Discounter

Kunden halten trotz Vorwürfen zu Aldi

Der Discounter weist Berichte über eine schlechte Behandlung der Mitarbeiter zurück. Für die Verbraucher zählen vor allem günstige Preise.

Statements von Aldi sind üblicherweise kurz. Egal, ob Journalisten nach Geschäftszahlen, Lebensmittelstandards oder Frühjahrstrends fragen: Stets bittet der Discounter um Verständnis, dass man sich „aus grundsätzlichen Erwägungen zu strategischen und unternehmenspolitischen Fragestellungen nicht äußern möchte“. Deutschlands größter Discounter, so lautet die Botschaft, hat kein Interesse an irgendeiner Art von Presse.

Ganz anders in der letzten Woche. Statt der üblichen Standardformel schickt das Unternehmen seitenlange Dementis in die Welt. Unbezahlte Mehrarbeit und heimliche Filmaufnahmen gehörten nicht zur Geschäftspolitik der Billigkette. „Im Unternehmen herrscht weder ein System von Einschüchterung, Kontrolle und Misstrauen, noch werden langjährige Mitarbeiter entlassen und durch günstigere ersetzt“, behauptet eine Sprecherin von Aldi Süd. Sie wehrt sich gegen entsprechende Vorwürfe in den Medien. Offenbar hat Aldi Angst, von seinen Kunden abgestraft zu werden.

Harte Bandagen in der Branche

Experten glauben indes, dass der Lebensmitteldiscounter diese Sorge gar nicht haben muss. Tatsächlich ist es dem Branchenführer bisher immer gelungen, in der knallharten Discounterlandschaft als der Gute dazustehen. „Das Image von Aldi ist in vielen Aspekten positiv“, sagt Mirko Warschun, Handelsexperte der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney. Jedem Verbraucher sei klar, dass in der Branche mit harten Bandagen gekämpft wird. Aldi gelte dabei aber als generell fair gegenüber Lieferanten und Mitarbeitern. Warschun rechnet nicht mit einem Kaufboykott: „Dafür müssten sich Verfehlungen schon über Jahre hinweg häufen.“

Dass es zu systematischen Verfehlungen gekommen ist, bestreitet Aldi energisch. Tatsächlich spricht die lange Betriebszugehörigkeit der Beschäftigten gegen eine Kultur der Angst. 40 Prozent der 32.000 Mitarbeiter seien bereits länger als zehn Jahre im Unternehmen, meldet Aldi. Vier von fünf würden den Discounter sogar ihren Freunden und Bekannten als Arbeitgeber empfehlen. Üblich seien solche Werte nicht gerade in der Branche, heißt es beim Handelsverband Deutschland.

Die Beliebtheit des Arbeitgebers Aldi überrascht. Denn der Discounter verlangt seiner Belegschaft viel ab. Das zeigt der Besuch in einer beliebigen Filiale. Gerade noch saßen die wenigen Mitarbeiter an der Kasse, schon räumen sie Regale ein oder putzen. „Dieser Dauerdienst gehört zum Geschäftsmodell“, sagt Björn Weber vom Handelsforschungsunternehmen Planet Retail. Das System sei auf Produktivität und Effizienz getrimmt. Einer Untersuchung von Planet Retail zufolge sind Aldi-Kassiererinnen die schnellsten im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Für dieses Leistungsplus werden sie auch entsprechend bezahlt. Die Rede ist von bis zu 30 Prozent mehr Gehalt gegenüber vergleichbaren Positionen in anderen Handelsunternehmen. „Wer zu Aldi geht, weiß, was ihn erwartet“, sagt Weber. Die Mitarbeiter wirkten nicht unglücklich. „Da gibt es ganz andere Beispiele in der deutschen Handelslandschaft.“

Viele Kunden scheinen diese Sicht zu teilen. Aldi werde von Verbrauchern als eine Art „Verkaufsstelle der Stiftung Warentest“ wahrgenommen, argumentieren die Forscher des Kölner Rheingold-Instituts. Dem Discounter werde ein hoher Qualitätsstandard, aber wenig Sex-Appeal attestiert. Ein Image, das dem Unternehmen in diesen Tagen helfen könnte, die Krise unbeschadet zu überstehen. „Schwerwiegende Skandale mit Umsatzeinbrüchen entstehen zumeist dann, wenn ein einzelner Vorfall für ein Image oder für ein latent vorhandenes Vorurteil zu stehen scheint. Dann sagen die Konsumenten: ‚Ich habe es ja gleich gewusst' – und bleiben der Kette zumindest für ein paar Wochen fern“, sagt Rheingold-Gründer Stephan Grünewald.

Wenn der „Spiegel“ berichtet, dass Kundinnen in kurzen Röcken in hessischen Aldi-Filialen heimlich gefilmt und die Videos weitergegeben worden seien, dann werde dies nicht nur innerhalb der Branche eher als skurrile Entgleisung Einzelner wahrgenommen. „Aldi gilt als puritanisches, asketisches Unternehmen, nicht als sinnliches oder gar sexistisches. Deshalb wird das an Aldi abperlen“, glaubt Grünewald. Das Unternehmen selbst schließt „ein Fehlverhalten Einzelner“ nicht aus. Sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, werde dagegen vorgegangen.

Kaum Umsatzeinbußen

Die Gewerkschaft Ver.di hält Aldi allerdings nicht für den Besser-Discounter. Die Negativpresse treffe die Kette keinesfalls zu Unrecht, sagt Ulrich Dalibor, Einzelhandelsexperte bei Ver.di. „Aldi hat es geschafft, sich nach außen hin ein positives Image aufzubauen. Doch nach innen wird enormer Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt“, sagt er. Zwar zahle Aldi vergleichsweise gut. Dafür müsse das Personal aber unbezahlte Mehrarbeit leisten und Urlaubs- und Krankheitstage würden falsch berechnet. Das weist der Discounter zurück. „Eine über die offizielle Arbeitszeit hinausgehende, nicht vergütete Mehrarbeit wird weder erwartet noch geduldet“, heißt es. Dass sich Kunden aufgrund der Vorwürfe abwenden könnten, glaubt Dalibor dennoch nicht. „Verbraucher haben ein kurzes Gedächtnis. Wenn überhaupt, stellen sie ihr Einkaufsverhalten in der Regel nur für einen begrenzten Zeitraum um.“ Das zeigt auch das Beispiel Lidl. Der Aldi-Konkurrent stand vor vier Jahren nach Skandalen beim Umgang mit Mitarbeitern am Pranger. Die anfangs große Empörung hatte sich schnell gelegt. Umsatzeinbußen gab es lediglich über wenige Wochen. „Für die meisten Verbraucher ist das Verhältnis von Preis zu Warenqualität entscheidend und sonst nichts“, erklärt Konsumforscher Weber.