Gesche Joost

Steinbrück holt Berliner Professorin in Schattenkabinett

Gesche Joost beschäftigt sich an der Universität der Künste mit der Interaktion von Mensch und Maschine. Nun soll sie in Peer Steinbrücks Schattenkabinett die internetaffinen Wähler ansprechen.

Foto: Massimo Rodari

Holterdiepolter ging es, wieder einmal. Holterdiepolter – mit diesem Begriff etikettiert Peer Steinbrück stets seine plötzliche Ausrufung zum SPD-Kanzlerkandidaten. Das ging Ende September 2012 so schnell, dass Steinbrück seine Ehefrau zunächst telefonisch nicht erreichen konnte. Holterdiepolter ließ Steinbrück am Freitagnachmittag die ersten drei Namen seines Kompetenzteams verkünden. Ein Brückentag-Freitag um 15.21 Uhr ist gewiss nicht der beste Zeitpunkt für diesen so lange angekündigten Akt, von dem sich mancher in der SPD eine Art Befreiungsschlag erhofft.

Steinbrück war unter Druck geraten – wieder einmal. Er weilte zu politischen Gesprächen in Warschau, als die „Bild“-Zeitung in der Nacht zu Freitag meldete, der IG-Bau-Vorsitzende Klaus Wiesehügel sei in Steinbrücks Team berufen worden. Der 60-Jährige soll für die Bereiche Arbeit und Soziales zuständig sein. Am Freitagmittag – während auf Steinbrücks Programm ein Besuch des Museums des Warschauer Aufstands stand – sickerte der Name von Gesche Joost durch: Die 1974 geborene Professorin an der Berliner Universität der Künste (UdK), die schon lange einem Beraterkreis Steinbrücks angehört, wird sich künftig um das Thema „Vernetzte Gesellschaft“ kümmern. Thomas Oppermanns Name war stets gefallen, als in den vergangenen Wochen von Steinbrücks Kompetenzteam die Rede war. Der sprachmächtige Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion ist ein Generalist.

Per Pressemitteilung verteilte Steinbrück Lob. Exzellent sei Joost, profiliert Oppermann und erfahren Wiesehügel, ließ Steinbrück wissen. Dass er dieses Lob aus Warschau nach Berlin durchgeben musste, das ist mindestens einmal ein Schönheitsfehler. In der bislang kommunikativ ziemlich verkorksten Kampagne kommt das aber fast banal daher.

Designforscherin Joost dürfte großes Interesse wecken

Es ist ein ziemlich buntes Trio, das Steinbrück da ausgesucht hat. Klaus Wiesehügel ist hier sicherlich die markanteste Figur. Einen „asozialen Desperado“ hatte der einst Gerhard Schröder gescholten. „Zynisch“, ja ein Verstoß gegen die Menschenwürde sei Schröders Agenda 2010, meinte der Arbeiterführer Wiesehügel vor zehn Jahren. Öffentlich spekulierte Wiesehügel damals, im Frühling 2003, über die Zukunft der SPD nach Schröder. Als Erstunterzeichner des SPD-Mitgliederbegehrens gegen die Agenda 2010 sägte der Sozialdemokrat kräftig am Stuhl des eigenen Kanzlers.

Die junge Designforscherin Gesche Joost dürfte in den kommenden Tagen und Wochen das größte Interesse auf sich ziehen. Joost machte einst in Kronshagen bei Kiel Abitur, wo Steinbrück mit seiner Familie während seiner Zeit als schleswig-holsteinischer Wirtschafts- und Verkehrsminister wohnte. Seinem weitgehend diskret agierenden Beraterkreis gehört sie schon seit dem Jahr 2006 an. Joost schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Sie spricht die junge Generation an, die Steinbrück ein Anliegen ist, ferner die Frauen, das internetaffine Publikum – und nicht zuletzt die wissenschaftliche Community. „Für mich ist es eine dringliche Frage, welche gesellschaftspolitischen Diskurse und regierungspolitischen Rahmenbedingungen wir initiieren müssen, um unsere Vision einer vernetzten Gesellschaft zu realisieren“, sagt Joost.

„Mein Ziel ist: Keinen zurückzulassen, alle einzubeziehen“

An der Universität der Künste Berlin gestaltet Joost Zukunftsvisionen – „wie Mensch und Maschine morgen miteinander interagieren können“, wie sie selbst sagt. „Mein Ziel ist: Keinen zurückzulassen, alle einzubeziehen – so können wir gemeinsame Bilder davon entwickeln, wie wir in einer vernetzten Gesellschaft auch in Zukunft nachhaltig und zufrieden zusammenleben wollen.“

Thomas Oppermann schließlich ist eine politische Allzweckwaffe. Der 59-jährige Jurist versteht die Kunst der Zuspitzung (und der Polemik) ebenso wie das Geschäft des seriösen Sachwalters. Als Fraktionsgeschäftsführer (PGF) gehört Oppermann zu den wichtigsten Köpfen der SPD, auch wenn er über das Berliner Biotop hinaus noch kaum bekannt ist. Oppermann besitzt exekutive Erfahrung, er war Wissenschaftsminister in Niedersachsen; und er beherrscht das Handwerk des Oppositionspolitikers so gut, wie es ihm kaum jemand zugetraut hat. 2005 war Oppermann von Hannover nach Berlin gewechselt. Hier ist er auf fast allen politischen Gebieten daheim.