die Sparte Power & Gas, zu der das Werk gehört, will weltweit 4500 stellen streichen, allein 495 in Berlin. Dazu kommen weitere 300 Stellen aus vorangegangenen Sparrunden.

Vor allem auf dem Markt für sehr große Turbinen ist weltweit umkämpft, die Preise sind gefallen. Auch verlangen vor allem staatliche Auftraggeber aus vielen Ländern, dass Siemens Arbeitsplätze in ihren Ländern schafft. Zudem gibt es in den Werken zu viele Überschneidungen, wie P&G-Chef Willi Meixner der Morgenpost sagte. So soll etwa die Schaufellfertigung in Budapest konzentriert werden. Gleichzeitig will Meixner in Forschung und Entwicklung investieren. Im Gasturbinenwerk wird derzeit noch alles gemacht.

Olaf Bolduan, Sprecher der Berliner Betriebsräte, fürchtet, dass durch die Umstrukturierung die Komplexität der Produktion steigt. Etwas, was das Management des Konzerns in den vergangenen Jahren als Begründung für Umbau und Stellenstreichungen genommen hat, wie er sagte. Günter Augustat, Betriebsratsvorsitzender im Gasturbinenwerk, nannte vor allem den Werksverbund in Berlin – neben dem Schalt- und Gasturbinenwerk gibt es noch ein Dynamowerk und zwei Standorte der Bahntechnik – als Garant für Austausch und Innovation. Gerade dadurch sei es im Turbinenwerk gelungen, Qualität und Lieferzeiten signifikant zu verbessern.

Arbeitnehmer wollen „Kurs umsteuern“

Besonders irritiert die Beschäftigten, dass Siemens Stellen streichen will, während der Konzern gerade den größten Auftrag der Geschichte in Ägypten bekommen hat. 24 Großturbinen der sogenannten H-Klasse sollen die Berliner in den kommenden zwei Jahren fertigen. Meixner zufolge lastet das das Werk nur zu einem Drittel aus. Betriebsratschef Augustat sagt dagegen, der Auftrag laste das Werk gut aus. Und wenn die Stellen wegfielen, wie solle ein weiterer solcher Auftrag, den niemand so richtig erwartet habe, dann abgewickelt werden?

Die Arbeitnehmer kündigen harte Verhandlungen mit dem Management an. Siemens sei kein Sanierungsfall, sondern mache solide Gewinne. Gewerkschaft und Betriebsräte fordern Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie ein Konzept für Berlin und Deutschland. „Wir gehen davon aus, dass wir den Kurs umsteuern können“, sagte IG-Metall-Mann Abel. „Wir haben Einfluss.“ Was ihnen hilft ist eine unbefristete Betriebsvereinbarung: danach sind betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland ausgeschlossen.