Start-up

Start-up Photocircle bietet Fotokunst statt Massenware

Ein Berliner Hobbyfotograf machte das Bild seines Lebens – doch es einfach zu verkaufen widerstrebte ihm. Mit seinen Fotos will er Gutes tun - und gründete dafür ein Berliner Internet-Start-up.

Über das Kind, das sein Leben veränderte, weiß Thomas Heinrich nichts. Nicht einmal seinen Namen kennt er. Alles, was er weiß, hat er am Rande eines Boxkampfes in Bangkok mit der Kamera festgehalten: Ein Junge, der mit starrem Blick im Ring steht und sich schwitzend auf die Seile stützt, während sein Trainer mit grimmigem Blick auf ihn einredet. Heinrich hat diesen Moment von Thailand mit nach Deutschland gebracht. „Viele Freunde rieten mir, das Bild im Internet zu verkaufen“, sagt er. Doch den 30-Jährigen plagte ein schlechtes Gewissen.

„Ich fühlte mich wie ein Eindringling, der Menschen in ihrem Alltag ablichtet, sich an guten Fotos ergötzt und dann auch noch damit verdienen will.“ Heinrichs schlechtes Gewissen reifte zur Geschäftsidee, monatelang tüftelte er an einem Konzept: „Jeder sollte profitieren, der Fotograf, der Käufer und schließlich die Region, in der das Bild entstanden ist.“ Nach diesem Kreislauf benannte er schließlich sein Start-up, das er im Juli gründete: Photocircle, ein Unternehmen, das ausgewählte Fotos als Kunstdrucke vertreibt.

Konsum und Caritas verbinden

Die Idee, Konsum mit Caritas zu verbinden, ist nicht neu. Doch für Heinrich ist Helfen mehr als nur Marketing. Es ist das Prinzip seiner Idee. Der Wirtschaftswissenschaftler ging zunächst nach Lateinamerika, um dort für Entwicklungsprojekte zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr fand er Arbeit bei einer Unternehmensberatung, schmiss dort aber nach einem guten Jahr wieder hin: „Ich fragte mich, ob ich das bis ans Ende meines Berufslebens machen will.“ Statt im Anzug sitzt er heute in Strickpullover, Jeans und Converse in der Gründerwerkstatt der Beuth-Hochschule, die ihm für seine Idee ein Stipendium gewährt und bis Ende des Jahres auch ein paar Schreibtische. Junge Männer schlurfen durch den Pausenraum, manche tragen ihre Notebooks, andere nippen an Energydrinks. Heinrich ist jetzt einer von ihnen. Seit ein paar Monaten ist er Vater, eigentlich ist es die falsche Zeit für volles Risiko. „Ich habe meine ganzen Ersparnisse in Photocircle gesteckt. Niemand von uns wird je einen Ferrari fahren“, sagt er. „Doch das will auch keiner.“

Photocircle hat mächtige Konkurrenten, die aggressiv werben und Herrscher über gewaltige Bildbestände sind. Das Start-up hat derzeit nur 1500 Fotos in seinem Portfolio. Das, sagt Heinrich, solle so bleiben. Nur jedes zwanzigste Bild passiert den strengen Blick einer Bildredakteurin, der Rest wird abgelehnt. „Wir wollen uns mit anspruchsvollen Bildern abgrenzen“, sagt Heinrich. Neben technisch missratenen Fotos sollen auch Allerweltsmotive vermieden werden. „London in Schwarz-Weiß mit einem roten Doppeldecker davor, das gibt’s bei Ikea, aber nicht bei uns.“

30 Prozent des Gewinns gehen an Hilfsprojekt

Vor einigen Wochen wechselte ein Kollege von Google zu Photocircle, dem Unternehmen mit fünf Mitarbeitern und schmalen Löhnen. Ihn lockte die Idee. Etwa 250 Fotografen verkaufen ihre Bilder bei Photocircle, und wenn man Heinrich glauben darf, dann werden es täglich mehr. Mindestens 30 Prozent müssen Fotografen von ihrem Gewinn an ein Hilfsprojekt abtreten. Je nachdem, wo das Bild aufgenommen wurde, stehen verschiedene Projekte in der Region zur Auswahl. Welches begünstigt wird, bestimmen die Kunden.

Heinrich wird wohl nie erfahren, was aus dem Kinderboxer in Bangkok geworden ist. „Aber ich weiß, dass mein Bild in Kambodscha, Bangladesch oder Nepal Gutes bewirkt“. sagt er. Das Kind, das sein Leben verändert hat, wird vielleicht auch das Leben anderer verändern.