Insolvenz

Um 15 Uhr war bei Schlecker in Berlin für immer Schluss

Die Schlecker-Märkte in Berlin sind endgültig zu. Viele hatten am letzten Tag nicht einmal mehr Ware anzubieten.

Mit dem Auto ist ein Schnäppchenjäger auf den Bürgersteig vor der Schlecker-Filiale an der Kreuzberger Gneisenaustraße gefahren. „Ich hab's gerade im Radio gehört, alles 20 Cent!“, ruft er mit Blick auf die auf die verhangenen Ladenfenster. „Aber die haben ja jetzt schon alle schon zu. An der Yorckstraße, am Tempelhofer Damm, da war überall dicht.“

Unverrichteter Dinge schwingt sich der Schnäppchenjäger zurück ins Auto. Doch auch an der nächsten blau-weißen Filiale am Mehringdamm Ecke Hagelbergerstraße sollte er am frühen Mittag kein Glück haben. Dort sind die Fenster ebenfalls verhangen. Die Türen geschlossen.

Das Ende kam also erwartet, aber unerwartet schnell. Nicht einmal bis zur offiziellen Betriebsstilllegung um 15 Uhr am Mittwoch hatten viele der Berliner Schlecker-Filialen noch geöffnet. Aus Mangel an Ware. Ein tristes Ende des einstigen Schlecker-Imperiums – nach 37 Jahren.

"Wüsste nicht, was ich sonst machen sollte"

„Mein Laden ist sein Montag dicht“, erzählt die Filialleiterin des Schleckers am Mehringdamm. „Ich bin heute nur hier, weil ich nicht wüsste, was ich sonst machen sollte.“ Sie zuckt mit den Schultern. Namentlich genannt werden möchte sie lieber nicht. „Ach und ich warte natürlich noch auf die Handwerker.“

Sie blickt über die leeren Regalbretter. „Es heißt ja, dass die die Ladeneinrichtung abbauen sollen, um sie dann an Schlecker XL und IhrPlatz weiterzuvergeben.“ Skeptisch zieht die Frau im blau-weiß gestreiften T-Shirt die Augenbrauen hoch. Dass die Schlecker Tochterunternehmen noch gerettet werden, bezweifelt sie: „Da kann ich nur noch müde lachen.“

Am Montag hatte es in ihrem Markt bereits einen 90 Prozent Nachlass auf alles gegeben. Einzig ein paar Blumensamen, eine Handvoll Lippenstifte, sowie ein paar Sonnenbrillen liegen noch in den Regalen. Eigentlich ist die Kreuzberger Filialleiterin froh darüber.

Denn für die für den Schlusstag angesetzte „20-Cent-Plünderung“ wäre sie sich zu stolz gewesen, sagt sie. Selbst der 90 Prozent Nachlass sei manchen Kunden noch nicht genug gewesen: „Wir haben beim Aufräumen viele leere Packungen gefunden.“ Sie lächelt ein wenig bitter. „Es ist nicht schön, wenn man dabei zusehen muss, wie das eigene Lebenswerk derart zerstört wird.“

Seit 12 Jahren hatte sie die die Drogerie am Mehringdamm betrieben. Begonnen hatte sie im Jahr 2000 mit einem „Kaiser's Drugstore“. Vier Jahre später wurde die Filiale von Deutschlands ehemals größter Drogeriekette übernommen. „Manche Kunden haben letzte Woche tatsächlich noch gefragt, ob wir noch mal Ware reinbekommen. Und wenn ich dann entsprechend geantwortet habe, dann wurden die auch noch frech.“ Aber es hätte zum Abschied durchaus auch schöne Momente gegeben. Wie etwa Kunden, die an der Kasse erzählten, eigentlich nur eingekauft zu haben, um noch mal einen Schlecker-Kassenbon zu bekommen.

Kündigung zum 1. Juli

Deutschlandweit erhalten in den nächsten Tagen die verbliebenen 13.200 Schlecker-Mitarbeiter ihre Kündigung zum 1.Juli. Insgesamt verloren durch die Schlecker-Pleite knapp 25.000 Menschen ihren Job. Die Filialleiterin vom Mehringdamm blickt dennoch optimistisch nach vorne: „Ich habe nächste Woche schon ein Vorstellungsgespräch. Aber nicht bei der Konkurrenz. Mein Drogerie-Kapitel ist abgeschlossen.“ Viele ihrer Kollegen der umliegenden Filialen wären auch bereits wieder untergekommen. Es freut sie. „Die großen Tränen haben wir alle schon bei der ersten Kündigungswelle im März vergossen.“ Jetzt muss es weitergehen.

Im Schlecker-Markt an der Schöneberger Grunewaldstraße 25 ist die Stimmung weniger zuversichtlich. „Ich habe noch keinen neuen Job“, sagt Leiterin Nicole Schulz. „Wir warten hier erst mal auf unsere Kündigung.“ Um 13 Uhr habe sie mit ihrem zweiköpfigen Team die Tür ihrer Drogerie geschlossen. Für immer. Mülltüten stapeln sich im Kassenbereich. Die Mitarbeiter packen verbliebene Ware in Kisten. „Die geht jetzt zu XL“, sagt Schulz während sie ein paar graue Badelatschen in eine Einkaufstüte stopft.

Der grausame letzte Tag

Der letzte Tag sei grausam gewesen, sagt sie. Und ihr Team stimmt ihr nickend zu. „Gleich heute Morgen um neun sind sie in den Laden gerannt. Wir konnten sie nicht zurückhalten. Nach wenigen Minuten hatten sie bereits das erste Regal umgetreten.“ Ihre Stimme ist belegt. „Die haben sich gegenseitig geohrfeigt, um an Ware zu kommen. So etwas Widerliches. Die wussten gar nicht, was sie gegriffen haben. Es war ihnen auch egal. Hauptsache billig.“

Frau Schulz wird unterbrochen. Ein älterer Herr klopft gegen die Scheibe und hält einen Rasierer hoch. Die Filialleiterin aus Marzahn reagiert nicht mehr. „Das hier “, sagt sie stattdessen und greift einer ihrer Mitarbeiterin an die Schultern: „Das hier war mein Goldstück in diesem Laden.“ Die blonde Verkäuferin nickt gerührt und sammelt dann weiter die herumliegende Ware ein.

„Aber wir gehen jetzt nach Hause“, bestimmt Schulz. Ihre Schlüssel will sie noch nicht abgeben, denn am nächsten Tag wolle sie noch mal wieder kommen: „Ich muss doch mein Baby aufräumen“, sagt sie. Niemand widerspricht ihr.