Automobilclub

Wenn der Präsident den ADAC-Hubschrauber starten lässt

Nachdem bekannt wurde, dass der ADAC die Umfragezahlen zum „Lieblingsauto der Deutschen“ gefälscht hat, muss sich der Verein nun weiteren Vorwürfen zu Intransparenz und Manipulation stellen.

Foto: Peter Endig / dpa

Anfang des Jahres war die Welt beim größten Autoklub Europas noch in Ordnung. Die Mitglieder hatten die erste Beitragserhöhung seit Jahren hingenommen, der Start ins Fernbusgeschäft gemeinsam mit der Deutschen Post lief gut, alles konzentrierte sich auf eines der wichtigsten Ereignisse im ADAC-Jahr. Doch dann kam alles ganz anders. Die glanzvolle Verleihung des „Gelben Engels“, unter anderem für das „Lieblingsauto der Deutschen“, geriet zum Desaster, weil die Abstimmung manipuliert war. Der Verein stürzte in die wohl größte Krise seiner 111-jährigen Geschichte. Und jetzt tauchen immer mehr Merkwürdigkeiten auf. Zum Beispiel bei der Luftrettung, einer der prestigeträchtigen Aufgaben des ADAC.

Am 16. Januar erschien, wie in den Jahren davor auch, die komplette Autoprominenz Deutschlands zur Verleihung des „Gelben Engels“, aber die Stimmung war, vorsichtig gesprochen, zurückhaltend. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass die Zahl derer, die abgestimmt hatten, frisiert wurde. In der Folge musste Kommunikationschef Michael Ramstetter gehen, der zugab, die Zahl derer, die abgestimmt hatten, verzehnfacht zu haben. Möglicherweise dachte die Führung des Vereins um Präsident Peter Meyer und Geschäftsführer Karl Obermayer, mit der Personalie ließe sich das Problem lösen. Aufklärung versprechen und dann weitermachen. Weit gefehlt.

Für viele ist der Fall „Gelber Engel“ ein Zeichen, dass im Klub so einiges schief läuft: Von Intransparenz und Mauscheleien ist die Rede, auch viele der 19 Millionen Mitglieder in Deutschland, die vor allem auf den guten Pannendienst und die Luftrettung setzen, mit der Lobbyarbeit, der Motorsportförderung und dem Konzern ADAC aber nicht so viel im Sinn haben. Und wenn dann einmal Fehler bekannt werden im eher hermetisch geschlossenen Universum des ADAC, dann schauen eben viele genauer hin.

„Weniger als 30 Mal“ sei der ADAC-Heli für Dienstreisen abgehoben

So haben Mitglieder des Präsidiums die gelben Rettungshubschrauber des Klubs für Dienstreisen genutzt. Der „Stern“ berichtete zuerst online darüber, der ADAC bestätigte es wenig später, inzwischen prüft die Münchener Staatsanwaltschaft, ob es möglicherweise strafrechtlich etwas auszusetzen gibt an den Flügen. Eine Sprecherin sagte, derartige Flüge seien in den vergangenen zehn Jahren „weniger als 30 Mal“ vorgekommen. Angesichts von 49.000 Rettungseinsätzen der ADAC-Luftrettung 2012 eigentlich eine geringe Zahl. Doch die Frage ist: Dürfen die Präsidiumsmitglieder das eigentlich?

Der Autoklub erklärte, die Mitglieder seines Präsidiums seien „als offizielle Organe dazu berechtigt, für dienstliche Anlässe bei Verfügbarkeit ausschließlich auf Reservemaschinen der Luftrettung zurückzugreifen“. Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses, Martin Burkert (SPD), rief den ADAC zu „höchster Transparenz“ auf. Auch wenn solche Flüge möglicherweise rechtlich nicht zu beanstanden seien, aus moralischer Sicht seien die Vorgänge bedenklich, sagte er dem „Handelsblatt“. Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sagte dem Sender n-tv: „Es kommen Dinge zutage, die zeigen, dass der ADAC in seiner Struktur sehr intransparent ist, dass diese Struktur merkwürdig ist und sie überhaupt nicht mehr in unsere Zeit passt.“

Der ADAC-Präsident landete abseits vom Flughafen

Der „Stern“ berichtete, ADAC-Präsident Meyer habe einen Rettungshubschrauber genutzt, um schneller von einer Veranstaltung zur nächsten zu kommen. Unter Berufung auf einen Zeugen heißt es, Meyer habe sich am 27. Juni 2003 zunächst zum „Tag der Verkehrssicherheit“ fliegen und direkt am Tagungsort am Hamburger Hafen absetzen lassen. Wenige Stunden später habe er sich von dem auf ihn wartenden Hubschrauber zu einer Tagung der Kfz-Sachverständigen ins rund 240 Kilometer entfernte Wolfsburg fliegen lassen. Schließlich sei er von dort weitergeflogen. Der Hubschrauber sei dabei jeweils abseits von Flughäfen gelandet.

Die Rettungshubschrauber gehören zur gemeinnützigen ADAC-Luftrettung. Angeschafft werden sie nach Angaben der Sprecherin von der ADAC Luftrettung gGmbH. Die Rettungseinsätze werden mit den Krankenkassen abgerechnet, genauso wie Krankenwageneinsätze. Nutze das ADAC-Präsidium die Hubschrauber für Dienstreisen, werde dies dem Verein in Rechnung gestellt, sagte die ADAC-Sprecherin. Wie auch im geschilderten Fall. Für die Landungen hätten jeweils Ausnahmegenehmigungen bestanden. Ob der Hubschrauber in den rund 30 Fällen im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln die günstigste Variante war, konnte die Sprecherin nicht sagen. Eher werde der Hubschrauber genommen, wenn es „zeitlich anders nicht machbar“ sei. Wegen solcher Flüge habe niemals ein Helikopter in der Luftrettung gefehlt. Der ADAC stelle zum Beispiel auch dem Autoclub ÖAMTC in Österreich bei Bedarf einen Hubschrauber zur Verfügung.

Staatsanwaltschaft prüft nun auch die Hubschrauberflüge

Die Luftrettung verfügt über 51 Hubschrauber, davon 15 zur Reserve. Diese Reservemaschinen würden – gegen Entgelt – auch an andere Luftrettungsorganisationen verliehen oder kämen bei Sport-Großveranstaltungen zum Einsatz, hieß es. Die gemeinnützige GmbH arbeitet nicht kostendeckend. Die Lücke von rund 15 Prozent füllt der ADAC aus Mitgliederbeiträgen. Ein kleinerer Teil kommt aus Spenden. Die Gesellschaft setzte 2012 rund 88 Millionen Euro um und beschäftigt 190 Mitarbeiter.

Die Staatsanwaltschaft München befasst sich bereits mit der Manipulation beim „Gelben Engel“. Die Anklagebehörde prüft, ob „hier Straftatbestände berührt sein können“. Bisher ist sie aber „von einem Ermittlungsverfahren meilenweit entfernt“. Nun bezieht die Behörde auch die Hubschrauberflüge mit ein. Und auch eine andere Behörde sieht sich den ADAC noch einmal sehr genau an: das Registergericht beim Amtsgericht München. Es prüft, ob der ADAC überhaupt noch mit Recht ein eingetragener Verein ist oder nicht eher ein Wirtschaftsunternehmen – mit klarer umrissenen Rechten und Pflichten. Der ADAC hat definitiv ein aufregendes Jahr vor sich.