Kommentar

Arbeiten im Ruhestand - Ein Deal zu beiderseitigem Nutzen

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Jochim Stoltenberg

Immer mehr Senioren arbeiten auch im hohen Alter - obwohl sie es eigentlich gar nicht nötig hätten. Das zeigt eine neue Studie. Davon profitieren alle, kommentiert Jochim Stoltenberg.

Wer jahrzehntelang hochtourig durch die politische Landschaft Bonns, dann Berlins gejagt ist, dem fällt es schwer, den Motor von heute auf morgen abzustellen. Wäre ja auch einerseits schade, all das, was man im Laufe der Zeit vor und hinter den Kulissen an Erfahrung sammeln konnte, einfach dem Nichtsnutz zu überlassen.

Und dann gibt es natürlich noch die ganz private, die häusliche Sicht. Wenn man über Jahre mehr Gast im eigenen Hause war als Teil der Familie, droht fast zwangsweise ein zumindest befristeter Konflikt. Wenn nämlich der Herr Ehemann plötzlich morgens nicht mehr das Haus verlässt und erst des Abends zurückkehrt. Mischt er sich in neuer Selbstfindung gar ein in das, was bislang der Dame des Hauses vorbehalten war, dann droht der Ruhestand eher zum Krachstand zu werden.

Meine Frau und ich sind davon gottlob verschont worden. Weil ich mein Hobby zum Beruf machen konnte und das große Glück hatte, über die gesetzlich festgelegte berufliche Ausgrenzung hinaus fortsetzen zu dürfen, was mir immer Spaß und Freude bereitet hat. Ein Deal zu beiderseitigem Nutzen und Frommen. Davon ist auszugehen, solange nicht einer von uns, der Chefredakteur oder ich, sagt: Nun reicht’s.

Der Traum von der Entschleunigung

Alle Welt redet und träumt von Entschleunigung. Ein Journalist jenseits der 65 darf sie realisieren. Denn das ist die schönste Erfahrung des „Elder Journalist“: Er ist weitgehend von der tickenden Uhr, dem Zeitdruck, dem unbarmherzigen Redaktionsschluss befreit. Er darf in Ruhe noch einmal nachdenken, auch recherchieren, bevor er schreibt. Darum beneiden ihn viele jüngere Kollegen.

Und es wird dem analogen Schreiberling nachgesehen, dass Twitter und Facebook für ihn digitale Terra incognita geblieben sind. Die österreichische Schriftstellerin Marie Ebner-Eschenbach (1830 bis 1916) hatte ja nicht ganz Unrecht, als sie weissagte, „Alt werden, heißt sehend werden …“ Aber man muss auch nicht mehr alles wissen, mitmachen und sehen.

Das gilt unabhängig davon, dass Arbeit und Gespräch mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen den Horizont weitet und vor allzu großer Besserwisserei schützt. Und wenn die Redaktion respektiert, dass der Dienstag für sie tabu ist, weil zum unumstößlichen Enkeltag deklariert, wird der Bürogang zum Lebenselixier. Besser als jede Golfrunde, für die ich ohnehin nie Zeit hatte.