Nachhaltigkeit

Wie ein Berliner den US-Recyclingmarkt aufmischt

Der Guttenberg-Verteidiger Graf von Kalckreuth gibt seinen Job auf, um in den USA den Recyclingmarkt aufzumischen. Dort hat der Berliner Anwalt die größte Asche-Wiederaufwertungsanlage der Welt gebaut.

Foto: Tartech

Er warte im Auto vor dem Flughafen, sagt Alexander Graf von Kalckreuth am Telefon. Doch der Graf ist nirgends zu sehen, keine Limousine weit und breit. „Hier, hier, ich seh Sie“, ruft von Kalckreuth in den Hörer. 20 Meter entfernt winkt ein Mann in Multifunktionsjacke aus einem weißen Transporter. Auf den Fotos der Google-Bilderdatenbank gab es von Kalckreuth nur im Maßanzug, Smoking oder Frack.

Das war der alte Graf. Als Fachanwalt für Urheberrecht vertrat er mehr als zwölf Jahre lang Prominente wie Vicky Leandros, Jette Joop und Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe. Sein letzter großer Fall war der Plagiatsprozess des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg – ein persönlicher Freund der Familie.

Jetzt aber ist von Kalckreuth Unternehmer. Seine Firma Tartech hat bei Boston die größte Asche-Wiederaufwertungsanlage der Welt gebaut. 17 weitere Anlagen sind in konkreter Planung. Insgesamt haben die Projekte ein Investitionsvolumen von rund 180 Millionen Dollar (133 Millionen Euro). Tartech filtert nichtmagnetische Metalle wie Aluminium, Kupfer, Messing und Zink aus der Asche von Müllverbrennungslagen. Bei den am Weltmarkt gestiegenen Rohstoffpreisen könnte das Konzept ein Milliardengeschäft werden.

Hochgeschwindigkeitsphysiker als Partner

Vor zwei Jahren stand der Ingenieur Claus Gronholz in seiner Kanzlei in Berlin. „Ich wusste gleich, der Gronholz ist ein Genie“, sagt von Kalckreuth. Gronholz, 62 Jahre alt und aus Hamburg, ist Hochgeschwindigkeitsphysiker. 104 Patente hat er in seinem Berufsleben angehäuft, aber die rechte Idee, wie man daraus „was ganz Großes machen könnte“, die fehlte ihm.

Von Kalckreuth sagt, er habe viele Firmen beim Aufbau beratend begleitet. „Aber irgendwie guckt man ja nur vom Spielfeldrand zu“, sagt er. Der Graf wollte selbst aufs Spielfeld. Seine Anwaltskanzlei übergab er einem Partner, was von Kalkreuths Ehefrau, die ZDF-Adelsexpertin Tamara Gräfin von Nayhauß anfangs nicht gefiel. „Ich hatte ihr eigentlich versprochen, dass ich es dank der gut laufenden Kanzlei ein bisschen ruhiger angehen lassen könnte.“

Gemeinsam gründeten der Graf und der Physiker die Tartech AG. Mit seinen Kontakten hatte von Kalckreuth schnell das nötige Startkapital beisammen. Er überredete seinen Freund Udo Müller, Chef des Kölner Außenwerbekonzerns Ströer, als stiller Teilhaber einzusteigen. Sieben Millionen Euro steuerte Müller bei. Der Londoner Finanzinvestor Riverrock von Roland Berger gab ein Darlehen im zweistelligen Millionenbereich. Weitere 1,2 Millionen Euro finanzierte die deutsche Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung.

Um das „ganz große Rad zu drehen“, müsse man nach Amerika, beschloss von Kalckreuth. „Weil hier das Thema Recycling noch in den Kinderschuhen steckt, schlummern in den USA 150 Millionen Tonnen Asche auf Mülldeponien.“ Abfall, der mit der Tartech-Technologie Milliarden wert sein könnte. Eine Tonne Kupfer wird an der Londoner Metallbörse gerade für 7000 Dollar gehandelt, Aluminium für 1700 Dollar.

Mülldeponien oft rohstoffhaltiger als herkömmliche Minen

„Der Großteil der Asche besteht aus Mineralien, rund zehn Prozent sind Metalle“, sagt von Kalckreuth. Damit seien die Mülldeponien oft sehr viel rohstoffhaltiger als herkömmliche Minen. Im Sommer 2012 unterzeichnete Tartech einen Joint-Venture-Vertrag mit dem größten Müllverbrennungsanlagenbetreiber der Welt, dem US-Konzern Covanta Energy. Um das Geschäft einzutüten, habe ihm übrigens ein alter Freund geholfen: Karl-Theodor zu Guttenberg. „Den KT“ kenne er noch aus Schulzeiten.

Von Kalckreuth steuert den Transporter in eine eingezäunte Hügellandschaft. Unter den Anhöhen liegt eine 15 Jahre alte Aschedeponie. Dahinter kommt nun von Kalckreuths ganzer Stolz zum Vorschein: die erste Tartech-Anlage. Auf einer offenen Betonfläche von rund 3300 Quadratmetern verlaufen Förderbänder zu verschiedenen Sortierstellen. Auf fünf Containerschiffen hat Tartech die 640 Tonnen schwere Anlage im Sommer von Deutschland in die USA gebracht. Jedes Einzelteil sei „deutsche Ingenieurskunst“, sagt der Chef.

Zu Beginn des Prozesses schüttet ein Bagger die Asche auf ein Förderband, das in einen „Crusher“ führt, der die größten Brocken mit Schlagwerkzeugen zerkleinert. Ein Magnet separiert anschließend das Eisen. Dann geht es zum Herzstück der Tartech-Technologie, dem Hochgeschwindigkeitsaufprallzerkleinerer. So nennt Ingenieur Gronholz seine Erfindung, die von Kalckreuth damals vor zwei Jahren so begeistert hat. Er nimmt einen Aschebrocken in die Hand.

„Bei der Müllverbrennung werden alle organischen Bestandteile des Mülls vernichtet.“ Übrig blieben Mineralien, die sich um die Metalle zu traubengroßen Formen schließen. „Bislang gab es keine effiziente Methode, die Metalle von den Mineralien wieder abzutrennen“, sagt von Kalckreuth. Mit Gronholz’ Hochgeschwindigkeitsaufprallzerkleinerer sei das jedoch möglich.

Gewinnungsprozess ermöglicht enorme Energieersparnis

Von außen ist die Maschine ein sechs Meter hoher Schacht, oben fallen die Ascheklumpen hinein und prallen auf Rotorblätter, die die Brocken mit rund 1000 Stundenkilometern durch die Gegend schleudern. „Der Effekt ist in etwa so, als wenn Sie mit einem Baseballschläger einen reifen Pfirsich in der Luft treffen“, sagt von Kalckreuth.

Das Fruchtfleisch fliege in alle Richtungen davon, der Kern bleibe wegen seiner höheren Dichte übrig. „Wir verbrauchen beim Tartech-Prozess nur sechs Prozent der Energie die man bei der herkömmlichen Gewinnung von beispielsweise Aluminium benötigt.“ 500.000 Tonnen Asche könnte allein die Anlage in Boston pro Jahr filtern. „Das spart so viel CO2 wie 2500 Autos verbrauchen, die einmal um den Erdball fahren.“

Konkrete Gewinnprognosen will der Graf nicht rausrücken. Als einziger Anbieter der Technologie sei seine Firma im Moment wie eine Mücke am FKK-Strand. „Man weiß gar nicht, wo man zuerst reinstechen soll.“ Nach diesem Satz legt von Kalckreuth die Stirn in Falten. „Uih“, sagt er. „Das ist vielleicht ein bisschen vulgär ausgedrückt. Können wir das nicht streichen?“

Er müsse jedenfalls unbedingt Erfolg haben, sagt von Kalckreuth. Nach der Wende hat seine Familie ein Rittergut bei Leipzig wieder in Besitz genommen. Die Renovierung verschlingt Millionen. „Damit wir uns das auf Dauer leisten können, muss ich in den nächsten Jahren eine ganze Menge Asche filtern.“