Soziale Projekte

Zirkusse zähmen selbst Raufbolde und Randalierer

Wanderzirkusse leiden unter sinkenden Zuschauerzahlen. Nun testen sie ein neues Geschäftsmodell und nutzen dafür die Kraft der Artistik.

Foto: Reto Klar

Eigentlich müssten sie jetzt ja einpacken. Wenn es Frühling wird, müsste der kleine Circus Mondeo weiterziehen und sein Winterquartier verlassen. Doch Gerd Richter, der Direktor, und seine Familie bleiben.

In Berlin-Neukölln, auf einem Platz in der Nähe von stillgelegten Bahngleisen, sind sie mittlerweile fast das ganze Jahr. Denn die Richters haben umgesattelt auf pädagogischen Zirkus. Anstatt selbst im Scheinwerferlicht zu glänzen, verhelfen sie Kindern – mitunter aus schwierigstem sozialem Umfeld – zum großen Auftritt.

Gerade waren etwa 120 Kinder einer Grundschule da und sind durch die Manege getobt. Sie waren Clowns und Jongleure, Trapezkünstler und Dompteure. Sie haben ihren Eltern, Geschwistern und Lehrern präsentiert, was sie binnen einer Woche im Mondeo-Zelt gelernt haben.

Solch soziale und pädagogische Zirkusprojekte sind ein echter Wachstumsmarkt. Rund 1000 gibt es davon inzwischen im Land – schätzt die eigens gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik. Die klassischen Familienzirkusse leiden dagegen seit Langem unter steigenden Kosten und sinkenden Zuschauerzahlen. Es gibt nur noch maximal 350.

Mehrtägige Zirkusprojekte für Schulen sind indes lukrativ. Für jedes teilnehmende Kind wird meist ein fester Betrag erhoben, dazu kommen Eintrittsgelder der Abschlussvorstellungen. Vielerorts springen Fördervereine von Schulen zur Finanzierung mit ein, außerdem fördern staatliche Stellen die Programme. Denn Pädagogen, Sozialarbeiter und Politiker haben die Kraft des Zirkus entdeckt.

1000 Kinder pro Woche

„Zirkus schenkt Kindern Selbstvertrauen“, sagt Karl Köckenberger. „Wer sich früher kaum auf eine Leiter traute, lernt hier zu fliegen – nicht mit Ecstasy, sondern am Trapez.“ Köckenberger kommt anders als Richter nicht aus einer Zirkusfamilie.

Er war 22 Jahre lang Schlosser, dann gründete er 1992 den „Chaotisch-bunten Wander-Zirkus“, kurz: Cabuwazi in Kreuzberg. Heute hat dieser fünf Zelte in Berlin, jede Woche trainieren in diesen rund 1000 Kinder – mit ihren Schulklassen oder in Ferien- und Nachmittagsworkshops. Außerdem gibt es Fortbildungen in Zirkuspädagogik für Lehrer und Pädagogen.

Köckenberger hat 38 feste Mitarbeiter, von Jahr zu Jahr schafft er es, mit Fördermitteln und Spenden weiterzumachen.

Natürlich müssen sich die Zirkustrainer oft erst einmal Respekt verschaffen, wenn sie etwa mit Jugendlichen aus schwierigem Elternhaus arbeiten. Davon berichtet Ranulfo Cansino, Trainer bei Cabuwazi. Cansino stammt aus Mexiko, er ist klein und durchsetzungsstark. Oft muss er Rangeleien schlichten. „Die Magie des Zirkus kann jedem ein Erfolgserlebnis geben. Das Gefühl: Ich kann etwas“, sagt er.

Vor Kurzem hat bei ihm ein zwölfjähriges Mädchen türkischer Abstammung balancieren gelernt. Nun wagt sich das beleibte Mädchen, glitzernd geschminkt, auf ein 50 Zentimeter hohes Stahlseil und überquert es an der Hand ihrer Trainerin.

Kein Verlass auf staatliche Förderung

Sogar ein Programm der Bundesregierung wurde aufgelegt, von der Initiative „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ profitieren kleine Zirkusse. Die Zirkuspädagogik sei „besonders geeignet, bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche anzusprechen“, empfahl eine unabhängige Jury dem Bundesbildungsministerium. „Sie vermittelt im ganzheitlichen Ansatz motorische, soziale, emotionale und künstlerisch-kreative Kompetenzen.“

Bis zu drei Millionen Euro sollen in den kommenden fünf Jahren an pädagogische Zirkusprojekte fließen. Im Verein „Zirkus macht stark“ haben sich viele dieser Projekte schon zusammengeschlossen.

Verlassen können sich die Familienzirkusse auf die staatliche Förderung allerdings nicht: Anders als zum Beispiel in Frankreich oder den Niederlanden ist Zirkus in Deutschland nicht als Kunstform anerkannt.

Er gilt hierzulande als ein „Gewerbe zur Volksbelustigung“. Deshalb gibt es die Mittel nur von Projekt zu Projekt, nicht aber wie bei Theatern oder Musikschulen als langfristig angelegte Regelförderung. „Wir müssen immer aufs Neue um alles betteln“, klagt Sven Alb, der Vorsitzende der 2005 gegründeten Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik. „Wir brauchen die Regelförderung, damit wir unabhängig werden von der politischen Willkür Einzelner.“

Der Wert des pädagogischen Zirkus steht für ihn außer Frage: Kinder mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Fähigkeiten bewerkstelligen dabei ein Projekt gemeinsam. „Inklusive Pädagogik ist ein neues Modewort“, sagt Alb. „Das praktizieren wir in den Manegen seit Jahren.“

Das traditionelle Zirkusgeschäft – die Vorführung der eigenen Künste vor Publikum – wurde allerdings in den vergangenen Jahrzehnten immer mühsamer. Die Gründe dafür kennt Gisela Winkler. Sie führt gemeinsam mit ihrem Mann Dietmar, der einst beim Staatszirkus der DDR arbeitete, in Berlin ein Zirkusarchiv.

Rund 7000 Bücher und 2000 Zeitschriften haben die beiden gesammelt, einige Bücher selbst geschrieben. Fünf große Zirkusse seien in Deutschland übrig geblieben, sagt Winkler: Krone, Roncalli, FlicFlac, Charles Knie und Karl Busch. Sie könnten es sich leisten, fremde Artisten zu engagieren, entsprechend höhere Eintrittspreise zu nehmen, und hätten oft volle Zelte. „Viele der kleinen Zirkusse dagegen kämpfen ums Überleben“, sagt Winkler. Sie hätten nur ein begrenztes künstlerisches und artistisches Niveau.

Trotz steigender Kosten könnte ein Familienzirkus höchstens 15 Euro Eintritt verlangen, es bleibt kein Spielraum. Zudem blieben die Zelte halb leer, weil „verbohrte Tierschützer“ die Gäste abschreckten. Dabei werde die Haltung der Tiere von den Behörden streng überwacht.

„Unsere Arbeit wird gewürdigt“

Zirkus ohne Tiere – das mag sich Mondeo-Direktor Richter gar nicht vorstellen. „Die Tiere gehören bei uns zur Familie“, sagt er. „Und den Kindern öffnen sie die Herzen.“ Er erzählt von Jungs, die ruppig und unnahbar seien, aber morgens zu „ihrem Esel“ liefen, ihn fütterten und streichelten. „Sie merken: Da freut sich jemand, wenn ich komme. Das ist für sie ein ganz neues Gefühl.“

Richter motiviert die Anerkennung, die er erhält, nicht nur von den Schülern, sondern zum ersten Mal in seinem Leben von „der Gesellschaft“. Auf einmal seien sie „nicht mehr irgendwelches fahrendes Volk. Unsere Arbeit wird gewürdigt.“ Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky fördert den Circus Mondeo seit Jahren. Sogar Königin Beatrix der Niederlande war schon zu Gast.

Warm ist es in der Mondeo-Manege jetzt nicht mehr. Heizung und Flutlicht sind längst ausgeschaltet. Die Kälte kriecht wieder durch die Ritzen des Zeltes. Da kommt ein sehr dicker Junge auf Gerd Richter zu. Es ist Kevin, 14 Jahre alt, der gerade sein Praktikum beim Zirkus macht. Er geht auf eine Schule für Schulverweigerer. „Schule ist nicht so mein Ding“, sagt Kevin. „Aber Zirkus. Ja, det is wat.“

Bei der Vorstellung hat er als starker Mann die unterste Reihe einer Kinderpyramide gestützt. Dann half er beim Aufräumen. Am Montag kommt er wieder. „Gleich früh um achte.“ Kevin nimmt Gerd Richters Hand und schüttelt sie heftig. „Tschüssi, Herr Direktor.“ Dann schiebt er hinterher: „Und … danke!“