Patientenbeschwerden

Die meisten Ärztefehler passieren bei Hüft- und Knie-OPs

Im Jahr 2011 beklagten sich 11.000 Patienten. In 1901 Fällen bekamen sie eine Entschädigung. Oft ging es um Fehler bei der Risiko-Aufklärung.

Die 15-jährige Patientin war umgeknickt und hatte sich am Sprunggelenk verletzt. Bei einer ambulanten Operation wurde daraufhin eine Schraube eingesetzt, die nicht einwandfrei war und brach. Obendrein entzündete sich die Wunde. Am Ende musste das Mädchen eine zusätzliche Operation und einige zusätzliche Schmerzen erleiden – und das alles, weil der erste Arzt die Schraube nicht ausreichend auf Funktionssicherheit geprüft hatte. Die Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern empfahl daraufhin, der Patientin im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung ein Schmerzensgeld zu zahlen.

721 mal dauerhafte Schäden

Ein Fall wie dieser ereignet sich tausendfach, aber nicht immer beschweren sich Patienten darüber. Vor allem aber endet nicht jede Beschwerde mit der Anerkenntnis einer Schuld durch den Arzt. Etwa nur bei jeder fünften Beschwerde über eine fehlerhafte Behandlung erkennen die ärztlichen Gutachter tatsächlich einen Fehler ihres behandelnden Kollegen. Das zeigen die Zahlen über Behandlungsfehler im Jahr 2011, die die Bundesärztekammer am Dienstag vorgestellt hat.

Insgesamt konnten ärztliche Gutachter 2287 Mal ein Fehlverhalten ihrer Kollegen feststellen. Aber nur in 1900 Fällen waren diese Fehler die eindeutige Ursache für einen „Gesundheitsschaden“ des Patienten. Weniger als jeder dritte dieser so betroffenen Patienten (721 Fälle) trug einen dauerhaften Schaden davon, in 99 Fällen starben Patienten aufgrund des Fehlers eines Arztes. Meistens handelte es sich dabei um Infektionen nach einer Operation oder um Krebs, der zu spät festgestellt wurde und deshalb nicht mehr eingedämmt werden konnte.

Die Auswertung der Bundesärztekammer zeigt auch, dass die meisten Behandlungsfehler bei Knie- und Hüftoperationen geschehen. Dabei handelt es sich um absolute Zahlen, eine Relation zur Gesamtzahl der Behandlungen ist – noch – nicht möglich. Fest steht aber, dass drei von vier Behandlungsfehlern dort geschehen, wo schwere Fälle behandelt werden: im Krankenhaus. Ein Viertel der Fehler unterläuft Ärzten in ihrer Praxis. Auch dort geht es meistens um gebrochene Knochen oder gezerrte Sehnen – also um das Tätigkeitsgebiet von Unfallchirurgen und Orthopäden. Auch Allgemeinchirurgen sind durchaus fehleranfällig. Schwierigkeiten gibt es zum Beispiel bei Operationen oder bei der Interpretation der Bilder aus Röntgen- oder Magnetresonanz-Geräten.

Exakt 11.107 Anträge von unzufriedenen Patienten bekamen die ärztlichen Schlichtungsstellen im vergangenen Jahr zur Bearbeitung auf den Tisch. Das waren rund 100 mehr als noch 2010. Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der ärztlichen Schlichtungsstellen, führt das auf die steigende Bekanntheit dieser Einrichtungen zurück.

Schätzungen gehen davon aus, dass pro Jahr etwa 40.000 Menschen der Meinung sind, falsch behandelt worden zu sein. Etwa die Hälfte davon wendet sich an die Ärztekammern oder an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Nur bei diesen Institutionen werden die Fälle dokumentiert und statistisch erfasst. Die übrigen 20.000 – so kann man nur vermuten – werden von Gerichten oder direkt mit Haftpflichtversicherungen der Ärzte geklärt. Beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen wurden – anders als bei den Ärzten – immerhin in 30 Prozent der Fälle ein Behandlungsfehler konstatiert.

Die Rechtslage soll geänder werden

An die Schlichtungsstellen der Ärztekammern können Patienten sich kostenlos wenden. Sie erhalten dann eine Begutachtung ihres Falles durch unabhängige Experten sowie das Angebot für eine außergerichtliche Streitschlichtung. In 90 Prozent der Fälle werden die Entscheidungen von beiden Parteien akzeptiert. Der Rest der Patienten wendet sich nach diesem Schlichtungsverfahren zusätzlich noch an Gerichte. Nach Angaben der Ärztekammern dauern die Schlichtungsverfahren etwa ein Jahr und sind damit kürzer als ein gerichtlicher Prozess.

Angesichts von Millionen von Behandlungen und Eingriffen pro Jahr seien einige tausend Fehler sehr gering, sagte Crusius, der auch konstatierte: „Eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es nie geben.“ Es müsse aber alles dafür getan werden, das Risiko „so klein zu halten wie irgend möglich“. Würde man die Zufriedenheit von Patienten mit den ärztlichen Behandlungen messen, so Crusius, wären diese Zahlen deutlich höher als die Zahl der Behandlungsfehler.

Den Gesetzlichen Krankenkassen reicht die gegenwärtige Rechtslage bei den ärztlichen Behandlungsfehlern nicht aus. Gernot Kiefer, Vorstand des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV), spricht sich deshalb für eine erleichterte Beweislast durch die Patienten aus. Diese sollten nur belegen müssen, dass ein Behandlungsfehler vorliegt und dass sie einen Schaden erlitten haben.

Anders als heute sollten Ärzte oder Krankenhäuser dann beweisen, dass der Behandlungsfehler nicht ursächlich für den Schaden verantwortlich war. Die Ärzte lehnen dies jedoch ab und beurteilen deshalb auch das Patientenrechtegesetz skeptisch, das die Bundesregierung gegenwärtig plant. Dieses Gesetz könne zwar einen deutlicheren Rechtsrahmen schaffen, berge aber auch das Risiko für neue Rechtsstreitigkeiten zwischen Ärzten und Patienten, aber auch zwischen den Ärzten untereinander.

Das neue Gesetz, das demnächst im Bundestag beschlossen werden wird, soll ab 2013 unter anderem dafür sorgen, dass Kranke ihre Rechte besser kennen und leichter gegen Behandlungsfehler vorgehen können. Neben der Umkehr der Beweispflicht sollen Kranken- und Pflegekassen verpflichtet werden, ihre Versicherten bei Schadenersatzansprüchen zu unterstützen, beispielsweise indem sie Gutachten bestellen und bezahlen.