Studentenjobs

Studenten zwischen Hörsaal und Nebenjob

Entspannte Uni-Zeit? Zwei Drittel der Studierenden finanzieren sich die Hochschulausbildung selbst. Sie kellnern, fahren Taxi, massieren Restaurantbesucher oder führen Besucher durch Museen.

Foto: Robert Schlesinger / dpa

Lana Chudnovska hat es drauf. Sie bearbeitet den Rücken ihrer Kundin, als wäre er eine Landschaft, die mit Harke und Spaten umzupflügen ist. Sie massiert aber nicht etwa in einer Praxis, sondern in Bars am Savignyplatz in Charlottenburg. Die Schaupiel-Studentin hat einen ungewöhnlichen Nebenjob: Sie ist geschulte Masseurin bei Neckattack, bietet Gästen in Restaurants und Hotels mobile Massagen an. Einfach vor Ort, direkt auf dem Barhocker. Ohne Ausziehen, ohne Öl.

Ohne Arbeit kein Studium

„Massageöl kaschiert nur eine schlechte Technik“, sagt Chudnovska. Die Regeln sind klar: „Wir sprechen niemanden an, der isst oder arbeitet.“ Das Konzept ihrer Massagen erklärt die 26-Jährige so: „Für die rund zehnminütige Entspannung zahlt jeder Gast, was sie ihm wert ist.“ Dass die Studentin an manchen Abenden nach vier Stunden Arbeit mit nur 20 Euro nach Hause geht, stört sie jedoch nicht. „Ich halte nichts davon, nur für den Lebenslauf zu leben.“

Lana Chudnovska hat sich auch deshalb für den fachfremden Nebenjob entschieden, weil sie sich ihre Arbeit flexibel einteilen kann. In einem Monat arbeitet sie nur an drei Abenden die Woche, im nächsten ist sie täglich als mobile Masseurin unterwegs – so wie es gerade in ihr Studentenleben passt. Zwei Drittel der Studierenden in Deutschland arbeiten nebenbei, die Hälfte von ihnen können ihre Hochschulausbildung nur mit einem Nebenjob finanzieren. Das ist das Ergebnis der „Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks“ aus dem Jahr 2010.

Selbstständig, aber flexibel

Auch Chudnovska braucht den Nebenjob als Masseurin, um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Sie arbeitet auf Gewerbeschein als Selbstständige, ein festes Einkommen kann sie deshalb nicht einplanen. „Das Hauptargument für diesen Job ist aber, dass ich großen Spaß daran habe“, sagt die Wahl-Berlinerin.

Die Entspannungs-Expertin findet in der Bar „Zeitlos“ um kurz nach acht Uhr ihre erste Kundin des Abends. Sie heißt Jeanette und hält die Augen geschlossen. Trotz der Gespräche um sie herum und der Rap-Musik im Hintergrund sinkt sie immer tiefer in den Korbstuhl. Nachts um halb eins wird Lana Chudnovska nach viereinhalb Stunden Arbeit mit 45 Euro nach Hause gehen. „Und morgen um halb acht klingelt wieder mein Wecker“, sagt sie.

Das Bild vom entspannten Studentenleben ist überholt. Studierende sind heute immer öfter Vollzeitarbeiter. Auch Phillip Eilinger ist einer von ihnen. 20 Stunden die Woche arbeitet der 26-Jährige – und das am Wochenende. Sonnabend und Sonntag sitzt er täglich zehn Stunden in einem Callcenter in Kreuzberg und berät die Kunden einer Autoversicherung. In der Woche macht er täglich von 9 bis 18 Uhr ein unbezahltes Pflichtpraktikum im Keramik-Museum in Charlottenburg. Sein Nebenjob im Callcenter hat nichts mit seinem Studium der Museumskunde zu tun. In der Kulturbranche gebe es einfach zu wenige Jobs, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdienen könne, sagt Eilinger. Fachfremd arbeitet er, damit er sich sein Studium überhaupt leisten kann.

Taxifahren oder Kellnern

Bafög bekommt er nicht mehr, weil er seinen Bachelor nicht in der Regelstudienzeit abschließen kann. „Das Arbeitspensum des Studiums ist sehr hoch und meine Eltern können mich finanziell nicht unterstützen“, sagt Eilinger. „Deshalb musste ich immer schon nebenher ackern.“ Bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro netto kommt der Student auf 500 bis 600 Euro im Monat. Davon gehen 350 Euro für Miete drauf. Im Durchschnitt geben Studierende laut der Studie des Deutschen Studentenwerks ein Drittel ihrer Einkünfte für die Miete aus. „Mir bleiben nur 50 Euro im Monat, die ich frei ausgeben kann“, so Phillip Eilinger.

40 Prozent der Studenten arbeiten als Aushilfskraft, etwa als Kellner, Taxifahrer, Verkäufer oder Bürohilfe. 28 Prozent sind als studentische oder wissenschaftliche Hilfskräfte an den Hochschulen tätig. Der durchschnittliche Stundenlohn liegt bei zehn Euro netto. Dazu Nebenjobber Phillip Eilinger: „Einen Stundenlohn von zehn Euro zu bekommen, ist richtig schwer. Ich bin mit meinen 7,50 Euro ganz zufrieden.“ Im Schnitt arbeiten Studenten rund 14 Stunden in der Woche. So wie Meika Reszies. 13 Stunden die Woche sitzt die 20-Jährige bei Cash&Carry am Ostbahnhof hinter der Kasse. Sie studiert Wirtschaftsinformatik im ersten Semester. Parallel zum Studium hat sie auch mit dem Nebenjob angefangen. Im Monat kommt sie auf 580 Euro, der Stundenlohn liegt bei 11,50 Euro brutto.

Während es für Meika Reszies der erste Job neben dem Studium ist, kann Sophia Maus schon auf eine ganze Reihe unterschiedlicher Nebenjobs zurückblicken. Die 25-Jährige macht ihren Master in Europäischer Literatur und ist im fünften Semester. Während ihres Bachelors in Übersetzung Niederländisch, Deutsch und Italienisch hat sie viele Jobs in unterschiedlichen Branchen ausprobiert. „Mein Ziel war es dabei immer, verschiedene Berufe kennenzulernen“, sagt Maus. Für Geisteswissenschaftler sei das schließlich Pflicht. Maus war schon Sekretärin bei einer Anwaltskanzlei und persönliche Assistentin in einer Immobilien-Firma. Derzeit arbeitet sie bei dem Schnäppchenportal „Groupon“ im Online-Marketing.

Passend zu ihrem Studium ist sie für die Niederlande zuständig. 15 Stunden arbeitet sie in der Woche, bekommt zehn Euro netto in der Stunde. „Die Haupttätigkeit sollte ja das Studieren sein, aber ich arbeite auch, um mehr Lebensqualität und weniger Sorgen zu haben“, sagt Maus. Ihren aktuellen Job hat sie über die Stellenbörse „Jobmensa“ gefunden. Das Stellenportal für Studenten rangiert unter dem Suchwort „Studentenjobs“ bei Google derzeit auf dem ersten Platz. Nach eigenen Angaben haben sich bei dem Kölner Unternehmen 300.000 Studenten registriert. Allein in Berlin und Brandenburg haben 45.000 Nutzer Online-Profile erstellt.

Die Heinzelmännchen

Auch die Heinzelmännchen, die studentische Arbeitsvermittlung des Studentenwerks Berlin, bringen Studenten und Unternehmen zusammen. „Derzeit sind 160.145 Studenten in Berlin immatrikuliert, von denen arbeiten 60 Prozent“, sagt Jürgen Morgenstern vom Studentenwerk Berlin. Im Wintersemester 2012/13 waren laut Statistischem Bundesamt 2,5 Millionen Studenten an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Ein neuer Rekord. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 waren noch 1,9 Millionen Menschen in Deutschland immatrikuliert, zehn Jahre später waren es bereits 2,4 Millionen – ein Anstieg um 27 Prozent. Wie viele von den Studienanfängern nebenbei jobben müssen, wird die Neuauflage der „Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks“ zeigen. Die Studie „Studentenleben 2013“ soll im Sommer veröffentlicht werden.

Studentenjobs können im besten Fall spannend sein und auf den künftigen Beruf vorbereiten. Für Anabel Bossart ist die Arbeit im Kennedy-Museum die ideale Ergänzung zu ihrem Politik-Studiengang, bei dem sie sich auf amerikanische Politik und Kultur konzentriert hat. „Die Themen, mit denen ich mich wissenschaftlich befasse, begegnen mir auch im Museum immer wieder.“

Außerdem hat ihr der Job neue Perspektiven aufgezeigt: „Eigentlich hatte ich vorgehabt, zu promovieren. Aber jetzt kann ich mir gut vorstellen, auch direkt nach meinem Masterstudium in einem Museum zu arbeiten.“

Im Bann der Kennedys

Im Leben der in Berlin lebenden Schweizerin spielt eine Familie eine große Rolle, die sie noch nie getroffen hat: „Zuerst begann ich meinen Master in Nordamerikastudien am John-F.-Kennedy-Institut, dann zog ich in die Nähe des Kennedy-Platzes in Schöneberg und nun arbeite ich auch noch im Museum ,The Kennedys‘ in Mitte“, erzählt die Studentin lachend. Dort dreht sich alles um die Geschichte des Kennedy-Clans, eine der mächtigsten und schillerndsten Dynastien der Vereinigten Staaten.

„Mir gefällt besonders, dass ich viele verschiedene Aufgaben habe“, sagt die 24-Jährige, „Ich betreue den Newsletter, schreibe Blogeinträge für die Internetseite, recherchiere für Sonderausstellungen und verfasse Begleittexte für Exponate. Manchmal gebe ich auch Führungen, was mir großen Spaß macht.“