Tarifstreit

Der Leitwolf der Lokführer und neue Streiks

Fünf Millionen Fahrgäste müssen sich auf lange Streiks gefasst machen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer droht im Tarifstreit mit der Deutschen Bahn mit unbefristeten Arbeitsniederlegungen.

Foto: Soeren Stache / dpa

Den Führerstand im Zug hat er schon lange verlassen. Und doch kann Claus Weselsky quer im Land die Züge zum Stehen bringen. Der 55-Jährige ist Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und versteht es, seine Mitglieder hinter sich zu bringen. So drohen im laufenden Tarifstreit mit der Deutschen Bahn wieder Streiks. In der Urabstimmung sprachen sich 91 Prozent der Befragten für unbefristete Arbeitsniederlegungen aus.

Bahnkunden müssen sich in der kommenden Woche auf lange Streiks gefasst machen. Die Gewerkschaft will nach Weselskys Worten zunächst ein neues Bahn-Angebot prüfen und sich dazu am Montag äußern. Nach einer ersten Durchsicht sei er skeptisch. Die GDL werde dennoch verantwortungsvoll mit ihrer Streikmacht umgehen. „Wir werden Schritt für Schritt den Druck erhöhen“, kündigte Weselsky an.

Konzern plant für den Ernstfall

Die Deutsche Bahn kritisierte die Haltung der GDL. „Wir versuchen, uns bestmöglich vorzubereiten“, erklärte ihr Personalvorstand Ulrich Weber. Allerdings sei das schwierig, weil unklar sei, wann, wo und wie lange gestreikt werde. Wenn über Streiks gesprochen werde, gehe es um täglich über fünf Millionen Bahnkunden. Weber kündigte Gespräche mit Bahn-Mitarbeitern – auch von der Konkurrenzgewerkschaft EVG – darüber an, wer im Zuge von Einsatz- und Schichtplänen im Streikfall zur Arbeit bereit sei.

Webers Gegner Weselsky ist Gewerkschafter durch und durch: Der Sachse war bei der Geburtsstunde der GDL in Ostdeutschland dabei und wurde dort 1990 Vorsitzender der Ortsgruppe Pirna. Zwei Jahre später verließ der gelernte Lokführer die Schienen: Vom Büro aus arbeitete er für die GDL, als Personalrat und Betriebsrat, seit 2002 ist er für seine Gewerkschaftstätigkeit ganz freigestellt. Im Mai 2006 stieg Weselsky zum Vizevorsitzenden der GDL auf und wurde „Kronprinz“ des damaligen Chefs Manfred Schell.

Bekannt wurde Weselsky 2007, als sich Schell mitten in der heißen Phase des Arbeitskampfes in die Kur am Bodensee verabschiedete. Damals zeigte Weselsky, dass er ein Verhandlungsführer ist, der die Position der Lokführer kompromisslos vertritt und durchaus mit harten Bandagen kämpft. Das nach monatelangem Streit Anfang 2008 erkämpfte Ergebnis konnte sich sehen lassen: Ein saftiges Lohnplus von elf Prozent. Wenige Monate später wählten die GDL-Mitglieder Weselsky zum Nachfolger von Schell, mit 90 Prozent der Stimmen.

Mit harten Bandagen kämpft Weselsky auch im laufenden Tarifstreit. Zuletzt platzten vergangene Woche Gespräche zwischen dem GDL-Chef und dem Bahn-Personalvorstand Weber. „Nicht einen einzigen Millimeter“ habe sich die Gegenseite bewegt, schimpfte Weber. Der Konzern habe „die letzte Chance vertan, um Arbeitskämpfe abzuwenden“, wetterte Weselsky.

Fünf Prozent mehr Lohn und Arbeitszeitverkürzung

Fünf Prozent mehr Lohn und eine Arbeitszeitverkürzung fordert die GDL. Sie will aber auch für andere Berufsgruppen bei der Deutschen Bahn verhandeln, beispielsweise die Zugbegleiter. Das lehnt die Bahn ab und fordert klare Absprachen zwischen der GDL und der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Doch ein mögliches Kooperationsabkommen zwischen den Gewerkschaften und der Bahn geißelt Weselsky als „tarifpolitische Zwangsjacke“. In der EVG sieht er ohnehin eine „handzahme Hausgewerkschaft“, der er auch schon mal „Totalversagen“ attestiert.

Wegen seiner Wortgewalt wurde der Mann mit dem Schnauzer von mehreren Zeitungen auch schon als „Einheizer“ bezeichnet. Sie brachte Weselsky vor wenigen Wochen aber auch gehörig in die Defensive. Von Kranken, die sich miteinander ins Bett legten und „etwas Behindertes“ zeugten, sprach er, als er in einer Rede über die Fusion der Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA zur EVG sprach. Anschließend hagelte es Proteste und Rücktrittsforderungen. Weselsky entschuldigte sich schließlich für „die falschen Worte“.

In den Chor der Rücktrittsforderungen stimmte auch Weselskys Vorgänger Manfred Schell mit ein. „Ich selbst war nie zimperlich, aber diese Äußerungen sind äußerst prekär“, sagte er der „Bild“-Zeitung Anfang September. Auch an der Verhandlungspolitik des heutigen GDL-Chefs ließ Schell kein gutes Haar. „Der stellt sich hin, als würde er zum Heiligen Krieg aufrufen. Nur um sein Ego zu stärken“, schimpfte der 71-Jährige.

Doch der Gefolgschaft der GDL-Mitglieder ist sich Weselsky gewiss. Die Beteiligung an der Urabstimmung war mit rund 80 Prozent groß, die Zustimmung zu seinem Kurs mit 91 Prozent ebenfalls. Die GDL habe damit „ein gutes Fundament erhalten“, erklärte er am Donnerstag.