IT-Unternehmen

Warum sich Microsofts blauer Windows-Himmel verdunkelt

Apple und Google sind längst am Softwareriesen vorbeigezogen. Das neue Betriebssystem Windows 8 soll es jetzt richten.

Foto: DAPD

Microsoft-Gründer Bill Gates war in seinem Element: Etwas ungelenk, aber enthusiastisch zeigte er seine neueste Entwicklung: "Man kann auf diesem Tablet-PC Videos sehen, Musik hören, man kann damit arbeiten. Er ist ein großartiges Lesegerät, und wir haben unsere E-Reader-Software bereits vorinstalliert."

Gates malte ein "Wow" auf den Touchscreen, hielt ihn in eine Kamera. "Seht euch die hohe Auflösung an! Wir haben wirklich viel Arbeit reingesteckt, und ich glaube, wir haben alles richtig gemacht." Das Publikum der Microsoft-Eröffnungsrede der IT-Messe in Las Vegas klatschte begeistert. Das war im Jahr 2000. Das Gerät war innovativ und irgendwie trendy, Microsoft der erfolgreichste und mit einem Aktienkurs von gut 30 Dollar trotz des Hightech-Börsencrashs in diesem Jahr der wertvollste IT-Konzern der Welt.

Zwölf Jahre sind seitdem vergangen, Gates Tablet-PC floppte. Das schadete Microsoft nicht sonderlich, der Konzern machte 2000 einen Rekordumsatz von 23 Milliarden Dollar mit seiner Windows-Software, dem Office-Paket, Services und Spielen. Als Microsoft-Vize Steve Ballmer im selben Jahr das Ruder von Gates übernahm, war der Druck zur Innovation mäßig hoch, Microsofts Geschäftsmodell des reinen Softwareherstellers konnte noch jahrelang funktionieren. Oder?

Schnellvorlauf zum Jahr 2012: Die Microsoft-Aktie notiert noch immer bei rund 30 Dollar, Microsoft ist längst nicht mehr die größte oder wertvollste IT-Marke der Welt – diese Rolle hat Apple übernommen. Im Internet dominiert der Suchmaschinen-Riese Google das Geschäft mit der Online-Werbung, Microsoft dagegen musste im Juni gut sechs Milliarden Dollar auf sein Werbegeschäft abschreiben. Microsofts Anteil im Markt für Mobilgeräte liegt bei unter fünf Prozent.

Die vergangenen zwölf Jahre waren für Microsoft durchaus keine schlechten, doch im Vergleich zur Konkurrenz liest sich Microsofts Aktienchart wie ein Autounfall in Zeitlupe. Im jüngsten Quartalsbericht musste der Konzern aufgrund der Milliardenabschreibung sogar erstmals seit dem Börsengang 1986 rote Zahlen vermelden. Was ist seit Ballmers Antritt als CEO eigentlich schiefgegangen?

Fünf Jahre Entwicklungsphase

Im Jahr 2001 zogen erstmals kleine dunkle Wolken auf Microsofts blauem Windows-Himmel auf: Konkurrent Apple brachte den iPod auf den Markt. Ballmer benötigte fünf Jahre, um eine Antwort zu entwickeln: Zune hieß Microsofts MP3-Gerät aus dem Jahr 2006. Das Gerät floppte. Ein Jahr darauf präsentierte Apple-Chef Steve Jobs das iPhone. Legendär ist Ballmers Spruch dazu: "500 Dollar? Das ist das teuerste Telefon der Welt, und es spricht nicht mal Businesskunden an, da ihm die Tastatur fehlt."

Drei Jahre später folgte Apples iPad. Seit 2011 macht Apple mit beiden Geräten zusammen mehr Umsatz als Microsoft mit seiner kompletten Produktpalette, seit 2012 mit dem iPhone allein. Auch im Kampf gegen Google um den Werbemarkt muss Microsoft sich vorerst geschlagen geben. Schlimmer noch: Googles Webangebote für E-Mail, Dokumentenverarbeitung und Online-Speicher rauben Microsoft Kunden dort, wo es wehtut: beim Office-Paket, dem kommerziell erfolgreichsten Produkt im Portfolio.

Die Suchmaschine Bing brachte Microsoft 2009 heraus, den angestaubten Maildienst Hotmail renovierte Microsoft im Juli 2012. Das US-Magazin "Forbes" wählte Ballmer im Juni als den schlechtesten CEO einer US-Firma. Doch wer Ballmer allein alle Schuld zuschreibt, springt zu kurz: Fehleinschätzungen, schlechte Mitarbeiterführung und eine schwache Innovationskultur hätten dazu geführt, dass Microsoft bei allen neuen Entwicklungen geschlafen habe, schreibt US-Star-Journalist Kurt Eichenwald in der "Vanity Fair".

Im Juni 2012 machte sich Ballmer selbst daran, mit den alten, hemmenden Paradigmen des Konzerns zu brechen: Microsoft Surface heißt eine Reihe von neuen Tablets, mit denen sich der Konzern ab Oktober erstmals als Hardwarehersteller etablieren will. Die Geräte wirken innovativ und eigenständig, adressieren mit neuen Ideen klar definierte Zielgruppen. Prompt meldeten Microsofts Hardwarepartner Protest an, da sie um das lange gewachsene Ökosystem zwischen Microsoft und den Herstellern fürchten: Acer-Chef JT Wang bat Ballmer, den Bau eigener Hardware zu überdenken. Doch das muss Ballmer egal sein: Jetzt, zwölf Jahre nach der ersten Microsoft-Tablet-Präsentation, liegt im kommenden Windows-8-System die vielleicht letzte Chance, im global immer noch jungen Mobilmarkt die einstige Rolle zurückzuerobern.

Ob der Bruch mit der Tradition auch bis in das Innovationsmanagement hineinreicht, ist offen. Microsoft versucht jedoch tatsächlich, neue Parallelstrukturen aufzubauen: Unter dem Namen Microsoft Garage sollen junge Mitarbeiter in einem eigenen Gebäude am Hauptquartier bis zu 20 Prozent ihrer Zeit damit verbringen, neue Ideen auszuprobieren. Microsoft will nicht noch ein Jahrzehnt verlieren.