Wirtschaftsmotor

Berlins Pharmaindustrie überrascht mit Wachstum

Pharma-Unternehmen erzielen ein Viertel des Gesamtumsatzes der Berliner Industrie. Selbst Experten reagieren überrascht.

Die Nachrichten aus Berlins Pharmabranche waren zuletzt nicht nur positiv. Die Bayer AG hat seine groß angekündigten Pläne für den Ausbau des früheren Schering-Standortes in Mitte auf Eis gelegt und angekündigt, einen Teil der Forschung zu verlagern. Noch sei zwar das letzte Wort nicht gesprochen, heißt es aus Gewerkschaftskreisen, aber alles deutet darauf hin, dass eine ganze Gruppe von 300 Forschern nach Wuppertal wechseln soll, um dort neue Krebsmedikamente zu entwickeln.

Trotz dieser drohenden Schwächung ist die Pharmabranche ein „Wachstumskern“ für die Berliner Wirtschaft, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Birgit Fischer, am Montag. Die Branchenexperten waren überrascht, welche Bedeutung ihre beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln in Auftrag gegebene Studie für den Pharmastandort Berlin ausweist, im Vergleich mit anderen Branchen der Hauptstadt, aber auch in Relation zu anderen Pharmaregionen Deutschlands.

„Internationale Ausstrahlung“

Berlins 25 größte Pharmafirmen mit mehr als 20 Mitarbeitern, die zusammen fast 10.000 Menschen beschäftigen, erwirtschaften fast ein Viertel des Umsatzes der Berliner Industrie und knapp 40 Prozent der Exporterlöse. Annähernd jeden siebte Euro, der in Deutschland mit Pillen, Tinkturen und Medikamenten erwirtschaftet wird, verbuchen Unternehmen aus Berlin. Der Umsatz pro Beschäftigten ist nirgendwo in Deutschland höher als in Berlin und erreicht fast 600.000 Euro pro Kopf und Jahr.

VFA-Chefin Fischer sagte, Berlin sei für die Gesundheitswirtschaft in Deutschland „ein wichtiger und interessanter Standort“. Mit renommierten Krankenhäusern, Forschungsinstitutionen und namhaften Unternehmen der Pharmaindustrie entwickele sich ein „Medizinstandort mit nationaler und internationaler Ausstrahlungskraft“.

Die Autorin der IW-Studie, Jasmina Kirchhoff, hob die Bedeutung der räumlichen Nähe verschiedener Fachleute aus Forschung und Produktion an einem Standort hervor. Persönliche Kommunikation sei wichtig, sagte die Wissenschaftlerin. Positive Studienergebnisse würden publiziert, negative Resultate jedoch, die oft ebenso aufschlussreich seien, würden „beim Mittagessen verbreitet“, sagte Kirchhoff. Deshalb wachse die Pharmabranche in Deutschland generell in Clustern, die sich an einem Ort oder in einer Region konzentrieren.

Berlin könne von dieser Entwicklung noch mehr profitieren als heute, sagte VFA-Geschäftsführerin Fischer, durch mehr Gesundheitsforschung und eine bessere Ansiedlungspolitik. Der neuen Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU), die bis 2011 jahrelang selbst den VFA geleitet hatte, gab ihre Nachfolgerin einige Arbeitsaufträge mit. Die Wirtschaftsförderung müsse mehr konzentriert, Bürokratie und zu viele Regulierungen abgebaut und ein vernetztes Marketing für den Gesundheitsstandort aufgebaut werden. Zwar gebe es für das „Gesundheitscluster“ Berlin schon zahlreiche Aktivitäten, aber dennoch seien Verbesserungen möglich.

Konzentration auf vier Bereiche

Diese Einschätzung teilt auch die Senatorin. Der Masterplan Gesundheitswirtschaft und das Cluster seien gerade evaluiert worden, sagte Yzer: „Wir brauchen eine Fokussierung, es gibt zu viele Handlungsfelder in der Gesundheitswirtschaft.“ Künftig werde sich Berlin auf vier Bereiche konzentrieren, sagte die Senatorin: Biotechnologie, Pharma und Diagnostika, die Medizintechnik, neue Versorgungsformen und Rehabilitation sowie Prävention und Gesundheitstourismus.

Wichtig sei, dass Pharmaunternehmen und die Gesundheitsforschung stärker zusammenwirken, greift Yzer eine weitere Forderung der Pharmabranche auf. Das sei aber durch die gerade verkündete Fusion des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Buch und der Charité auf den Weg gebracht. Andere Anliegen des Pharmaverbandes, die aber wegen der großen Bedeutung der Branche auch für Berlin eine wichtige Rolle spielen, kann Yzer aber nicht direkt beeinflussen.

Der VFA wirbt dafür, die Pharmabranche und ihre neu entwickelten Medikamente nicht nur als Kostenfaktor für die Krankenkassen zu begreifen. Das werde in Deutschland leider oft so diskutiert, sagte Verbandschefin Fischer. Zwangsrabatte und Preismoratorien, die der Bundesgesetzgeber im Streit über Arzneimittelpreise durchgesetzt habe, gingen immer auch zulasten der Innovationsmöglichkeiten der Industrie.