Fachkräftemangel

Schavan ruft nach spanischen Azubis

Berlins Wirtschaft zeigt sich interessiert. Doch aktuell suchen nur vier Spanier in der Stadt eine Lehrstelle. Größte Hürde ist die Sprache.

Foto: DAPD

Im tiefen Datenmeer der Bundesagentur für Arbeit geht diese Zahl fast unter. Vier junge Menschen mit spanischem Pass sind, Stand Juni 2012, in der Hauptstadt als „Bewerber für eine Berufsausbildungsstelle“ gemeldet. Geht es nach Bildungsministern Annette Schavan (CDU), sollen es bald wesentlich mehr sein. Sie will Spaniens Jugendliche nach Deutschland in die Lehre schicken. „Damit können wir unseren Fachkräftebedarf ein bisschen decken“, sagte die Ministerin am Mittwoch kurz vor einem Treffen mit ihrem spanischen Amtskollegen José Ignacio Wert Ortega in Stuttgart.

Junge Spanier sollen hierzulande lernen und die Iberer insgesamt von Deutschland. Mehr als 50 Prozent der jungen Spanier unter 25 Jahren sind ohne Job. Dieser tristen Lage will das Land nun mit deutscher Hilfe begegnen. Junge Menschen sollen zur Lehre in den Norden gehen. Zudem würde Spanien gern das System der dualen Berufsausbildung – Theorie in der Berufsschule, Praxis im Betrieb – kopieren. Man wolle von Deutschlands Erfahrungen profitieren, um das System möglichst effizient einführen zu können, sagt Ortega. Deutschland, wo nur acht Prozent der jungen Menschen ohne Stelle sind, pries er in Stuttgart als großes Vorbild.

Beim Treffen mit ihrem Kollegen versuchte Schavan den Eindruck zu vermeiden, Deutschland wolle nun die hellsten Köpfe aus krisengeplagten Ländern abwerben. Allerdings sind Bewerber aus Südeuropa in deutschen Fabrikhallen und Büros durchaus willkommen. Für viele Firmen wird es immer schwieriger, Ausbildungsplätze und Fachstellen zu besetzen. „Grundsätzlich begrüßen wir die Idee von Schavan“, sagte Jörg Nolte, Sprecher der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Klappen könne es jedoch nur, wenn Bewerber Deutsch sprächen. Sprachbarrieren gelten bisher größtes Hindernis beim Versuch, einen europäischen Arbeitsmarkt aufzubauen. In Spanien, aber auch in Italien, Griechenland oder Portugal gelten die durchschnittlichen Englischkenntnisse als wenig ausreichend. Das gilt in noch höherem Maße für das Beherrschen der deutschen Sprache.

Bislang keine große Arbeitsemigration

Somit ist klar, warum es bislang keine große Arbeitsemigration aus Euro-Krisen-Ländern gibt. Anders als beispielsweise in den 50er-Jahren, als Millionen Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen, sind Sprachkenntnisse heute unabdingbar. Früher arbeiteten die Arbeitsimmigranten in körperlich harten Industriejobs. Deutsch in Wort und Schrift war dafür selten erforderlich. Das ist heute anders.

In der Statistik gibt es jedoch erste, zarte Anzeichen für eine Einwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt. In Berlin beispielsweise waren im Juni vergangenen Jahres 19.036 Menschen mit dem Pass eines EU-Landes als Arbeit suchend gemeldet. Im Juni 2012 waren es 11,5 Prozent mehr, insgesamt 21.224. Die Zahl der Arbeit suchenden Spanier stieg im Jahresvergleich sogar um mehr als 30 Prozent auf 1072. Allerdings lässt sich aus diesen Zahlen nicht herauslesen, wie viele Spanier auf der Suche nach Arbeit in die Stadt gekommen sind. Erfasst werden in der Statistik auch Passinhaber, die schon seit Generationen in der Stadt leben.

Kooperation mit Schulen

Allerdings gilt gerade Berlin als attraktiver Ort für Arbeitsuchende aus Südeuropa. Diese Erfahrung hat Marion Rang gemacht. Sie arbeitet bei der ZAV, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. „Die jungen Leute wollen alle nach Berlin. Allerdings gibt es die meisten Stellen eher in Bayern und Baden-Württemberg“, sagt Rang. Im kommenden Jahr will die ZAV in größerem Stil spanische Jugendliche für deine deutsche Berufsausbildung begeistern. Derzeit werde eine Kooperation mit spanischen Schulen erarbeitet. Im Visier hat die ZAV vor allem deutsche Schulen. „Es müssen aber jede Menge Hindernisse überwunden werden“, sagt Rang. Neben Sprachkenntnissen geht es um Fragen wie Betreuung von 17-Jährigen, die eine Lehre weit weg von der Heimat machen. Man dürfe nicht so viel erwarten, meint Rang. „Schon jeder vierte Deutsche bricht seine Lehre im ersten Jahr ab. Wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit bei einem jungen Spanier?

Insgesamt rückt für die ZAV das Anwerben ausländischer Fachkräfte immer mehr in den Fokus. Der Schwerpunkt der Tätigkeit habe sich verlagert, sagt Rang. Vor der Krise kümmerte man sich vor allem um Deutsche, die ihr Arbeitsglück im Ausland suchen. Jetzt geht es mehr und mehr darum, Menschen nach Deutschland zu locken. Für das nächste Jahr hat die die ZAV eine Reise geplant. Es wird eine ausführliche Werbetour für den deutschen Arbeitsmarkt geben – quer durch Italien, Spanien, Portugal und Griechenland.