15. Geburtstag

Das Kulturkaufhaus Dussmann „steht auf der Gewinnerseite“

Buchgeschäft im digitalen Zeitalter? Kein Problem, sagt Julia Claren. Sie leitet das Kulturkaufhaus. Die Institution wird 15 Jahre alt.

Dussmann feiert Geburtstag. Das Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße wird 15 Jahre alt und lud zur Geburtstagsparty.

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Jährlich mehr als drei Millionen Kunden - Chefin Julia Klaren sieht das Konzept des Kaufhauses aufgehen. Ein Onlineshop ist im Gespräch.

Als Peter Dussmann am Reformationstag 1997 das Kulturkaufhaus eröffnete, war der 31. Oktober noch offizieller Feiertag in Berlin. Dussmann hatte eine Sondergenehmigung, wollte so viele Kunden locken. Der Plan ging auf; das Kulturkaufhaus wurde schnell zur Institution. Dabei war es ursprünglich eine Verlegenheitslösung. Dussmann, Gründer der gleichnamigen Dienstleistungsgruppe, fand keine Mieter für sein Geschäftshaus an der Friedrichstraße. Weil er sich die Ödnis leerer Verkaufsflächen ersparen wollte, richtete er das Kulturkaufhaus ein. Julia Claren ist seit 1997 dabei. Die Musikwissenschaftlerin führt seit 2009 das Kulturkaufhaus. Hans Evert sprach mit ihr.

Morgenpost Online: Frau Claren, die meisten Buchhändler klagen, Ketten wie Thalia haben Probleme. Wie ist es bei Ihnen nach 15 Jahren? Ist das Kulturkaufhaus die Bücherinsel der Glückseligen?

Julia Claren: Das Konzept unseres Hauses funktioniert. Man kann sagen, wir stehen auf der Gewinnerseite. Doch auch wir fragen uns immer: Worin besteht unser Mehrwert für den Kunden, wenn er sich auf den Weg zu uns macht? Offenbar ist unser Vorteil im Vergleich zu vielen Wettbewerbern die große Verkaufsfläche von 7000 Quadratmetern und unsere 200 kompetenten Mitarbeiter. Dazu kommt, dass mein Team viel Verantwortung hat. Es gibt 70 Einkäufer, die ihr Genre beherrschen, die das Sortiment selbst gestalten, Trends setzen und den Kunden zuhören. Das macht uns weltweit einzigartig. Bei uns kommt hinzu: Wir verankern uns bei Partnern in der Stadt, mit Institutionen aus Kultur und Bildung – beispielsweise Museen, Botschaften, Festivals. Überall, wo es in Berlin um Kultur und Bildung geht, sind wir präsent.

Gute Lage, großer Name, lange Öffnungszeiten, viel Verkaufsfläche und Personal: Können Sie so Ihr Geschäft mit analogen Waren wie Büchern langfristig sichern?

Wir haben jährlich mehr als drei Millionen Kunden. Jedes Jahr werden es ein paar mehr. Wir müssen ihre Bedürfnisse verstehen und werden uns weiterentwickeln. Ein ganz wesentlicher Grund für unseren Erfolg ist, dass die Menschen hier in Deutschland besonders großen Wert darauf legen, ein gutes, individuelles Zuhause zu haben. Dazu gehören schöne Bücher und CDs. Sachen, die man in die Hand nehmen kann, die ein gutes Gefühl vermitteln.

Klingt so, als wollten Sie eine Art Manufactum-Kaufhaus werden.

Wir fragen uns: Wie können wir das Bedürfnis unserer Kunden nach schönen, exzellenten Produkten befriedigen? In Berlin sind wir da gut aufgehoben. Hier gibt es Designer und Leute, die altes Handwerk pflegen. Nehmen Sie als Beispiel unsere Papeterie, in der wir handgebundene Bücher Berliner Manufakturen verkaufen. Das kommt gut an. In diese Richtung wollen wir uns weiterentwickeln. Wir werden die Bedürfnisse unserer Kunden ermitteln – und es muss inhaltlich zu dem passen, was wir schon anbieten.

Und wie wollen Sie es mit dem Digitalgeschäft halten?

Die Herausforderung lautet: Wie können unsere Kunden von uns profitieren? Denn ob Online-Geschäft oder hier im Haus: Wenn Ihnen in einem riesigen Angebot die Orientierung fehlt oder Sie etwas Besonderes suchen, brauchen Sie Beratung. Das ist unser Kerngeschäft. Dort werden wir unsere Rolle, auch in der digitalen Welt, finden.

Also kommt demnächst der große Dussmann-Onlineshop?

Wir haben bereits ein Shop-Angebot im Internet und werden dies weiterentwickeln. Sehen Sie mir nach, dass ich noch keine Einzelheiten nennen kann. Einen weltumspannenden Anspruch haben wir natürlich nicht. Unsere Kernkompetenzen sind Beratung und regionale Nähe. Diese Stärken wollen wir digital ausspielen. Grundgedanke ist der Service für Kunden. Ein Beispiel: Mit Beginn des Weihnachtsgeschäfts werden wir einen ganz neuen Service anbieten. Die Leute können ihren Wunschzettel bei uns einreichen und erhalten dann innerhalb relativ kurzer Zeit – ein bis zwei Stunden – das fertige Paket mit Büchern, Filmen und Musik. Solche Angebote werden wir auch Online verfügbar machen.

Wie steht es mit Expansionsplänen für das Kulturkaufhaus? Ist das noch ein Thema?

Peter Dussmann war überzeugt, dass das Kulturkaufhaus einmalig ist und nur in Berlin funktioniert. Es gab Expansionspläne, sie waren teilweise sehr weit gediehen, beispielsweise in Hamburg, München und Wien. Peter Dussmann hat sie immer abgesagt – und das war richtig. Heute gehört die Einzigartigkeit zu unserem Markenkern. Es hat keinen Sinn, das Kulturkaufhaus zu duplizieren. Es funktioniert nur mit dieser starken lokalen Verankerung. Die muss man langfristig aufbauen. Hinzu kommt: Berlin wächst, wird internationaler. Dadurch strömen kulturinteressierte Menschen in die Stadt. Toll für uns – einen solchen Prozess sehe ich aber kaum in einer anderen Stadt in Deutschland. Aber interessierte Kunden in Hamburg oder München erreichen wir in naher Zukunft auch durch unser Digitalgeschäft.

Wie passt das mit der regionalen Nähe zusammen, die Sie stets betonen?

Wir werden natürlich nicht mit Amazon konkurrieren. Aber wir haben sehr viele „Stammtouristen“ – selbst in Australien und den USA – die regelmäßig hierherkommen. Die planen ihre Einkäufe, schicken Listen, halten Kontakt. Für das Digitalgeschäft sind das gute Voraussetzungen. Aber wir übereilen nichts, planen sorgfältig und langfristig.

Hinter dem Kulturkaufhaus steht ein Milliardenkonzern, der weltweit reinigt, Kantinenessen kocht und Pflegehäuser betreibt. Leistet sich die Gruppe das Kulturkaufhaus oder müssen Sie wirklich Gewinn machen?

Also bei dieser Frage gehe ich fast durch die Decke (lacht). Im Ernst, wir schreiben vorzeigbare schwarze Zahlen. Und der Konzern erwartet das auch von uns.

Machen Sie auch mehr Umsatz mit der wachsenden Kundenzahl?

Die Preise für CDs, Filme und Bücher sinken seit Jahren. Wir verkaufen zwar mehr Waren aber der Umsatz bleibt mehr oder weniger gleich. Er liegt bei rund 35 Millionen Euro im Jahr. Damit sind wir der umsatzstärkste Medien-Einzelhändler. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Selbst in den USA gibt es keinen Größeren. Aber was weder uns noch unseren Wettbewerbern guttut, sind Grossisten wie Media Markt und Saturn. Dort werden CDs und Filme teilweise unter Einstandspreis verkauft. Sie entwerten Kulturgüter als Lockmittel, um anderen Waren loszuschlagen.

Dussmann hat einen großen Vorteil mit seinen langen Öffnungszeiten. Können Sie es da für das Weihnachtsgeschäft verschmerzen, dass Verkauf nur an zwei Adventssonntagen gestattet ist?

Es ärgert mich ungemein. Für uns wie für alle Einzelhändler sind die Wochen vor Weihnachten am wichtigsten. Die Einschränkung auf zwei Sonntage bevorteilt die Online-Händler enorm und diskriminiert den klassischen Einzelhandel. Die Leute bestellen ja sonntags fleißig, und in den Logistikzentren der Versender wird auch gearbeitet. Nur sieht das keine Gewerkschaft oder Kirche, weil das ja weit weg außerhalb der Einkaufsstraßen passiert. Wir werden für das nächste Jahr einen neuen Anlauf nehmen. Berlin braucht vier einkaufsoffene Adventssonntage.

Wie viel Prozent der Verkaufsfläche werden derzeit von Büchern belegt, und wie viel werden es in 15 Jahren sein?

Heute sind es ziemlich genau 70 Prozent. Schwierig zu sagen, wie sich das entwickeln wird. Vieles wissen wir einfach nicht, beispielsweise in welche Richtungen sich die Technik entwickelt. Vor wenigen Jahren dachten wir alle, die Laser-Disc wird das Trägermaterial für Filme. Wer spricht heute noch davon? Sie ist ganz schnell verschwunden.

Leiden Sie unter der Baustelle an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden?

Ganz im Gegenteil. Wir sind weiter gut erreichbar und profitieren sogar davon. Durch die Sperrung der U6 haben wir viel mehr Laufpublikum und öffnen deswegen seit Neuestem sogar schon um neun Uhr statt um zehn. Neulich sah der Vertreter eines großen Verlages, wie kurz vor neun Uhr eine kleine Menschentraube auf die Öffnung des Kulturkaufhauses wartete. Er sagte: „Jetzt glaube ich doch wieder an die Zukunft des Buchhandels.“