Solarbranche

Wie Microsol die 400 Berliner Solon-Jobs erhalten will

Der neue Eigentümer des Solarunternehmens Solon, Anjan Turlapati, erklärt, wie Hightech aus Berlin Indien helfen soll.

Foto: Steffen Pletl

Seit Anfang März hat die Berliner Firma Solon einen neuen Eigentümer: Der indisch-arabische Konkurrent Microsol hat das insolvente Unternehmen aus Adlershof übernommen. Für die Mitarbeiter ist das eine gute Nachricht: 433 von 471 Beschäftigten in Deutschland sollen ihren Job behalten. Microsol-Chef Anjan Turlapati und Solon-Geschäftsführer Stefan Säuberlich erklären Hans Evert, wie das funktionieren soll.

Morgenpost Online: Herr Turlapati, warum investieren Sie in ein bankrottes Solarunternehmen in einem Land mit schrumpfendem Solarmarkt?

Anjan Turlapati: Ich muss Sie korrigieren, der deutsche Solarmarkt schrumpft nicht, sondern wächst.

Stefan Säuberlich: Schwierig ist hierzulande das Geschäft mit Großflächenprojekten. Doch da sind wir kaum aktiv. Module für Eigenheime und Industriedächer laufen derzeit sehr gut.

Morgenpost Online: Aber wie wollen Sie hier Geld verdienen? Die Förderung durch das EEG ist unkalkulierbar, die Preise für Module sinken.

Anjan Turlapati: Die Preise für Module sinken weltweit. Wir haben Solon gekauft, weil die Marke Qualität verspricht. Wir mit unserer Firma Microsol wissen, wie man kostengünstig produzieren kann. Hinzu kommt: Der Solarmarkt weltweit wächst, zum Beispiel in Indien. Indien hungert geradezu nach Energie. Dieses Jahr werden Solarkapazitäten von 600 Megawatt installiert, bald wird es ein Gigawatt sein. Von diesem Markt wollen wir profitieren – und gleichzeitig deutsche Qualität bieten.

Morgenpost Online: Für Solarpark-Projekte in Indien könnten Sie doch einfach deutsche Module kaufen und die Parks aufbauen.

Anjan Turlapati: Das geht schon deswegen nicht, weil die indische Regierung einheimische Produkte bevorzugt. Wir wollen deutsche Qualität kostengünstig in Asien herstellen. Im September starten wir mit einer Solon-Modulfabrik im Emirat Fudschaira, dem Sitz von Microsol. Und vergessen Sie nicht: Wir haben auch eine Produktion in Berlin.

Morgenpost Online: Wofür brauchen Sie die teure Produktion in Berlin?

Anjan Turlapati: Zum einen für Forschung und Entwicklung. Hier werden neue Produkte und Materialien getestet und produziert. Auf dem deutschen und europäischen Dachmarkt können wir diese eher innovativen Module und Systeme auch gut absetzen. Parallel produzieren wir in Asien kostengünstig unsere Standardmodule, die in großen Freiflächenprojekten, beispielsweise in Indien, zum Einsatz kommen.

Morgenpost Online: Und trotzdem können Sie in Berlin 400 Leute halten?

Anjan Turlapati: Es ist eine Mischkalkulation. Forschung, Entwicklung, Produktion und Verkauf für den – immer noch großen deutschen und europäischen Markt – wird von Berlin aus gemacht. Gleichzeitig produzieren wir für internationale Kraftwerksprojekte kostengünstig in Asien.

Stefan Säuberlich: Derzeit ist Berlin zu 100 Prozent ausgelastet. Zudem haben wir hier die Kooperationen mit Unis und Forschungseinrichtungen. Der Standort hier ist für uns unverzichtbar.

Morgenpost Online: Werden Sie den Mitarbeitern Gehälter und Löhne kürzen?

Anjan Turlapati: Nein, das haben wir nicht vor. Solon hat Probleme, aber nicht wegen der Größe der Belegschaft, sondern wegen der Besonderheiten der durch Fördertarife geprägten Solarmärkte. Ab 2008 fielen die Preise für Module rapide, weil Chinesen und Koreaner in das Geschäft groß einstiegen. Solon hatte zudem – wie andere Unternehmen auch – überaus ungünstige Lieferverträge für Zellen. Dazu kam die schwankende Nachfrage infolge von Förderkürzungen. Das hatte volle Lager und weiteren Preisverfall zur Folge. Es endete schließlich in der Insolvenz.

Morgenpost Online: Sie wollten ja schon früher bei Solon einsteigen. Warum haben Sie das nicht gemacht?

Anjan Turlapati: Das Interesse war da. Doch das war damals extrem schwierig. Das Unternehmen war hoch verschuldet. Gläubiger, Lieferanten – viele Leute hatten Interessen. Das war ein schlechter Zeitpunkt, um ein neues, flexibleres Geschäftsmodell aufzuziehen. Das ging erst nach der Insolvenz. Wir wollen jetzt ein robustes Geschäftsmodell etablieren, und ich bin optimistisch, dass wir das schaffen. Solon ist ein gutes Unternehmen mit guten Mitarbeitern.

Morgenpost Online: Der Neustart von Solon geschieht mit dem alten Management. Was hat sich für Sie verändert, Herr Säuberlich?

Stefan Säuberlich: Es geht jetzt alles schneller und zupackender. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die neue Solon kaum Schulden und keine langfristigen Zelleinkaufsverträge hat und somit flexibler geworden ist. Jetzt wollen wir so schnell wie möglich die Produktion in Fudschaira aufbauen.

Morgenpost Online: Sie reden viel von Indien und neuen Märkten im Ausland. Haben Sie Deutschland schon abgeschrieben?

Stefan Säuberlich: Nein, absolut nicht. Hier machen wir innovative, qualitativ hochwertige Produkte, in erster Linie für den europäischen und Privat- und Gewerbedachmarkt. Die Massenproduktion von Modulen für Solarparks wird künftig in Asien erledigt.

Anjan Turlapati: Wenn eine deutsche Solarfabrik nicht zu 100 Prozent ausgelastet ist, haben Sie sofort ein heftiges Kostenproblem. Also müssen wir die Fertigung in Berlin auslasten, und zwar durchgehend. Das Auf und Ab infolge von Nachfrageschwankungen werden wir komplett durch unsere asiatischen Fabriken auffangen.

Morgenpost Online: Was Sie vorhaben, ist teuer. Wie finanzieren Sie das alles, Herr Turlapati? Microsol ist klein, hat 230 Mitarbeiter und nur fünf Millionen Dollar Gewinn.

Anjan Turlapati: Microsol ist schuldenfrei. Bislang investieren wir nur, was wir selber verdienen. Aber das reicht jetzt nicht mehr. Durch die Solon-Übernahme treten wir in eine neue Phase ein. Wir suchen weitere Investoren. Die neue Fabrik in Fudschaira wird mit Maschinen aus der ehemaligen Solon-Fertigung in Greifswald bestückt. Die zusätzliche Finanzierung erfolgt über Bankkredite, die wir bereits sicher haben. Nach der Insolvenz ist die neue Solon nahezu schuldenfrei – also sind wir kreditwürdig.

Morgenpost Online: Wer hat jetzt bei Solon das Sagen? Im Vorstand sitzen die früheren Solon-Vorstände Säuberlich und Podlowski und Ihr Sohn Kiran Turlapati?

Anjan Turlapati: Stefan Säuberlich ist der Chef. Wir wollten nie das komplette Management austauschen. Unsere internationalen Erfahrungen bei Microsol, speziell in Deutschland, sind begrenzt. Wir sind in einem harten Markt unterwegs. Da wäre es fahrlässig, überall neue Manager mitzubringen und zu sagen: „Wir machen alles neu.“ Wir brauchen erfahrene Leute und wir glauben, dass wir mit ihnen den Neustart schaffen werden. Solon wird von Deutschen gemanagt und bleibt im Kern ein deutsches Unternehmen.