ifo-Index

Griechenland-Krise schickte deutsche Wirtschaft auf Talfahrt

Die deutsche Wirtschaft blickt ernüchtert auf die neuen Querelen in der Euro-Zone. Der ifo-Index bricht ein.

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Die wieder aufgeflammte Euro-Schuldenkrise hat der Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Mai einen unerwartet kräftigen Dämpfer verpasst. Der ifo-Geschäftsklimaindex fiel überraschend auf den tiefsten Stand seit einem halben Jahr. Volkswirte erwarten zwar gebremstes Wachstum, aber keinen Absturz. Noch zu Jahresbeginn hatten kauflustige Verbraucher und die starke Exportindustrie Europas Konjunkturlokomotive Deutschland wieder in Fahrt gebracht.

Gegenüber dem Vorquartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,5 Prozent, bestätigte das Statistische Bundesamt am Donnerstag vorläufige Zahlen. Motor waren der Export mit plus 1,7 Prozent und der private Konsum mit plus 0,4 Prozent. Die Investitionen in Maschinen, Geräte und Fahrzeuge wurden dagegen um 0,8 Prozent zurückgefahren.

Die Unternehmen beurteilten im Mai sowohl ihre aktuelle Geschäftslage als auch ihre Aussichten für die nächsten Monate deutlich schlechter. Nach sechs Anstiegen in Folge fiel der ifo-Index von 109,9 auf 106,9 Punkte. „Die deutsche Wirtschaft steht unter dem Eindruck der in letzter Zeit gestiegenen Unsicherheit im Euroraum“, erklärte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn in München. Für Ifo-Konjunkturexperte Gernot Nerb ist die deutliche Korrektur „ein Signal, dass die Firmen vorsichtiger werden“.

"Die deutsche Wirtschaft steht unter dem Eindruck der in letzter Zeit gestiegenen Unsicherheit im Euro-Raum", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Neue Sorgen um einen möglichen Abschied Griechenlands aus der Euro-Zone hatten bereits in den zurückliegenden Tagen für verstärkte Nervosität an den internationalen Kapitalmärkten gesorgt. Auch brachte das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschef der EU am Mittwochabend in Brüssel keine Entscheidungen über umstrittenen Fragen wie etwa die Einführung von Euro-Bonds.

Unternehmen korrigierten euphorische Beurteilung nach unten

Die Nachfrage in der Industrie sank, und auch der Einzelhandel spürt plötzlich Gegenwind. „Das ist zumindest ein erheblicher Dämpfer. Aber es ist zu früh, schon die Trendwende auszurufen“, sagte Nerb. Die Wirtschaftsforscher sehen sich sogar bestärkt in ihrer Wachstumsprognose von 0,9 Prozent in diesem Jahr: „Wie im ersten Quartal konnte es ja nicht weitergehen, sonst hätten wir ja über 2 Prozent Wachstum.“

Die Unternehmen korrigierten ihre bislang fast euphorische Beurteilung der Geschäftslage stark nach unten. Sie ist aber immer noch deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Bei den Geschäftserwartungen allerdings halten sich positive und negative Bewertungen inzwischen die Waage: „Die zukünftige Entwicklung wird von den Unternehmen pessimistischer beurteilt“, sagte Sinn.

In der Industrie ist die Auftragslage noch gut, „sie bröckelt aber etwas ab“, wie Nerb sagte. Die Produktion verlangsamt sich. Die Nachfrage im Inland ließ nach. Die Exporterwartungen verbesserten sich zwar, der schwächere Euro beflügelt das Geschäft in Amerika, Asien und Russland, aber sie konnten die Inlands-Delle nicht ganz ausgleichen. Die Personalplanung ist erstmals seit Monaten defensiv, Auf- und Abbaupläne halten sich die Waage.

Befragte Volkswirte deutscher Banken erwarten im Mai noch einen Rückgang der Arbeitslosen um 100.000 auf 2,86 Millionen. Aber das Tempo sinke. Erst für den Herbst sind sie wieder optimistischer.

Einkaufsmanagerindizes fielen auf Tiefstand

Überrascht zeigten sich die ifo-Wirtschaftsforscher vom Einbruch im Einzelhandel. Die Händler zeigten sich unzufrieden und sehen pessimistisch in die Zukunft. Bekleidungs- und Schuhläden spürten den stärksten Rückgang – aber Möbel und Unterhaltungselektronik liefen gut, und die jüngsten Tarifabschlüsse sollten dem Einzelhandel eigentlich eher Hoffnung machen: „Das ist wohl eher ein Ausrutscher“, sagte Nerb. Der Anstieg des ifo-Dienstleistungsindex im Mai spreche weiter für Rückhalt im Inlandsgeschäft.

Die Einkaufsmanagerindizes für Deutschland und für den gesamten Währungsraum fielen im Mai auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Die Commerzbank sieht Deutschland „zunehmend in den Sog der Staatsschuldenkrise“ geraten und den Rückgang des ifo-Index als „überfällige Korrektur“. Berenberg-Bank-Volkswirt Christian Schulz sagte, Investitionen und Konsum könnten im zweiten Quartal belastet werden und zu einer Wachstumspause führen.

Insgesamt liegen die BIP-Prognosen für das Gesamtjahr zwischen einem halben und über einem Prozent. Die staatseigene Förderbank KfW rechnet sogar mit 1,2 Prozent plus. „Haupttreiber des Realwachstums dürfte in beiden Jahren die Binnennachfrage sein“, sagte KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch.