Führungswechsel

Strategischer Schachzug - Bayer erhält neuen HealthCare-Chef

Olivier Brandicourt, der bisherige Bayer-HealthCare-Chef, wechselt zum französischen Konzern Sanofi: Seinen Posten übernimmt Werner Baumann, der als Strategievorstand den Wandel des Konzerns steuert.

Foto: bayer / Bayer

Die Konkurrenz ruft: Olivier Brandicourt, Chef des Gesundheitsgeschäfts bei Bayer, wechselt zum französischen Konzern Sanofi. Der 59-Jährige übernimmt zum 2. April die Führung in Paris. Sanofi suchte seit Oktober nach einem neuen Konzernchef. Brandicourts Vorgänger musste wegen schwacher Amtsführung und mangelnder Kommunikation mit seinem Verwaltungsrat gehen.

Bayer ersetzt den Topmanager mit Werner Baumann, der seit Oktober als Bayer-Strategievorstand den Wandel des Konzerns steuert. Der 52-Jährige übernimmt einen „absolut gut aufgestellten“ Bayer-Teilkonzern, wie es von Bayer HealthCare hieß. Das Gesundheitsgeschäft ist der Wachstumstreiber des Konzerns.

Brandicourt ist derzeit der oberste Chef der rund 4500 Berliner Bayer-Mitarbeiter, wenn man einmal vom Konzernchef Marijn Dekkers absieht. Unter HealthCare hat Bayer das Geschäft mit Tiergesundheit, rezeptfreien und rezeptpflichtigen Medikamenten gebündelt. Letzteres wird von Berlin aus gesteuert. Brandicourt verantwortet rund 46 Prozent des gesamten Bayer-Umsatzes und rund 60 Prozent des Gewinns vor Steuern und Zinsen, auf Basis der Drei-Monats-Zahlen 2014. Allein rund zwei der 4,95 Milliarden Euro Betriebsgewinn stammten aus dem Geschäft mit rezeptpflichtigen Medikamenten.

Baumann begann 1988 bei Bayer

Die Zahlen für das Gesamtjahr 2014 will Bayer am kommenden Donnerstag vorlegen. Offenbar sind die Geschäfte im vierten Quartal 2014 ebenso gut gelaufen wie in den drei Quartalen davor. Der Konzern jedenfalls erwartete zuletzt einen Umsatz von 42 Milliarden Euro, ein Plus von 4,5 Prozent, vor allem getrieben vom Gesundheitsgeschäft.

Der neue Mann an der Spitze des wichtigen Bayer-Teilkonzerns kennt sich im Unternehmen bestens aus. 1988 begann Baumann bei Bayer im Ressort Konzernfinanzen, arbeitete in Spanien und den USA, später dann in der Leitung von Bayer HealthCare.

Nachdem die Leverkusener 2006 Schering gekauft hatten, begleitete der 52-Jährige als Arbeitsdirektor die Integration des Berliner Unternehmens, heute der Kern des Pharmageschäfts, in die Bayer AG. In den vergangenen fünf Jahren arbeitete Baumann im Bayer-Konzernvorstand, zunächst als Finanzvorstand, seit Oktober 2014 ist er für die Strategie verantwortlich. Und die hat sich im vergangenen Jahr zuletzt gewandelt.

Engere Zusammenarbeit erwünscht

Bayer besteht bisher aus drei Teilkonzernen: Healthcare (Gesundheit), CropScience (Agrochemie und Tiergesundheit) und MaterialScience (Chemie). Von letzterer Sparte will sich der Konzern bis 2016 trennen. Geplant ist bisher ein Börsengang. Die verbleibenden, ertragsstarken Teilkonzerne sollen bei Forschung und Entwicklung enger zusammenarbeiten als bisher und voneinander profitieren.

Was zunächst merkwürdig klingt, macht für die Forscher Sinn. So gibt es bereits ein Bayer-Mittel gegen Wurmbefall bei der Paprika-Pflanze. Der Wirkstoff schaltet in den Wurmzellen die Energiezufuhr ab, der Wurm stirbt. Möglicherweise lässt sich der Wirkstoff aber auch gegen Krebs einsetzen, wenn er gezielt in den Krebszellen die Energie abschaltet. An einem Wurmmittel für Haus- und Nutztiere arbeitet Bayer gerade. Die neuen Forschungskonzepte stellte Bayer Anfang Dezember in Leverkusen vor. Innovationsvorstand Kemal Malik sagte damals, Bayer sei der einzige Pharmakonzern mit derartig übergreifendem Wissen. Die Chemiesparte passt da nicht mehr recht hinein.

Anders als etwa der US-Konkurrent Pfizer, der sich immer wieder durch Zukäufe neue Produkte verschafft, setzt Bayer auf eigene Entwicklungen und steckt deshalb viel Geld in die Forschung. Im vergangenen Jahr waren es 3,2 Milliarden Euro, allein 1,9 Milliarden Euro im Pharmabereich. Auch 2015 sollen die Forschungsausgaben wie in den vergangenen Jahren steigen. Berlin ist neben Wuppertal der zentrale Forschungsstandort, mehr als 2000 der insgesamt 13.000 Forschungsmitarbeiter beschäftigen sich hier am Standort in Wedding mit Medikamenten gegen Krebs und zur Verhütung.

Klinische Tests für neue Medikamente

Derzeit arbeitet Bayer an zahlreichen neuen Medikamenten, von denen der Konzern fünf großes Umsatzpotenzial zutraut. In diesem Jahr sollen klinische Tests beginnen, die letzte Stufe vor der Genehmigung durch die Behörden und der Markteinführung. Dazu gehört unter anderem ein Mittel gegen Krebs des Lymphsystems. Topprodukt derzeit ist Xarelto, ein Mittel, um Thrombosen vorzubeugen. In den ersten neun Monaten 2014 setzte Bayer allein mit Xarelto rund 1,2 Milliarden Euro um, ein Plus von 83,7 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: Der Umsatz des frei verkäuflichen Klassikers Aspirin betrug rund eine Milliarde Euro.

Im vergangenen Herbst hatte Bayer bereits die Spitze des Pharmageschäfts in Berlin neu besetzt. Dieter Weinand, 53, übernahm den Posten von Andreas Fibig, der zum US-Aromenhersteller IFF ging. Unter Fibig hatte das Pharmageschäft zahlreiche der jetzt umsatzstarken Medikamente auf den Markt gebracht.