Stracke-Nachfolge

Opel-Aufsichtsrat wählt in der Krise neuen Vorstandschef

Noch vor seiner Ernennung hat der neue Opel -Chef eine weitere schlechte Zahl auf dem Tisch: Der Europa-Absatz schrumpfte.

Mitten in einer schweren Absatzkrise will der Aufsichtsrat des Autoherstellers Opel am Dienstagnachmittag einen Nachfolger für den zurückgetretenen Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke bestimmen. Die größten Chancen wurden dem bisherigen Strategievorstand Thomas Sedran eingeräumt. Der neue Mann an der Spitze wurde schon am Dienstag mit Absatzverlusten für Opel/Vauxhall von 15 Prozent im ersten Halbjahr 2012 konfrontiert – 8,2 Prozentpunkte schlechter als der Branchendurchschnitt.

Die wichtigste Aufgabe des neuen Vorstandschefs besteht darin, die Forderungen des Mutterkonzerns General Motors (GM) nach einem wettbewerbsfähigen Zukunftskonzept mit denen der Belegschaft nach dauerhafter Sicherung der Arbeitsplätze zusammenzubringen. Seit dem Rücktritt Strackes am vergangenen Donnerstag erledigt Aufsichtsratschef Stephen Girsky kommissarisch die Vorstandsgeschäfte.

Die IG Metall hatte vor der Sitzung die Arbeitnehmer mit der Erwartung beruhigt, dass auch ein neuer Vorstand die bisherigen Vereinbarungen erfüllt. Wichtigster Punkt ist die Standort- und Beschäftigungsgarantie für das Werk Bochum mit mehr als 3.000 Arbeitnehmern, die bisher bis 2014 gilt. Die Arbeitnehmer haben bislang auf die tariflich vereinbarte Gehaltserhöhung verzichtet, um Bereitschaft zur Kostenreduzierung zu signalisieren. Im Gegenzug wollen sie eine Bestandsgarantie bis 2016. Dafür hatte Stracke bereits Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Die Lösung dürfte allerdings bedeuten, dass das Bochumer Werk 2017 geschlossen wird.

Deutlich mehr Verluste als der Markt

Im ersten Halbjahr 2012 setzten die General-Motors-Töchter Opel und Vauxhall in den EU-Staaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 15 Prozent weniger Pkw ab. Das meldete der europäische Branchenverband Acea am Dienstag. Von Januar bis Juni wurden demzufolge 457.630 Wagen der beiden Marken neu zugelassen. Über alle Marken hinweg betrug der Einbruch lediglich 6,8 Prozent.

Wie in der gesamten Branche schwächte sich der Abwärtstrend im Juni leicht ab: Opel verbuchte einen Rückgang von 12,2 Prozent, alle Hersteller ein Minus von 2,8 Prozent. In den von Opel nicht oder kaum erreichten Märkten Russland, China, Japan und Indien wuchs der Autoabsatz dagegen weiter zweistellig.

Der Automobilexperte Willi Diez verteidigte den bisherigen Sanierungskurs bei Opel. Er sei „geeignet, Opel wieder mehr Absatz zu bescheren, insbesondere in Wachstumsmärkten wie China und Russland“, sagte der Chef des Instituts für Automobilwirtschaft der „Superillu“. Er mutmaßte, „dass GM in Zukunft stärker auf seine Marke Chevrolet in Europa setzt und die rückläufigen Absatzzahlen bei Opel damit ausgleichen will“. Dafür sprachen auch die Acea-Zahlen: Im ersten Halbjahr legte Chevrolet in der EU um 14 Prozent auf 103.126 Autos zu, im Juni um elf Prozent auf 18.893 Stück. Damit hatte Opel in der EU im Juni einen Marktanteil von 7,3 und Chevrolet von 1,6 Prozent.

Noch vor seiner Ernennung hat der neue Opel -Chef eine weitere schlechte Zahl auf dem Tisch: Der Europa-Absatz des taumelnden Autobauers schrumpfte im ersten Halbjahr um 15 Prozent auf 457.630 Fahrzeuge, wie der europäische Herstellerverband ACEA am Dienstag mitteilte. Der Marktanteil ging auf 6,9 Prozent von 7,6 Prozent zurück. Damit zählt die Marke mit dem Blitz zu den größten Verlierern unter den Pkw-Herstellern. Die Absatzkrise in Europa ist eines der drängendsten Probleme, die der neue Opel-Chef in den Griff bekommen muss. Wer die ums Überleben kämpfende Tochter des US-Konzerns General Motors künftig führen wird, will der Aufsichtsrat am Dienstagnachmittag entscheiden. Als Favorit gilt Strategievorstand Thomas Sedran. Der Konzern wollte sich zunächst nicht äußern.

Medienberichten zufolge soll der Sanierungsexperte Sedran, der erst vor gut drei Monaten zu Opel gekommen ist, nur kommissarisch die Leitung übernehmen. Für eine Dauerlösung wolle sich GM bis Jahresende Zeit lassen. Das „Handelsblatt“ brachte dafür unter Berufung auf Informationen aus dem Firmenumfeld unterschiedliche Kandidaten ins Spiel: Ex-Daimler -Manager Rainer Schmückle, Karl-Thomas Neumann, der bei Volkswagen bisher das Chinageschäft leitete und bei der jüngsten Vorstandsrochade nicht zum Zuge kam, Herbert Demel vom Zulieferer Magna, der Opel in der Vergangenheit bereits einmal kaufen wollte, und auch den früheren Porsche -Chef Wendelin Wiedeking.

Wer auch immer an die Spitze des Traditionsunternehmens berufen wird, kann auf eine lange Reihe von Vorgängern blicken: Seit der Blütezeit in den 1970er Jahren hat Opel 15 Chefs kommen und gehen sehen. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden drei Vorstandsvorsitzende verschlissen. Nach dem abrupten Abgang von Karl-Friedrich Stracke in der vergangenen Woche führt derzeit der Opel-Aufsichtsratschef und GM-Spitzenmanager Stephen Girsky kommissarisch die Geschäfte.

Der Rüsselsheimer Autokonzern leidet wie viele Massenhersteller unter der Absatzflaute im Kernmarkt Europa. In den Schuldenstaaten des Südens trauen sich die Menschen kaum mehr, neue Autos zu kaufen. Im ersten Halbjahr 2012 wurden in der EU 6,64 Millionen Pkw neu zugelassen – das sind 6,8 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Der Juni sorgte immerhin für einen kleinen Lichtblick: Die Zahl der Neuzulassungen sackte nur noch um 2,8 Prozent ab; dies war der geringste Rückgang seit acht Monaten. Innerhalb der EU erwiesen sich zwei große Absatzmärkte als recht robust: In Deutschland legten die Neuzulassungen u0,7 Prozent auf 1,63 Millionen Pkw zu, in Großbritannien kletterten sie um 2,7 Prozent auf 1,06 Millionen Autos.

Aktienkurs des Opel-Partners Peugeot so niedrig wie 1986

In Frankreich sackte die Zahl dagegen um 14,4 Prozent auf 1,23 Millionen Fahrzeuge ab. Der französische Opel-Partner PSA Peugeot Citroen bekam die Krise ebenfalls deutlich zu spüren. Die Neuzulassungen des Konzerns, der vergangene Woche den Abbau von 8000 Stellen angekündigt hatte, brachen um 13,9 Prozent auf 808.660 Autos ein. Die Peugeot-Aktie stürzte an der Pariser Börse ab und notierte so niedrig wie zuletzt 1986.

Von der Kooperation mit PSA, dem zweitgrößten europäischen Autobauer nach VW, verspricht sich Opel kräftige Einsparungen. Das Ende Juni verabschiedete Sanierungskonzept der Rüsselsheimer sieht außerdem große Investitionen in neue Modelle vor. Für die vier deutschen Opel-Werke gilt eine Standortgarantie bis Ende 2016. Nach dem Chefwechsel befürchten Arbeitnehmer und Experten jedoch eine Rosskur. Bei GM geht die Geduld mit der seit langem kriselnden und Verluste schreibenden Tochter zu Ende. Außer an der Absatzflaute in Europa – der Zutritt zu Wachstumsmärkten wie China oder Lateinamerika ist den Rüsselsheimern von GM untersagt