Energiewende

Kampf um Berliner Stromnetz wird für Vattenfall zum Risiko

Das Auslandsgeschäft wird für den schwedischen Energieriesen Vattenfall zur Belastung. Und in Berlin droht nun der Verlust der Netzkonzession.

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Der größte Schmerz ist abgeklungen. Im Jahr 2011 verhagelte Deutschland mit seinem Beschluss zum Atomausstieg dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall das Ergebnis. Mehr als eine Milliarde Euro betrug allein der Verlust im Deutschlandgeschäft. In vergangenen Jahr spielte der deutsche Markt immerhin für das schwedische Staatsunternehmen wieder Gewinn ein.

Die Berliner Niederlassung meldete an die schwedische Zentrale umgerechnet 13,4 Milliarden Euro Umsatz und knapp 1,4 Milliarden Euro Gewinn. Insgesamt setzte das Energieunternehmen 19,4 Milliarden Euro um, unter dem Strich blieben etwas mehr als drei Milliarden Euro übrig.

Im Vergleich zum Vorjahr schrumpfen beide Werte. In der Stockholmer Konzernzentrale sehen sie immer klarer, dass das Auslandsgeschäft – anders als einmal gedacht – immer mehr zur Belastung wird. Als in den 1990er-Jahren Europas Energiemärkte liberalisiert wurden, dachten sie sich bei Vattenfall: Energieversorgung beispielsweise in Deutschland sei ein stabiles, gleichmäßig Gewinn abwerfendes Geschäft.

Mehrheit in Berlin will Netz wieder in Landesbesitz sehen

Aus und vorbei. In Deutschland schlagen Energiewende und Atomausstieg Kapriolen. In den Niederlanden plagen sich die Schweden mit der zu teuren Übernahme des dortigen Versorgers Nuon. Und in den nächsten Monaten droht neues Ungemach unter anderem in Berlin.

Vorstandschef Øystein Løseth schwört das Unternehmen auf weiterhin unruhige Zeiten ein. "Frühere Marktprognosen sind über den Haufen geworfen, und was bisher als 'normal' angesehen wurde, gilt nicht mehr. So ist die neue Normalität", sagte Løseth. Neben der Energiewende in Deutschland, die das Geschäftsmodell aller großen Energiekonzerne wackeln lässt, kommen für Vattenfall weitere Unwägbarkeiten hinzu.

In Berlin läuft das Unternehmen Gefahr, die Konzession für den Betrieb des hauptstädtischen Stromnetzes zu verlieren. Derzeit läuft das Bewerbungsverfahren für den Netzbetrieb von 2014 an. Bis in die hinteren Reihen der Berliner CDU-Fraktion hinein gibt es in der Hauptstadt eine große parlamentarische Mehrheit derjenigen, die das Netz gern wieder in Landesbesitz sähen.

Vattenfall hat keine Lust auf kommunale Mehrheitsbeteiligung

Getrieben werden Abgeordnete und Senatoren durch ein Volksbegehren für die Gründung eines neuen Stadtwerks. Die Initiatoren wollen das Stromnetz gern städtisch betreiben und darüber hinaus Ökostrom verkaufen.

Verliert Vattenfall sein Netz, büßt das Unternehmen jährliche Profite von maximal 100 Millionen Euro ein. Dementsprechend engagiert wirbt Vattenfall seit Monaten für sich als zuverlässiger Berliner Netzbetreiber. Mit einer Minderheitsbeteiligung des Landes am Stromnetz könnte Vattenfall leben.

In Hamburg gibt es bereits ein solches Modell. Doch die Berliner Politik favorisiert eine kommunale Mehrheitsbeteiligung – worauf wiederum Vattenfall keine Lust hat.

Preisfrage immer noch nicht geklärt

Das Unternehmen setzt auf folgende Strategie: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird betont, wie sorgsam man mit dem Netz umgehe und wie viel man für den Erhalt investiere. Gleichzeitig werden unter der Hand Zweifel gestreut, ob ein neu gegründetes kommunales Unternehmen mal einfach so ein komplexes Stromnetz betreiben könnte.

Trivial ist es in der Tat nicht. Und dann gibt es ja auch noch die ungeklärte Preisfrage. Einige schätzen, dass bis zu einer Milliarde Euro für das Netz fällig würden, die ein kommunaler Betrieb an Vattenfall zahlen müsste.

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