Lokführer-Streik

Gewerkschaft GDL hält an Bahnstreik fest

Die Folgen des Lokführer-Streiks sind bereits zu spüren. Die Bahn bezeichnet den Ausstand als „Amok“ - und legt ein neues Angebot an die GDL vor. Doch die lehnte am Abend ab.

Zuerst traf es die Berufspendler, jetzt die Berliner auf dem Weg in den Urlaub. Die Züge in Berlin und ganz Deutschland sollen ab Sonnabendnacht stillstehen, wieder einmal. Dieses Mal für ein ganzes Wochenende. Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) hat angekündigt, ab Sonnabendnacht um 2 Uhr bis Montagmorgen um 4 Uhr die S-Bahn, Regionalbahn und den Fernverkehr zu bestreiken. Bereits am Freitag ab 15 Uhr sollte der Güterverkehr stillstehen. Es ist der zweite Streik innerhalb einer Woche.

Bereits am vergangenen Mittwoch hatten die Lokführer ihre Arbeit für 14 Stunden niedergelegt. Der aktuelle Streik soll der bisher längste in dieser Tarifrunde werden und dürfte für Ärger sorgen, denn an diesem Wochenende beginnen in sieben Bundesländern, darunter Berlin und Brandenburg, die Herbstferien, in zwei anderen enden sie. Die Deutsche Bahn hatte am Freitag der GDL ein neues Angebot unterbreitet. Die prüfte stundenlang - und teilte am späten Abend mit, sie halte am angekündigten Streik bis Montagmorgen fest.

Die DB verweigere nach wie vor inhaltliche Verhandlungen für das gesamte Zugpersonal in der GDL, teilte die Gewerkschaft am Freitagabend in Frankfurt zur Begründung mit.

„Kinder wollen in den Urlaub“

Die Gewerkschaft betont, den Zeitpunkt nicht bewusst auf den Ferienbeginn gelegt zu haben. „Wenn wir immer den Zeitpunkt wählen würden, der den Fahrgästen am meisten schaden würde, könnte man uns zu Recht Bösartigkeit vorwerfen“, sagte Frank Nachtigall, Bezirksvorsitzender der GDL für Berlin, Brandenburg und Sachsen. Die GDL agiere nun einmal überregional und wenn sie auf jeden Feiertag einginge, würde nie gestreikt werden, so Nachtigall. „Es ist eine große Sauerei, den Streik auf ein Wochenende wie dieses zu legen. Die Ferien beginnen, Kinder wollen in den Urlaub“, sagte ein Sprecher der S-Bahn.

Er betonte, man werde auch bei diesem Streik die Fahrgäste umfassend informieren, sowohl auf den Bahnhöfen als auch im Internet auf der Seite der S-Bahn. Die Deutsche Bahn hat einen Sonderfahrplan eingerichtet. „Trotzdem wird es natürlich Bereiche geben, wo nichts fahren wird“, so der S-Bahnsprecher. Man werde sich aber bemühen, dort Ersatzbusse einzusetzen. Bei dem Streik am vergangenen Mittwoch war es der S-Bahn gelungen, 25 Prozent des regulären Fahrplans zu befahren.

Online rief die S-Bahn Berlin ihre Fahrgäste dazu auf, während des Streiks auf Busse, U-Bahnen und Trams der BVG auszuweichen. Man bedauere die Einschränkungen sehr.

>> Online will die S-Bahn auf dieser Seite aktuell informieren.

Zusätzlich zur allgemeinen Servicenummer unter 0180 6 99 66 33 (20ct/Anruf aus dem Festnetz, Tarife bei Mobilfunk max. 60ct/Anruf) ist eine kostenlose Servicenummer unter 08000 99 66 33 geschaltet.

BVG will mehr Wagen einsetzen

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bemühen sich, die Folgen des Streiks abzufedern. Auf stark frequentierten U-Bahn- und Straßenbahnlinien, wie beispielsweise der U2, sollen mehr Wagen und längere Fahrzeuge eingesetzt werden. Die Verkehrsbetriebe betonen jedoch, dass sie Ausfälle der S-Bahn nicht eins zu eins ausgleichen können. Bei dem jüngsten Streik der Lokführergewerkschaft musste die BVG im Berufsverkehr nach eigenen Angaben 60 Prozent mehr Fahrgäste transportieren. Deswegen bittet die BVG die Fahrgäste darum, auf die Mitnahme von Fahrrädern in den Bahnen zu verzichten. „Es ist für alle eine Stresssituation. Deswegen ist es sehr wichtig, dass alle aufeinander Rücksicht nehmen“, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Trotz der langen Streikdauer sind die Verkehrsbetriebe vorsichtig optimistisch, die Ausfälle gut auffangen zu können. „Im Gegensatz zu vergangenen Mittwoch haben wir kaum Berufsverkehr“, so Falkner.

In dieser Tarifrunde legen die bei der GDL organisierten Lokführer nun zum fünften Mal ihre Arbeit nieder. „Wir wollen den Streit einfach nicht über mehrere Wochen oder Monate hinziehen, deswegen machen wir jetzt verstärkt Druck auf die Deutsche Bahn“, sagte der GDL-Bezirksvorsitzende Frank Nachtigall. Die Gewerkschaft fordert von der Bahn fünf Prozent mehr Lohn und eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um zwei Stunden. In dem Tarifkonflikt geht es aber vor allem um einen Machtkampf zwischen GDL und Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Sie streiten darum, wer für welche Mitarbeitergruppe die Verhandlungen führen darf. Die Bahn will vermeiden, dass gleiche Berufsgruppen unterschiedlich bezahlt werden, weil sie in verschiedenen Gewerkschaften organisiert sind.

Deutsche Bahn: „Die GDL läuft Amok“

Die Deutsche Bahn warf der Gewerkschaft GDL vor, mit dem 50-stündigen Streik jedes Maß verloren zu haben: „Die GDL läuft Amok.“ Ohne Not würden Millionen Menschen die Ferien verdorben.

Wirtschaftsverbände reagierten verärgert auf den langen Streik. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nannte den Ausstand unverhältnismäßig und verantwortungslos. „Neben dem Ärgernis für Urlauber führen Streiks auch im Güterverkehr bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen“, sagte auch der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. „Denn Bahntransporte können oft nicht kurzfristig auf Straßen oder Schiffe verlagert werde.“

Bahn versucht Streik mit neuem Angebot abzuwenden

Am Freitagnachmittag hatte die Deutsche Bahn der GDL ein Angebot vorgelegt und für Sonntag Gespräche angeboten. Im Gegenzug solle die Gewerkschaft den Streik aussetzen. Das Angebot sieht eine dreistufige Einkommenserhöhung für Lokführer um insgesamt fünf Prozent innerhalb von 19 Monaten vor und eine Einmalzahlung von 325 Euro. Ein Bahn-Sprecher betonte jedoch, es bleibe dabei, dass es Tarifkonkurrenz verschiedener Gewerkschaften nicht geben dürfe.

Claus Weselsky, Vorsitzender der GDL, sagte: „Das Bahn-Management hat einen einzigen Punkt zu entscheiden: Tarifpluralität oder Tarifeinheit. Alles andere ist Schauspiel.“ Von der GDL hieß es zunächst nur, die Tarifabteilung arbeite fieberhaft an einer Bewertung des Angebots. Der Vorsitzende des GDL-Bezirks Berlin-Sachsen-Brandenburg, Frank Nachtigall, sagte dem RBB am Freitagabend, das Angebot enthalte interessante Punkte, aber oberstes Ziel sei ein Einheitstarifvertrag für alle Beschäftigten. Am späten Freitagabend dann die Mitteilung: Es bleibt beim Streik.

Ansturm auf Fernbusse

Der Machtkampf der Gewerkschaften trifft dieses Mal auch viele Ferienreisende. Viele werden sich nach einer alternativen Reisemöglichkeit umsehen. Der ADAC hatte bereits am Freitagnachmittag im Vergleich zu normalen Wochenenden 20 Prozent mehr Buchungen bei seinem Fernbusangebot und 16 Prozent mehr Buchungen bei der Mitfahrvermittlung Mitfahrclub. Mit einem Verkehrschaos rechnet der Automobilclub trotz Streiks am Wochenende nicht. „Es ist wegen dem Ferienbeginn in vielen Bundesländern sowieso mit einem heftigen Verkehrsaufkommen zu rechnen“, sagte eine Sprecherin des ADAC. Die Situation könne sich durch den Streik natürlich ein bisschen verschärfen, aber wer sein Urlaubsziel erreichen möchte, der hätte sowieso kaum eine Wahl.

MeinFernbus verzeichne seit Ankündigung der Streiks am Morgen eine Verdreifachung der Zugriffe auf seine Homepage, sagte Geschäftsführer Torben Greve am Freitag. Die Buchungseingänge schnellten entsprechend in die Höhe.

Der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (bdo), Matthias Schröter, sprach vom „puren Wahnsinn“. Die Webseiten einzelner Anbieter seien überlastet, es gebe mehr Anfragen als Kapazitäten. Alle Anbieter versuchten nun, mit weiteren und größeren Bussen auf den Ansturm zu reagieren.

Bahn streicht alle Fußball-Sonderzüge

Fußball-Fans müssen an diesem Wochenende wegen des angekündigten Streiks mit erheblichen Problemen auf der Anreise zu den Bundesliga-Partien rechnen. Wie die Deutsche Bahn am Freitag der Nachrichtenagentur dpa mitteilte, sind alle Fußball-Sonderzüge gestrichen worden. In einer Mitteilung der Bahn hieß es dazu: „Die An- und Abreise der Fans zu den Stadien kann durch die DB nicht sichergestellt werden.“

Bei der Hertha, deren Trikotsponsor pikanterweise die Bahn ist, soll es keine Probleme geben. „Der Fanzug, der die Anhänger zum Spiel bei Schalke 04 bringen wird, ist nicht betroffen“, teilten die Berliner mit. Am Vormittag twitterte der Verein, der Fan-Zug nach Gelsenkirche fahre:

Die Vereine geben über ihre Fan-Abteilungen Empfehlungen und Informationen zu alternativen Anreisemöglichkeiten. Borussia Dortmund etwa bietet auf seiner Homepage ein Forum für Mitfahrgelegenheiten zum Auswärtsspiel am Samstag beim 1. FC Köln an.