Börsengang abgesagt

Deutscher Wäschehersteller Schiesser wird israelisch

Schiesser stellt nach einer langen Hängepartie die Weichen völlig neu. Ein israelischer Textilriese übernimmt das Traditionsunternehmen.

Schiesser bekommen 100 Prozent dessen zurück, was das 2009 in die Insolvenz gestürzte Unternehmen ihnen schuldet – nämlich insgesamt 58 Millionen Euro. Das Geld kommt allerdings nicht aus dem bisher geplanten Börsengang, sondern indirekt vom israelischen Waschehersteller Delta Galil.

Das Unternehmen aus Tel Aviv wird die Kapitalerhöhung für Schiesser zeichnen und dafür 68 Millionen Euro zahlen. Nach Abzug der Forderungen von 58 Millionen Euro für Gläubiger wie den Pensionssicherungsverein und Banken bleiben zehn Euro für Schiesser übrig.

Mit den 13 Millionen Euro, die ohnehin noch auf dem Konto des Unternehmens waren, "ist Schiesser jetzt finanziell hervorragend ausgestattet. Das ist eine langfristige, gute Lösung. Delta Galil steht für Qualität", sagte Volker Grub, zunächst Insolvenzverwalter und jetzt Aufsichtsratschef des Feinrippkonzerns. Die Mitarbeiter hätten bei einer Versammlung am Vormittag Beifall geklatscht, als er die Entscheidung verkündet hatte.

Verzicht auf den Börsengang

Angesichts des Angebotes von Delta Galil und deren Wachstumsplänen für Schiesser hat Grub nach eigenen Angaben auf den geplanten Börsengang verzichtet, der angesichts der volatilen Situation am Finanzmarkt größere Risiken gebracht hätte.

"Statt Hunderter Aktionäre hat Schiesser jetzt nur einen", meinte Grub. Die Verhandlungen mit den Israelis hätten nur einen Monat gedauert. Grub sagte, ihm hätten auch andere Offerten vorgelegen, darunter solche von reinen Finanzinvestoren. Delta Galil wolle Schiesser unter seinem jetzigen Management in seine Markenfamilie aufnehmen und nach eigenen Angaben "unabhängig" agieren lassen.

Eine direkte Jobgarantie für die 1800 Schiesser-Mitarbeiter – 536 von ihnen kümmern sich am deutschen Standort Radolfzell um zentrale Aufgaben wie Design, Ladenentwicklung oder Logistik – wollte Shlomo Doron, COO von Delta Galil, am Mittwoch nicht abgeben.

Aber er versicherte: "Wir wollen wachsen und eher Stellen schaffen, als welche abzubauen". Neben der Zentrale in Radolfzell seien auch Schiessers Produktionsstandorte in Tschechien und der Slowakei unverzichtbar für den neuen Eigentümer, der zuletzt mit 7000 Mitarbeitern einen Umsatz von 679 Millionen Euro erzielt hatte.

Gewinn soll sich verdoppeln

Laut Grub soll sich der Ebitda-Gewinn von Schiesser innerhalb der nächsten drei Jahre auf 20 Millionen Euro fast verdoppeln. Neben dem Internetshop sollen weitere Läden eröffnet werden. Bereits im Juni kommen zwei weitere Shops hinzu, die Marke kommt dann auf zehn eigene Handelsstandorte.

Schon 2010 schrieb Schiesser wieder deutlich schwarze Zahlen. 2011 stieg bei einem Umsatz von 132 Millionen Euro das Vorsteuerergebnis Ebitda auf 11,66 Millionen Euro. Das entspricht einer Gewinnmarge von 8,8 Prozent vom Umsatz.

Schiesser wird nach der Übernahme die größte Einzelmarke unter dem Dach von Delta Galil, das unter anderem auch für Hugo Boss, Calvin Klein oder Victoria’s Secret arbeitet. Delta produziert selber in Israel, Ägypten, Thailand und anderen Ländern und verkauft seine Produkte auf vier Kontinenten.

Die 1975 gegründete, in Israel an der Börse gelistetete Firma liefert auch an große amerikanische Händler wie Wal-Mart, Target oder Kohl’s, sowie an die französische Supermarktkette Carrefour.

Lizenzproduktion in Deutschland

In Deutschland ist das Unternehmen nur über seine Lizenzpartner am Markt: "Wenn Sie in Deutschland ein Wäschestück von Hugo Boss kaufen, könnte das von uns sein", sagte Delta-Manager Doron. Wie Schiesser bietet auch sein Unternehmen Wäsche für Damen, Herren und Kinder an.

Schiesser war 2009 in die Insolvenz gestürzt. Nach dem Abbau von rund 400 Stellen, der deutlichen Reduzierung der angebotenen Artikel und dem Verzicht auf die defizitäre Produktion für andere Hersteller schloss Grub das Insolvenzverfahren Ende 2010 ab.

Die Gläubiger stundeten ihre Forderungen bis Ende 2012. Mithilfe der Banken Equinet und BHF plante Grub einen Börsengang, bei dem Investoren eine Kapitalerhöhung zeichnen sollten. Mit dem Erlös sollten die Gläubiger befriedigt werden.

Designer Wolfgang Joop wollte den Börsengang bekleiden und selber einen Anteil zeichnen. Diese Pläne jedoch zerschlugen sich. Insolvenzen, bei denen die Gläubiger 100 Prozent ihrer Forderungen zurückbekommen, sind sehr selten. Beim ebenfalls 2009 in die Pleite gerutschten Arcandor-Konzern lag die Quote bei einem Prozent.