Inklusionspreis

Warum Berliner Firmen auf behinderte Mitarbeiter setzen

Viele Berliner Betriebe geben Menschen mit Handicaps eine berufliche Chance. Trotzdem sind Vorurteile noch immer weit verbreitet. Der Inklusionspreis soll vor allem kleineren Firmen Lösungen zeigen.

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Menschen mit Handicap haben es auf dem Berliner Arbeitsmarkt weiter schwer, erklärt Franz Allert, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGeSo). Häufig werde eine Behinderung noch immer mit Arbeitsunfähigkeit gleichgesetzt. Dabei zeigen viele Beispiele, wie leistungsfähig Schwerbehinderte sind.

Mit dem Berliner Inklusionspreis zeichnet das LAGeSo mittlerweile zum zwölften Mal Betriebe aus, die sich in vorbildlicher Weise für die Gleichstellung und Eingliederung ihrer schwerbehinderten Mitarbeiter einsetzen. Stefan Seewald hat mit LAGeSo-Präsident Franz Allert gesprochen.

Berliner Morgenpost: Alljährlich vergeben Sie den Inklusionspreis des Landes Berlin. Wie ist die Resonanz der Arbeitgeber? Und warum ist es aus Ihrer Sicht notwendig, Leistungen im Bereich der Inklusion auszuzeichnen?

Franz Allert: Zum einen würdigt das Land Berlin mit dem Preis Unternehmen, die Menschen mit Schwerbehinderung eine berufliche Chance in ihren Betrieben bieten. Zum anderen zeigen die nachahmenswerten Best-Practice-Beispiele der ausgezeichneten Unternehmen anderen Firmen, dass auch schwerbehinderte Beschäftigte Leistungsträger sind und zum wirtschaftlichen Erfolg ihrer Betriebe beitragen. Der Bekanntheitsgrad des Berliner Inklusionspreises steigt: Waren es anfangs jährlich drei bis sieben Bewerbungen, gingen beim Integrationsamt in den letzten Jahren 40 bis 65 Bewerbungen ein. Seit 2012 wird der Preis in den Kategorien Klein-, mittelständische und Großunternehmen vergeben. Vor allem die große Masse der kleinen und mittelständischen Unternehmen soll durch diese Differenzierung ermutigt werden, die individuellen Lösungswege der beruflichen Teilhabe schwerbehinderter Menschen bekannt zu machen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Bereitschaft der Firmen, Mitarbeiter mit Einschränkungen in den Arbeitsprozess einzubinden?

Die gleichberechtigte Teilhabe von schwerbehinderten Menschen ist in vielen Berliner Unternehmen bereits Alltag und damit gelebte Inklusion. Dieses große Engagement ist zu loben. Dennoch ist die Beschäftigungssituation von Menschen mit Handicap insgesamt noch nicht zufriedenstellend. Viele Arbeitgeber kommen ihrer gesetzlichen Verpflichtung, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen, nicht beziehungsweise nicht im vollen Umfang nach. Häufig liegt es an Vorurteilen der Arbeitgeber gegenüber Menschen mit Behinderung. So wird Behinderung oft mit Krankheit gleichgesetzt – mit Arbeitsunfähigkeit. Dabei sind sie meistens besonders engagierte Leistungsträger, was sich positiv auf die gesamte Belegschaft auswirkt. Vorurteile gegenüber schwerbehinderten Menschen stehen im Widerspruch zu der Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention nach einem offenen Arbeitsmarkt, auf dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam tätig sind. Ich appelliere an Berliner Arbeitgeber, nicht die Behinderung in den Vordergrund zu stellen, sondern die Leistungsfähigkeit sowie die Leistungswilligkeit von Menschen mit Handicap. Öffnen Sie Ihr Unternehmen für Menschen, die gute Arbeit leisten können und wollen. Die Mitarbeiter meines Amtes und der Integrationsfachdienste (IFD) unterstützen Sie.

Wie hilft das Land Berlin Unternehmen bei der Inklusion?

Die Gesetzgebung der letzten Jahre hat entscheidend dazu beigetragen, die Förderung der Chancengleichheit zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen Schritt für Schritt in der Praxis umzusetzen. Als Maßstab hierfür gilt die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 geltendes Recht in Deutschland ist. So investiert Berlin in die Realisierung von mehreren Programmen, damit mehr Menschen mit Schwerbehinderung die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu verdienen und sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu erlangen. Schwerbehinderte Beschäftigte, die individuelle Förderung benötigen, erhalten diese vom Integrationsamt und von den zuständigen Reha-Trägern. Das Integrationsamt des LAGeSo hat für Leistungen zur beruflichen Inklusion schwerbehinderter Menschen im Jahr 2013 mehr als 31 Millionen Euro aus Mitteln der Ausgleichsabgabe aufgewandt. Neben den finanziellen Hilfen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind die Mitarbeiter des Integrationsamtes und der IFD kompetente Ansprechpartner. Leistungen in Anspruch zu nehmen, setzt voraus, dass diese bekannt sind. Deshalb sind Aufklärung, Schulung und Bildung wichtige Bestandteile unserer Arbeit.

Betriebe suchen immer dringlicher nach Nachwuchs. Was tut das Integrationsamt, um junge Menschen mit Behinderungen bei der Ausbildungsplatzsuche zu unterstützen?

In Zeiten des Fachkräftemangels kann es sich die Wirtschaft nicht mehr leisten, auf das Potenzial von jungen Menschen mit Behinderung zu verzichten. In enger Kooperation mit der Agentur für Arbeit und mit der Schulverwaltung unterstützt das LAGeSo schwerbehinderte Jugendliche beim Übergang von der Schule beziehungsweise von der Werkstatt für behinderte Menschen, um ihnen eine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Das Bundesarbeitsmarktprogramm Initiative Inklusion, das von den Bundesländern umgesetzt wird, fördert besonders betroffene schwerbehinderte Jugendliche, um für diesen Personenkreis den häufig vorgezeichneten Weg in die Werkstatt zu verhindern.

Welche Hilfe bietet das Amt Menschen mit Behinderung an, die einen Arbeitsplatz haben, aber unzufrieden sind?

Zunächst wäre zu prüfen, ob diese Unzufriedenheit des Beschäftigten im Zusammenhang mit dessen Behinderung steht, ob es andere Probleme mit dem Arbeitgeber oder dem Umfeld gibt. In jedem Fall ist der zuständige Berater des IFD der richtige Ansprechpartner. Der IFD-Berater kann auch vom Arbeitgeber beauftragt werden, unter Beteiligung aller Ansprechpartner des schwerbehinderten Beschäftigten die Sachlage zu ermitteln und Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Es ist sogar seine Pflicht, präventiv tätig zu werden, wenn Probleme bei der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen bekannt werden. Eine Lösung könnte die Anschaffung von technischen Hilfsmitteln oder die behinderungsgerechte Ausstattung des Arbeitsplatzes sein, um die Arbeit des Betroffenen zu erleichtern und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. In diesen Fällen hilft der Technische Beratungsdienst des Integrationsamtes.