Aufzugsunternehmen

Otis bewegt alle fünf Tage die ganze Menschheit

Seit 101 Jahren hat der US-Aufzugsgigant einen Außenposten in Berlin. Die Standorte stehen untereinander in knallhartem Wettberwerb.

Foto: Reto Klar

Hartmut Engler, Ingenieur durch und durch, sprüht vor Stolz, als er vor diesem Glaskasten steht. „Diese Technik steckt in Aufzügen überall auf der Welt“, sagt er und lässt Augen und Mund lachen. Der Quader ist vollgestopft mit elektronischen Bauteilen und Platinen. So sieht sie aus, die Steuerung einer Aufzugskabine, sozusagen ihr Gehirn. Engler hat dieses Gehirn einst mitentwickelt. Mittlerweile ist er Deutschlandchef des amerikanischen Aufzugsgiganten Otis. Doch im Kern dieses Mannes steckt noch immer ein technikbegeisterter Junge. Engler findet, deutsche Ingenieure und Techniker könnten viel selbstbewusster in der Welt herumlaufen.

Schon seit 101 Jahren hat Otis einen Außenposten in Berlin. Standesgemäß an der Otisstraße unweit des gleichnamigen U-Bahnhofes der U6 ist das Berliner Werk mit seinen 700 Mitarbeitern angesiedelt. In den Anfangstagen und lange Zeit danach war Otis an der Chausseestraße in Mitte zu finden. Gleichzeitig ist in Tegel die Deutschlandzentrale für die 2400 Mitarbeiter hierzulande. Im Verbund des globalen Aufzug- und Fahrtreppenherstellers Otis sind die Berliner die Hirnspezialisten. Hier wird die Steuerung gebaut, ohne die eine Fahrstuhlkabine nicht wüsste, wo sie hin soll. Unverzichtbar also für das Konstrukt Fahrstuhl, das einen fast unaufhaltsamen, nun ja, Aufstieg erlebt.

In den höchsten Gebäuden

Man schrieb das Jahr 1853, als Elisha Graves Otis erstmals einen absturzsicheren Lift präsentierte. Bei der Vorführung kappte er in voller Fahrt das Halteseil. Die Plattform, auf der Otis stand, hielt abrupt. „All safe, gentlemen, all safe“, soll er gerufen haben – „alles sicher, meine Herren“. Erst durch diese Erfindung war es wirklich sinnvoll, Hochhäuser in den wachsenden Metropolen des aufkeimenden Industriezeitalters zu bauen. Großstädte mit Wolkenkratzern sind ohne Aufzüge kaum vorstellbar. Und weil die sieben Milliarden Menschen auf dem Globus in die Städte drängen, werden unentwegt hohe Gebäude errichtet. Unternehmen wie Otis und die Konkurrenten Schindler, Kone und ThyssenKrupp sind Profiteure der weltweiten Urbanisierung.

Die Aufzüge mit der Berliner Technik verteilen sich rund um den Globus. So stecken Steuerelemente in den Otis-Aufzügen des höchsten Gebäudes der Welt, dem 828 Meter hohem Burj Khalifa in Dubai. In Berlin fahren Otis-Kabinen beispielsweise demnächst im neuen Hotel Waldorf Astoria an der Hardenbergstraße und schon länger durch die Fischlandschaft im Dom Aquaree oder im Sony Center am Potsdamer Platz.

Hartmut Engler, geboren in Berlin und mit Ingenieursabschluss der TU in Charlottenburg ausgestattet, räumt ein: „Bevor ich bei Otis anfing, hielt ich Aufzüge für eher langweilig.“ Jetzt sieht er das natürlich anders, als Repräsentant von Otis. Aber seine Begeisterung wirkt nicht aufgesetzt. Engler erzählt mit natürlicher Begeisterung. „Ich kann meinen Kindern überall auf der Welt zeigen, woran ich arbeite“, sagt er. Und er hat kleine Erfolgserlebnisse wie an jenem Tag, als er zusammen mit Bahnchef Rüdiger Grube einen Abendtermin wahrnahm. Da ging es um die Frage, wer denn die meisten Menschen transportiere und Grube sah sich da in einer guten Position. Bis Engler ihn darauf hinwies, dass allein in Otis-Aufzügen rechnerisch alle fünf Tage die gesamte Menschheit bewegt werde.

Genuss des guten Standorts

Diese Zahl dürfte schon bald noch beeindruckender ausfallen. Otis spürt noch nichts von dem, was andere Unternehmen berichten. Keine Eintrübung, zögerliche Auftragsgeber oder ähnliches. „Die Geschäfte laufen sehr ordentlich“, sagt Engler. Überall in der Welt wachsen die Städte oder es entstehen, wie in China, neue Metropolen. Und wenn ein Aufzugsunternehmen den Zuschlag für einen Neubau erhält, garantiert es weitere Geschäfte über die Wartungsverträge, die dann fällig werden.

Allerdings müssen sich die Berliner im globalen Otis-Verbund stets behaupten. „Wir stehen in knallhartem Wettbewerb zu anderen Otis-Standorten“, sagt Engler. In den beiden Werkhallen in Tegel werden Leiter mit elektronischen Bauteilen bestückt und dann zu Steuerungskästen zusammengefügt. Rund eine Million Leiterkarten werden im Jahr gebaut, in 300 verschiedenen Ausführungen für die verschiedensten Fahrstuhltypen. Engler sieht einen großen Vorteil, den sein Standort genießt: die gute Ausbildung seiner Ingenieure und Techniker.

„Unser Vorteil ist, dass der Anteil an Ingenieurleistungen bei unseren Produkten sehr hoch“; sagt er. Somit muss das Berliner Werk keinen ruinösen Wettbewerb um Lohnkosten fürchten. Erst vor kurzem ist es den Berlinern auch gelungen, eine weitere Teilfertigung zu bekommen, die davor in einer mexikanischen Sonderwirtschaftszone beheimatet war.

Allerdings wünscht sich Engler noch mehr Aufträge direkt aus der Stadt Berlin, vor allem von öffentlichen Einrichtungen des Landes. Schmackhaft machen will er das der Verwaltung mit einer Ökostrategie. Seit kurzem gibt es für Aufzüge Energieeffizienzklassen, ähnlich wie bei Kühlschränken. Das, so hofft Engler, könnte dazu führen, dass es in der Stadt mit der Otisstraße bald auch mehr Aufzüge seiner Firma in Rathäusern, Senatsverwaltungen oder U-Bahnhöfen geben wird.