Online-Lieferdienste

Die Pizza gibt es bald nur noch im Netz

Online-Lieferdienste machen Imbissbuden und Restaurants immer mehr Konkurrenz. Die Pizza per Mausklick wird bei Kunden immer beliebter.

Foto: Christian Schroth

Die „Piccola Pizzeria“ in Marienfelde ist zwar umzäunt von Plattenbauten. Inhaber Said Gilke hat für sein Geschäft aber einen Weg nach draußen gefunden. Über das Internet macht er bei Lieferservice.de mit. Und er ist sehr zufrieden: „In den Wintermonaten werden über 30 Prozent der Bestellungen online aufgegeben“, schwärmt er.

Immer mehr deutsche Gaststätten, Bars und Restaurants schließen sich einer Online-Bestellplattform für Speisen und Getränke an. Diese heißen zum Beispiel Pizza.de, Lieferando, Lieferheld oder eben Lieferservice.de. Nachdem die Deutschen sich an das Einkaufen von Büchern, Kleidung und Technik im Internet gewöhnt haben, geben sie nun immer häufiger ihre Essensbestellung im Internet auf.

Auf den entsprechenden Seiten der Onlinedienste können Kunden sich durch Eingabe der Postleitzahl alle umliegenden Lieferdienste anzeigen lassen oder gezielt eine Küchenrichtung wählen.

Auf den Speisekarten der Restaurants sind Gerichte und Getränke per Klick wählbar. Unentschlossene können sich durch die Bewertungen anderer Nutzer inspirieren lassen. Alle Bestellplattformen verfügen über einen Kundenservice und Smartphone-Apps, die auch die Bestellung von unterwegs ermöglichen.

Immer mehr Lokale machen mit

Für ein kleines Lokal wie die „Piccola Pizzeria“ erschließen sich so ganz neue Kundengruppen. Doch Gastwirte wie Said Gilke sind nicht die einzigen Gewinner dieser Entwicklung. Auch die Betreiber der Online-Plattformen machen ein gutes Geschäft. Besonders stark von dem neuen Trend profitieren Berliner Start-ups. Lieferando und Lieferheld sitzen beide in der Hauptstadt. Nur Konkurrent Pizza.de kommt aus Braunschweig. Sie haben das gleiche Geschäftsmodell. Alle nehmen Bestellungen der Kunden auf und leiten sie an Restaurants – wie das von Said Gilke – weiter. Acht bis zehn Prozent des Bestellwerts bleiben bei den Internetunternehmen. Und immer mehr Lokalitäten wollen mitmachen. Denn sie profitieren von der hohen Reichweite und der Prominenz der Plattformen.

Die Branche ist noch sehr jung. Debütant hierzulande war 2007 Pizza.de. Doch erst mit den Gründungen von Lieferando (2009) und Lieferheld (2010) kam so richtig Bewegung in den deutschen Markt. Der nächste Schub steht unmittelbar bevor. Das glaubt zumindest Jitse Groen.

Er hat – so sagt er selbst – die Idee der zentralen Bestellplattform vor zwölf Jahren in den Niederlanden erfunden. Mit Takeaway.com nahm er schon damals im Internet Bestellungen auf. Sein Unternehmen ist mittlerweile in zehn europäischen Ländern aktiv. In Deutschland ist er unter Lieferservice.de am Start. Und für den hiesigen Markt hat er große Pläne. Von Berlin aus will er das Geschäft stark ausbauen und den Platzhirschen Kunden und Marktanteile abjagen.

Knapp 15 Prozent der Deutschen haben schon mal ihr Essen online bestellt, wie eine Studie von Sempora Consulting belegt. Da gibt es noch genug Möglichkeiten, neue Kunden zu gewinnen. Die meisten greifen im Zweifel immer noch zu einem der bunten Zettel, die die Briefkästen verstopfen. Groen hält es schon aus Eigeninteresse für altmodisch, Pizza, Burger oder Sushi per Telefon zu ordern. Pizzeria-Betreiber Gilke kann zögerliche Kunden zwar verstehen. Aber das Internet biete für beide Seiten Vorteile. „Die Abwicklung ist effektiver, Missverständnisse sind ausgeschlossen, und wir sparen Zeit.“

Jitse Groen will keine Zeit verlieren. Ab sofort legt er mit TV-Spots und Plakaten los, um seinen Service noch bekannter zu machen. Zudem wirbt er um weitere Partner-Restaurants. Derzeit hat er gut 3500 Lieferdienste aus Deutschland in der Datenbank. Bis 2014 sollen es 12.000 sein. Von den 115 Beschäftigten des Unternehmens arbeiten weit über die Hälfte in Deutschland.

„Es ist gut möglich, dass wir noch in diesem Jahr ein Büro in Berlin eröffnen“, sagt Groen. Die Hauptstadt ist für ihn von besonderer Bedeutung. Berlin biete mit über 3,5 Millionen Einwohnern nicht nur genügend hungrige Mäuler, sondern locke auch mit einer hohen Dichte potenzieller Partner-Gaststätten.

Für die Expansion hat der Jungunternehmer 13 Millionen Euro vom niederländischen Investor Prime Ventures eingesammelt. Experten schätzen den Marktwert seines Unternehmens auf bis zu 500 Millionen Euro. „Das Geld wird er auch brauchen, um im Spiel zu bleiben“, kommentiert Fabian Siegel, Geschäftsführer des Konkurrenten Lieferheld, die Finanzspritze.

Denn auch die deutschen Wettbewerber machten zuletzt Schlagzeilen mit diversen Finanzierungsrunden und Übernahmen. Lieferando und Lieferheld, die namhafte Investoren wie DuMont Ventures beziehungsweise Tengelmann für sich gewinnen konnten, expandieren ins Ausland. Erst am vergangenen Montag gelang etwa Lieferheld ein weiterer Coup: Mit der Übernahme des schwedischen Konzerns Onlinepizza Norden sind die Berliner nun auf einen Schlag in vier weiteren Ländern aktiv.

Wer wird die Nummer eins?

Doch vor allem der hiesige Markt ist umkämpft. Groen gibt sich selbstbewusst: „Unser Vorteil ist die jahrelange Erfahrung. Damit sind wir den anderen immer einen Schritt voraus.“ Die Diskussion darüber, wer denn nun die Nummer eins in Deutschland sei, verfolge er gelassen. „Großen Respekt zolle ich Pizza.de, die in Deutschland eindeutig an der Spitze stehen“, so Groen. Viel wichtiger als die Unternehmensgröße sei jedoch, die beste Website anzubieten. „Qualität schlägt Quantität“, betont der Niederländer.

Es sieht so aus, als bliebe in Zukunft für jeden der großen vier ein gutes Stück vom Kuchen. Denn laut aktuellen Daten des Wirtschaftsmagazins „food-service“ rechnen Branchenexperten dem Thema „Home Delivery“ nach dem Thema „Take-away“ die größten Wachstumschancen in der Systemgastronomie zu.

Im Ranking „Perspektiven in den nächsten zwei bis drei Jahren“ belegen Lieferdienste damit den zweiten Platz. Das Konzept verdrängt unter anderem Imbisse, Kantinen und selbst Fast-Food-Ketten deutlich auf die hinteren Plätze. Auch Stefanie Heckel, Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), erkennt einen klaren Trend: „Auch wenn noch keine umfangreichen Einschätzungen zum Marktvolumen vorliegen, wir sehen sehr viel Potenzial.“