Autobranche

Warum Mercedes in den Standort BER investiert

Der neue Flughafen BER ist noch längst nicht fertig, doch Mercedes Benz eröffnet jetzt schon eine neue Niederlassung in unmittelbarer Nähe. Die anziehende Wirtschaftskraft ist dort jetzt schon spürbar.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Bei der offiziellen Eröffnung des neuen Autohauses von Mercedes Benz in Schönefeld gab es keinen Zweifel, dass der Standort ganz bewusst in Nähe des Hauptstadtairports BER gewählt worden war. Auf einer Anzeigetafel konnte man wie im Terminal die Flugzeiten ablesen. Junge Damen rollten wie Stewardessen Wägelchen herum und schenkten Kaffee aus. Die Veranstaltung war der letzte große Auftritt von Walter Müller, der zum Jahresende als Leiter der Berliner Mercedes Niederlassung abtritt. Viktoria Solms sprach mit ihm über die Erwartungen an den neuen Standort und die Faszination des Fahrens.

Berliner Morgenpost: Herr Müller, lassen Sie uns mit einem Tipp anfangen. Wann glauben Sie, dass der neue Hauptstadtairport BER eröffnet?

Walter Müller: Mit Prognosen halte ich mich zurück. Es wurden schon zu viele falsche Daten genannt. Ich hoffe aber sehr, dass die Verantwortlichen rund um Flughafenchef Hartmut Mehdorn ehrgeizig sind und den BER noch vor Herbst 2015 an den Start bringen.

Sie haben direkt am BER ein Airportcenter gebaut. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Die Region rund um den BER ist eine Wachstumsregion, die für die Wirtschaftskraft Berlins und Brandenburg ganz entscheidend sein wird. Dazu gehört nicht nur das Wissenschaftszentrum in Adlershof, sondern viele Gemeinden rund um den BER in Schönefeld. Die positiven Auswirkungen sind setzt schon spürbar obwohl der Flughafen noch gar nicht am Netz ist.

Wie kommt das?

Dort siedeln sich in Erwartung des BER bereits jetzt viele Unternehmen an, so dass für uns neues Geschäft entsteht.

Das sind vor allem Firmenkunden. Welche Rolle spielen dort aber die Privatkunden?

Sie werden langfristig wie in den anderen Niederlassungen Berlins auch voraussichtlich 40 Prozent des Geschäfts ausmachen. Im Südosten leben viele Familien, die sich ein Auto aus der Premiumklasse durchaus leisten können und das auch wollen.

Bedingen sich die beiden Geschäftsbereiche gegenseitig?

Das sehen wir an unserem Nutzfahrzeugzentrum, das wir dort vor drei Jahren eröffnet haben. Wer dort mit seinem LKW vorbeikommt, überlegt sich auch als Geschäftskunde, ob er nicht einen Mercedes Pkw fahren will. Die Grenze zwischen Business- und Privatkunden ist fließend.

Sind Sie mit den ersten Wochen zufrieden?

Um ehrlich zu sein, wir sind positiv überrascht. Die Servicekurve zeigt steil nach oben, der Auslastungsgrad unserer Werkstatt wird von Tag zu Tag besser , und wir haben bereits 250 Fahrzeuge mit dem Stern verkauft. Dies sind ermutigende Zahlen.

Wie viele wollen Sie dort langfristig absetzen?

Wir haben jetzt bereits erreicht, was wir uns für diesen Standort bis Jahresende vorgenommen haben. Das zeigt, dass es dort jetzt schon ein wirtschaftlich stabiles Umfeld gibt. Künftig wollen wir über 1000 Fahrzeuge pro Jahr absetzen.

Wie sehr beeinflusst die verschobene BER-Eröffnung den Start ihrer Niederlassung am Airport?

Trotz des guten Starts ist das natürlich ein Problem, denn das Herzstück des neuen Betriebes ist die Verbindung zum BER. Dort haben wir vor der Abflughalle einen eigenen Mercedes-Benz Servicepoint. Dort können Kunden künftig ihren Mercedes vor dem Abflug abgeben und auf kurzem Weg zum Check-in gelangen. Nach ihrer Rückkehr erhalten sie ebenfalls dort ihren Wagen repariert, gepflegt und in optimalem Zustand zurück. Wir ersparen den Kunden hiermit zusätzlichen Zeitaufwand und wie wir alle wissen: „Time is money“.

Ist das Airportcenter denn rechtzeitig fertig geworden?

Wir sind im Zeitplan geblieben und sitzen auf glühenden Kohlen, bis der BER ans Netz geht, denn erst dann können wir alle angekündigten Serviceleistungen auch realisieren. Wir sind dann direkt mit dem BER verbunden und stellen das abgegebene Auto passend zur Ankunftszeit des Kunden zur Verfügung. Wenn der Flug Verspätung hat, wissen wir das und reagieren entsprechend darauf. Dieser Service ist weltweit einmalig.

Was kostet dieses Angebot?

Als Preisniveau haben wir die Taxipreise angesetzt. Unsere Kunden bezahlen dafür in etwa so viel wie eine Hin- und Rückfahrt mit dem Taxi aus der Innenstadt an den BER kostet.

Steht der Service nur Mercedes-Kunden zur Verfügung?

Wir begrenzen es am Anfang auf Mercedes-Kunden, da wir nur versprechen wollen, was wir auch halten können. Der Aufwand an die Logistik ist enorm. Später wollen wir dieses Angebot auch für Fremdfabrikatsfahrer erweitern.

Welcher Schaden ist Ihnen durch die abgesagte BER-Eröffnung entstanden?

Wir haben den Schaden quantifiziert und unsere Forderungen formuliert. Sie werden verstehen, dass wir zu diesem laufenden Vorgang nicht näher Stellung beziehen können.

Mercedes wird einer der größten Werbeträger am BER sein. Haben Sie angesichts der anhaltenden Probleme beim Bau überlegt, ob Sie damit lieber nicht in Verbindung gebracht werden wollen?

Die Vorgänge auf der Baustelle der BER sind sicher kein Ruhmesblatt für die Hauptstadtregion. Das ändert aber nichts daran, dass die Investition in diesen Standort richtig ist. Daher stehen wir auch zu unserem Engagement am BER. Langfristig steht der Erfolg dieses Jahrhundertprojektes außer Frage.

Laut einer aktuellen Studie werden in den kommenden Jahren viele Autohäuser in Deutschland vom Markt verschwinden.

Es ist richtig, dass der gesamte PKW-Markt in unserer Region derzeit um zehn Prozent zurückgeht. Wir wachsen gegen den Trend um vier Prozent. Das zeigt, dass wir offenkundig vieles richtig machen. Strukturinvestitionen wie hier am Airport, Investitionen in die Fähigkeiten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und kompromisslose Kundenorientierung sind das Erfolgsrezept.

Berlin hat sich international einen Ruf als Gründerstadt erworben. Profitieren Sie davon?

Das sind natürlich in der Regel noch nicht die Leute, für die die Anschaffung eines Automobils in der Premiumklasse höchste Priorität besitzt. Aber mit dem Erfolg können bekanntlich auch manche Träume realisiert werden. Der eingeschlagene Weg ist daher genau richtig. Berlin muss diesen jungen, kreativen Leuten eine Chance geben. Aus den Ideen für diese Start-ups werden irgendwann auch Jobs für das produzierende Gewerbe entstehen.

Aber kaufen die auch Mercedes? Das Auto ist nicht mehr ein so wichtiges Statussymbol wie früher.

Aber in einem Flächenstaat wie Berlin und Brandenburg unerlässlich. Sehr viele Menschen, die in Berlin und Potsdam arbeiten, wohnen außerhalb dieser Städte und sind trotz öffentlichem Personennahverkehr auf das Auto angewiesen. Und ein Rundgang durch die Parkgaragen der Innenstadt ist sehr aufschlussreich. Sie finden dort sehr viele Fahrzeuge der Premiumklasse die offenkundig nicht nur dazu dienen, um von A nach B zu kommen, sondern gleichzeitig einfach nur Spaß machen.

Viele junge Leute wollen gar nicht mehr unbedingt ein eigenes Auto. In Großstädten wie Berlin leihen sie sich lieber für eine halbe Stunde ein Auto.

Wahr ist aber auch, und dies zeigt eine seriöse Studie des Fraunhofer Instituts, dass der Wunsch nach Mobilität, und hier insbesondere nach individueller Mobilität, für junge Leute an erster Stelle steht. Für unseren Dienstleister Car2Go gibt es jetzt 1200 Smarts im Berliner Stadtgebiet. Allein in der Hauptstadtregion haben sich 50.000 Nutzer bei Car2go angemeldet, und es werden täglich mehr.. Diese Form der Mobilität schätzen nicht nur junge, sondern auch ältere Kunden. Und wir profitieren von diesem Angebot in unserem Service, denn wir warten und reparieren diese Fahrzeuge.

Dennoch müssen die Autohändler doch darunter leiden, weil sich weniger Kunden ein Auto kaufen.

Diese neuen Mobilitätsdienstleistungen sind eine ganz wichtige Ergänzung. Sie verändern unser Verständnis von Mobilität. Und wer dabei einen Smart gefahren ist, will ihn sich hinterher vielleicht auch kaufen.

Wie viele Kunden kommen zu Ihnen in die Niederlassung und fragen gezielt nach einem Elektroauto?

Das kann ich pauschal nicht beantworten. Allerdings, die Zahl steigt, und wir haben nicht ohne Grund im vergangenen Jahr als erste Autowerkstatt Deutschlands unseren Betrieb von der Handwerkskammer für Autos mit Hochvolttechnik zertifizieren lassen. Die Wartung eines Elektroautos hat mit der eines Benziners nämlich nichts zu tun. Daher müssen wir schon heute die Fachleute ausbilden, die das künftig übernehmen können.

Der endgültige Durchbruch steht aber noch aus.

Elektroautos werden immer wichtiger. Ich glaube, dass die Zahlen irgendwann schlagartig nach oben gehen werden. Beispielsweise dann, wenn man in Großstädten Zonen schaffen wird, in die man nur noch emissionsfrei fahren darf. Außerdem wird das Preis- / Leistungsverhältnis dieser modernen Technologie immer attraktiver.

Merken Sie bei den Verkäufen noch einen Unterschied zwischen den Stadtteilen im Osten und Westen Berlins?

Natürlich ist die Zusammensetzung je nach Stadtteil unterschiedlich. Im Ostteil der Stadt wird eher die C- und die E- Klasse gekauft. Top-Premiumfahrzeuge sind häufiger in Stadtteilen wie Dahlem und Zehlendorf angesiedelt. Aber auch hier schließt sich die Schere.

Viele Firmen beklagen sich, dass sie keine guten Auszubildenden finden.

Das Problem haben wir nicht. Von unseren über 1400 Mitarbeitern sind 120 Auszubildende und die Zahl, haben wir auch immer gehalten. Darauf sind wir besonders stolz. Unsere Auszubildenden gewinnen regelmäßig als Jahrgangsbeste Preise. Gerade wurden wir als Arbeitgeber des Jahres 2013 geehrt. Außerdem behandeln wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut.

Sie scheiden zum Jahresende aus dem Unternehmen aus. Können Sie überhaupt ohne Arbeit leben?

Ein Leben ohne Arbeit kann ich mir nicht vorstellen, denn mein Beruf hat mir immer sehr viel gegeben. Künftig warten neue Aufgaben auf mich, und es gibt attraktive Möglichkeiten, sich in die dynamische Region Berlin Brandenburg einzubringen. Ich freue mich schon darauf.

Wer war denn alles als Kunde hier?

Als der Modedesigner Giorgio Armani bei uns im Haus war, hat er seine Flugzeit verschoben, um mehr über die Autos zu erfahren. Während der Fußball-WM stand plötzlich der Weltstar Pelé bei uns und hat sich nach den Wagen erkundet. Der saudische König brachte sogar seinen Thronsessel mit, als er sich hier den Maybach angeschaut hat. Von A wie Adorf über B wie Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestrainer, Beckerbauer und Boris zu J wie Udo Jürgens, P wie Philharmoniker, R wie Sir Simon Rattle uns S wie Scorpions. Ich könnte endlos erzählen, wer hier alles aufgetreten ist.

Was lieben Sie am Autofahren?

Ich verbinde damit ein Gefühl der Freiheit. Als ich aufgewachsen bin, gab es in unserem kleinen Ort an der Bergstraße drei Autos. Diese Autos besaßen der Bürgermeister, der Arzt und der Bauunternehmer, das war’s. Alle anderen fuhren Motorrad, Fahrrad oder gingen eben zu Fuß. Als ich mit meiner Mutter das erste Mal im Auto zu meiner Großmutter im Nachbarort gefahren bin, war das ein besonders prägender Moment. Autofahren ist für breite Schichten der Bevölkerung eine soziale Errungenschaft und das muss so bleiben.