KTF

Wenn 120 Mitarbeiter 5000 Telefone auf einmal ausrollen

Das Mittelstandsunternehmen KTF aus Berlin richtet Telefonanlagen ein – unter anderem welche mit bundesweit mehr als 150.000 Anschlüssen. Da werden auch mal 5000 Telefone auf einmal installiert.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Wenn ein Arbeitsloser aus Berlin-Wedding seinen Betreuer in der Arbeitsagentur anruft, nimmt der vielleicht in Rostock ab. Oder in München. Die Nummer ist immer die gleiche, wer auf Dienstreise ist im Reich der Bundesagentur für Arbeit, der kann sich an jedem der 151.000 Telefonapparate anmelden und wie am heimischen Schreibtisch arbeiten. Die Bundesagentur hat seit einigen Monaten eine moderne Telefonanlage, gestützt auf die Internet-Technologie Voice over IP. Die Hardware stammt von Unify, bis vor wenigen Tagen noch Siemens Enterprise. Dass aber die Arbeitsagentur-Mitarbeiter an 1900 Standorten reibungslos das neue System in Gebrauch nehmen konnten, dafür hat der Berliner Handwerksbetrieb KTF gesorgt. „Mit einem solchen Portfolio sind wir in Deutschland ein einmaliges Unternehmen“, sagt Geschäftsführer und Miteigentümer Frank Neubert.

Nur KTF sei in der Lage, ein solches Riesen-Projekt zu planen und pünktlich die erforderlichen Telefonanlagen zu installieren, zu vernetzen und zu schalten, sagt der Chef im Besprechungsraum des schmucklosen Firmensitzes im Lichtenberger Gewerbegebiet. Was banal klingen mag, ist eine logistische Herausforderung. Eine Telefonanlage besteht aus bis zu 30 verschiedenen Komponenten unterschiedlicher Hersteller. Und Stimmen im Internet zu übertragen, ist viel komplizierter als etwa E-Mails zu senden oder andere Daten. „Sprachübertragung wiederholt sich nicht“, erklärt Neubert die hohen Qualitätsanforderungen, „Sie können Datenpakete nicht zweimal übertragen, wenn etwas hakt.“ Es geht um Call-Center und um Konferenzschaltungen. Und es ist natürlich die schiere Masse der anzuschließenden Arbeitsplätze, die das Projekt besonders macht.

Jeden Freitag bis zu 5000 Telefone

Ein Jahr hat bei KTF ein Team aus 35 Mitarbeitern an dem Projekt Pegasus gearbeitet. Ran an die Schreibtische durften sie aber nur Freitagnachmittag von 13 bis 22 Uhr, jedes Mal mussten sie mit einer Crew aus 80 bis 120 Helfern je 2500 bis 5000 Telefone „ausrollen“, wie die Fachleute sagen. Den Sonnabend hatte die Arbeitsagentur als Reservetag erlaubt. „Genutzt haben wir den Samstag nur acht Mal, 55 Mal ging es ohne“, sagt der Chef, der während des Projekts zu Hause am Rechner verfolgen konnte, wo seine Leute gerade waren und ob sie irgendwo in Deutschland vom Plan abwichen.

Eigentlich ist KTF eine ganz normale Fernmelde- und Sicherheitstechnik-Firma. Klassisches Handwerk, gegründet 1976 in Steglitz, seit 2003 an der Josef-Orlopp-Straße in Lichtenberg, gestartet mit acht Mitarbeitern, jetzt gehören 85 zur festen Mannschaft. In den 22 Jahren, die Neubert nun da ist, hat sich die Größe der Firma verzehnfacht, sie setzt heute knapp neun Millionen Euro im Jahr um. Sie machen alles bei KTF: Die Installateure vernetzen auch Kitas und Privathäuser. 14 Mitarbeiter erwirtschaften mit Aufträgen für unter 500 Euro mehr als 80.000 Euro im Monat.

Neuberts Leute sind auf allen möglichen Baustellen unterwegs. Etwa beim Bundesnachrichtendienst an der Chausseestraße in Mitte oder beim Flughafen BER, wo sich Neubert aber wegen der chaotischen Zustände auf der Baustelle schnell wieder verabschiedete. Er fürchtete, wegen unkalkulierbarer Wartezeiten seiner Monteure nicht auf seine Kosten zu kommen. Sonst stehen das Bundeskanzleramt, zahlreiche Bezirksämter, der Polizeipräsident und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Aktuell werden gerade die Selbstbedienungs-Filialen der Berliner Sparkasse neu vernetzt.

Aber Stolz und Steckenpferd des Chefs sind die großen Projekte, für die er regelmäßig zusätzliche Kräfte anheuert. 2007 übernahm er erstmals einen solchen Job, der Überland-Stromnetzbetreiber von Vattenfall, heute 50 Hertz, brauchte eine neue Telefonanlage für 96 Standorte. KTF kommt dabei als Subunternehmer von Unify zum Zuge. Die Siemens-Sparte hatte in der Telefonie ein wenig den Anschluss verloren, 2008 übernahm der US-Investor The Gores Group 51 Prozent der Firma, Siemens hält noch den Rest. Personal wurde gestrichen. Aber in der Voice-over-IP-Technik sind die Ex-Siemensianer heute wieder sehr gut, sagt Neubert. Um ihre Großaufträge abzuarbeiten, wollen sie nicht auf KTF verzichten.

Der Außenseiter gewinnt

Und so rollt KTF ab November auch bundesweit die Telefonanlagen der AOK aus, 1700 Standorte, 75.000 Telefone, Projektvolumen um die 2,5 Millionen Euro, 14 Wochenenden. Allein das Pilotprojekt für die AOK habe 6400 Teilnehmer in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, sagt Neubert. Das werde hart, die Bundesagentur sei nur mit 300 Teilnehmern gestartet. Aber Neubert ist sicher, dass er alles richtig geplant hat.

Unify wollte sich nicht von seinem Subunternehmer abhängig machen und vergab den Auftrag in einem Wettbewerbsverfahren. KTF gewann, „obwohl wir Außenseiter sind“, wie der Chef sagt. Denn er möchte nicht wie die Konkurrenten auch das Tagesgeschäft für Unify erledigen, deren Anlagen warten, reparieren, Kleinkram. „Das kostet mehr Geld, als es am Ende einbringt“, sagt der gelernte Fernmeldeinstallateur. Oft seien es Ex-Siemensianer, die solche Firmen betrieben. Viele davon habe er sterben sehen. Deshalb spezialisiert er sich auf die großen Projekte, die sonst niemand kann.

Die zu kalkulieren, sei eine Sache der Erfahrung, sagt Neubert. So ein Auftrag sei manchmal 1800 Seiten dick, 50 davon seien für seinen Leistungsumfang relevant. Dann werde umgeplant, neu verhandelt, neu aufgeschrieben, das könne Jahre dauern. Wer sich nicht auskenne, verliere den Überblick. Das sei ihm bisher noch nicht passiert. „Ich habe als Monteur angefangen, habe selber Kabel gezogen und Verteiler gebaut“, sagt er. „Alles was wir machen, habe ich selber geschraubt.“ Das helfe bei der Kalkulation und ermögliche, die richtigen Angebote „aus dem Bauch“ heraus zu finden.