Nachruf

Frank Gilly blieb Berlin immer treu

Frank Gilly, Spitzenmanager der Deutschen Bank in Berlin, ist mit 56 Jahren gestorben. Er hat wesentlich zur Förderung des Mittelstands in Berlin und Brandenburg beigetragen.

Foto: Martin U. K. Lengemann

„Es hat mir fast die Füße weggerissen, als ich es hörte. Er war so sympathisch, so authentisch, so bodenständig. Es ist furchtbar...“ Nur eine von vielen ähnlichen Stimmen dieser Tage aus der Deutschen Bank Berlin. Im Alter von nur 56 Jahren ist Frank Gilly aus dem Leben gerissen worden.

Als Mitglied der Regionalen Geschäftsleitung Ost der Deutschen Bank mit dem Verantwortungsbereich Privat- und Firmenkundengeschäft in Berlin und Brandenburg zählte Frank Gilly zu den profiliertesten Bankern unserer Stadt. Am Montag starb er völlig überraschend an einem Herzinfarkt. Noch beim Neujahrsempfang der Berliner Industrie- und Handelskammer am Freitag vergangener Woche schien er völlig gesund und blickte optimistisch auf das, was ihn im neuen Jahr erwartete und was er plante.

Frank Gilly hat das Bankgeschäft von der Pike auf gelernt, ohne Studium eine Karriere hingelegt, wie sie heute kaum noch denkbar ist. Die Praxis war ihm immer näher als die Theorie. „Ich bin der klassische Mensch der Kunden und des Marktes. Der Schreibtisch allein ist meine Sache nicht. Meine Lernkurve ist dann besonders dynamisch, wenn ich Sparringspartner für meine Kunden sein kann“, sagte er über sich und sein Selbstverständnis vom Geschäft mit dem Geld während eines früheren Spaziergangs mit dem Autoren.

Im offiziellen Nachruf seines Arbeitgebers klingt es sehr ähnlich: „Er verstand sich als Wegbegleiter für andere, den es nicht am Schreibtisch hielt.“ Der so oft als Floskel hintan formulierte Satz „Wir werden ihn sehr vermissen“ trifft bei Frank Gilly den Kern seiner Persönlichkeit und damit die Wahrheit. Wie ein Schock habe die Nachricht von seinem Tod auf die Mitarbeiter gewirkt. So ist zu hören, egal, ob man in der Berliner Zentrale oder in den Filialen fragt.

Förderung des Wiederaufbaus

In Steglitz geboren, ist Frank Gilly Berlin immer treu geblieben. Anders als so viele andere in der nach 1945 verarmten und geteilten Stadt hat er diese der Karriere wegen nie verlassen. Er hat sich hier immer wohl gefühlt, eine gute Schulbildung genossen, nach dem Abitur an der Friedenauer Paul-Natorp-Oberschule und als Lehrling bei der Commerzbank seinen Weg in die Bankenwelt gestartet. Vom Lehrling über Management-Trainee ein Aufstieg über die Filialen Neukölln, Spandau und Berlin West bis zum Leiter der Regionalfiliale Berlin-City-West mit der Ressortverantwortung Privatkundengeschäft. Das waren seine ersten 19 Berufsjahre. 1997 warb ihn die Berliner Bank ab, die in der Nachkriegszeit vom Senat mit dem Ziel Förderung des Wiederaufbaus der Stadt gegründet worden war.

Auf der Karriereleiter ging es weiter bergauf; bis zum Vorstandschef. Nach dem Berliner Bankencrash, ausgelöst durch zu großspurige Pläne der heimischen Politik, war das Geldinstitut 2006 von der Deutschen Bank gekauft worden. Auch die erkannte Gillys profunde Berlin-Kenntnisse und holte ihn 2013 rüber zur „Mutter“. Mit einem klaren Auftrag: Ankurbelung des Mittelstandsgeschäfts und damit Stärkung der Verankerung der global agierenden Deutschen Bank in der Region Berlin-Brandenburg. Der Praktiker als Macher vor dem Hintergrund der Rückbesinnung auf die Realwirtschaft.

Vorreiter der Neuausrichtung

Ende vergangenen Jahres präsentierte er zusammen mit den beiden anderen Spitzenmanagern der Deutschen Bank Berlin, Anke Sahlen, verantwortlich für das Vermögensgeschäft, und Harald Eisenach, Vorsitzender der Regionalen Geschäftsleitung, nach nur 18 Monaten in neuer Funktion eine Bilanz, die sich wahrlich sehen lassen konnte. Allein 2014 steigerte die Bank die Zahl der Firmenkunden um fünf Prozent, auch das Geschäftsvolumen samt Gewinn wurde deutlich gesteigert, ohne dass das Führungstrio allerdings schon genaue Zahlen vorlegte. Eine Bilanz, die auch in der Frankfurter Zentrale beeindruckte und vom wirtschaftlichen Wiedererstarken der Hauptstadtregion kündete.

Profitieren konnte die Bank vor allem von der wachsenden Gründerszene in und rund um die Hauptstadt; nicht zuletzt das Verdienst Frank Gillys. Geholfen haben dabei neue Strukturen, in denen das Geschäft nicht mehr nach Sparten aufgeteilt ist, sondern die Filialen alles „aus einer Hand“ anbieten samt der Wiederentdeckung auch des kleineren Mittelstands als Kunden.

Die Deutsch-Banker in Berlin haben damit schon angepackt, was der größten deutschen Bank in Gänze ins Haus steht – Umbruch und Neuausrichtung, um im Vergleich zu anderen Banken wieder profitabler zu werden. Eine entsprechende Botschaft in Briefform hat der Vorstand in Frankfurt erst am Montag dieser Woche an alle Mitarbeiter verschickt. Frank Gilly hat sie nicht mehr erreicht. Er war aber auch ohne sie längst auf dem richtigen Weg.

Dass er so jung und so plötzlich gestorben ist, erschüttert auch deshalb, weil Frank Gilly seinen Ausgleich zum Beruf schon immer im Sport gefunden hat. In der Jugend spielte er Fußball, war Torwart bei Preußen Wilmersdorf, FV Wannsee und VFL Schöneberg. Die Zeitschrift „Sportwoche“ wählte ihn einmal sogar zum Spieler der Saison (Amateurliga), bis eine schwere Ellenbogenfraktur seine Fußballerkarriere beendete. Der Marathonlauf wurde seine neue Leidenschaft: 25 Mal Berlin, achtmal New York, einmal coast to coast Südafrika. Seinen 26. Berlin-Marathon in diesem Jahr hätte er sich wohl kaum entgehen lassen. Seit dem 18. Lebensjahr war er zudem begeisterter Motorradfahrer. Ein Hobby, das er mit seiner Frau teilte. Gemeinsam tourten sie einmal im Jahr von München aus durch Südtirol oder in die Dolomiten. Für den Hausherrn stand noch ein Rennmotorrad in der Garage des Steglitzer Heims. Als sei das alles nicht schon sportliche Aktivität genug, war Frank Gilly auch noch begeisterter Skiläufer.

Bekannte Vorfahren

Als wir uns vor eineinhalb Jahren zum Spaziergang trafen, wählte Frank Gilly nicht zufällig das Wrangelschlösschen in Steglitz als Treffpunkt. Vorfahren väterlicherseits waren Architekten von Rang: Friedrich Gilly hat bei Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) gelernt, Friedrichs Vater David Gilly hat das Wrangelschlösschen entworfen, das vor ein paar Jahren restauriert wurde und zur Freude des Urururur-Enkels wieder in altem Glanz erstrahlt. Auch mütterlicherseits kann sich seine Ahnengalerie sehen lassen: Die Urgroßmutter war eine geborene Aschinger aus der legendären Berliner Gasthausdynastie.

Wer so mit Berlin verbunden ist,weiß um die Verantwortung für seine Heimat über das Berufliche hinaus. Frank Gilly redete nicht nur darüber, er handelte auch. Als Nachhilfelehrer etwa unterrichtete er an seiner alten Friedenauer Oberschule Wirtschafts- und Finanzthemen. Sein praxisnahes Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge stieß bei den Schülern auf großes Interesse. „Wir haben ein eher tradiertes Bildungssystem. Die Welt dagegen hat sich komplett verändert. Da ist es gut und hilfreich, dass sich viele Unternehmen und Institutionen auch mit der Bildung an den Schulen beschäftigen“, sagte er damals und animierte Freunde und Kollegen, seinem Beispiel zu folgen. Sein Vorbild motivierte viele Mitarbeiter, sich ebenfalls als „Volunteers“ für soziale und gemeinnützige Zwecke zu engagieren.

Anhänger des Euro

Dazu gehörte nicht allein aus seiner Bankersicht das Werben für den Euro. „Wir werden ihn behalten und wir müssen ihn behalten. Die deutsche Wirtschaft erschließt sich die internationalen Märkte auch über den Euro. Die Vorteile des Euro für unsere Wirtschaft überwiegen bei Weitem unsere bisherigen Kosten für die Euro-Rettung. Wir müssen den deutschen Steuerzahlern klarer als bisher machen, dass wir es sind, die vor allen anderen von der Euro-Zone profitieren.“ Davon war er nicht nur überzeugt, dafür warb er auch bei der Jugend, für die die komplizierten finanzpolitischen Zusammenhänge nicht immer leicht zu durchschauen sind. Auch da war Frank Gilly mit seiner Bodenhaftung und lockeren Berliner Art ein guter Lehrmeister und Botschafter seiner Bank.

Frank Gilly war nicht nur ein geborener Berliner, sondern auch einer, der immer an die Zukunft seiner Stadt geglaubt hat, auch wenn die Zeiten noch so schwer, manchmal gar hoffnungslos schienen. Um so mehr überkam ihn das Glück, als endlich die Teilung der Stadt ein Ende hatte und damit verbunden sich neue Geschäftsfelder auftaten. Er hat sie für sich, seine Banken und für Berlin genutzt.

Frank Gilly hinterlässt eine große Lücke. Zusammen mit seiner Frau und den beiden erwachsenen Kindern trauert die Stadt um ihn.