Podukt-Plagiate

Wirtschaftsspione stehlen kleinen Firmen die Ideen

Deutsche Firmen sind ein begehrtes Ziel von Ideendiebstahl. Vor allem kleine Unternehmen trifft es hart, weil sie die Gefahr unterschätzen.

Foto: Sven Lambert

Karl Heinz Köhler schüttelt heute noch den Kopf, wenn er daran denkt. Sie wollten wirklich zu ihm. „Der Berliner Verfassungsschutz, mit zwei Mitarbeitern.“ Ob sie ihn beraten könnten, hatten sie gefragt. Es gehe um Wirtschaftsspionage, um China, den Schutz von Patenten. Solche Sachen. Köhler stimmte zu. „Kostet ja nichts, andere Berater wollen immer Geld.“

Ein Jahr ist es jetzt her, dass sie in seinem Büro saßen. Köhler hörte zu und wusste nach dem Vortrag: Er hatte mit seinem Unternehmen, der Berliner Seilfabrik, alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Seit dem Gespräch weiß er auch, warum ein chinesisches Unternehmen eines seiner Produkte als Plagiat auf den Markt bringen konnte. Köhler, der drei Viertel seines Geschäfts im Ausland macht, bekam eine bittere Lektion im Fach Globalisierung verpasst.

Es sind längst nicht nur die großen deutschen Konzerne, nach deren Produkten und Patenten es andere Nationen dürstet. Siemens, Volkswagen oder BASF beschäftigen Sicherheitsleute, oft ehemalige Geheimdienstler, um ihr Know-how zu schützen. Doch für Spione aus dem Ausland lohnen sich auch die vielen kleinen und mittelgroßen deutschen Unternehmen, die sich mit Ingenieursgeist zu Weltmarktführern in kleinen Nischen emporgetüftelt haben.

Rund 1.500 Unternehmen in Deutschland gelten als Nummer eins in ihrem Bereich. Viele von ihnen sind kleine Familienunternehmen, und die unterschätzen die Gefahren – und werden so zur leichten Beute, wie Experten sagen: „Nach den Erfahrungen der Verfassungsschutzbehörden unterschätzen jedoch viele deutsche Unternehmen die Bedrohung durch Spionageaktivitäten und betrachten ihr Know-how als wenig gefährdet“, heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht. Auf bis zu 30 Milliarden Euro schätzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) den Schaden durch Wirtschaftsspionage und Produktpiraterie.

Auch Karl Heinz Köhler hat es getroffen. Seine Berliner Seilfabrik baut auf der ganzen Welt Netzlandschaften aus Spannseilen, in denen Kinder herumklettern. Köhlers Firma war weltweit die erste, die diese Idee hatte. Eines ihrer Kletterseil-Artefakte heißt „Ufo“. Köhler hatte sein Ufo-Erlebnis 2010 auf einer Messe in den USA: Am Stand eines asiatischen Konkurrenten entdeckte er eine exakte Kopie seines Produktes. „Wir haben den Vertreter am Stand angesprochen und unsere Patente unter die Nase gehalten“, erzählt Köhler. Es half nichts, der Vertreter blieb. Doch Köhler, ein Mann von kräftiger Statur, ließ nicht locker. Er platzte in Kundengespräche, machte seinen Ärger deutlich. Seine Hartnäckigkeit und sein robuster Körper hinterließen Eindruck. „Am zweiten Messetag hat er dann widerwillig abgebaut“, erzählt er.

Patentanwälte sind teuer

Seitdem beschäftigt Köhler Patentanwälte. Ein Heidengeld koste ihn das, sagt er. Auf seinem Tisch liegt das Schreiben einer chinesischen Anwaltskanzlei. Die könnten den Patentverstoß in China verfolgen. Dafür verlangen sie 24.000 Euro Vorkasse. Köhler, dem es als Unternehmer darum geht, originelle Produkte zu entwickeln und zu verkaufen, ist das alles lästig. Es bindet seine Zeit und frisst sein Geld.

Doch deutsche Unternehmen, auch kleine wie die Berliner Seilfabrik mit ihren 50 Mitarbeitern, kommen nicht umhin, sich dieser Herausforderung zu stellen. Es ist die Schattenseite der Export-Erfolgsgeschichte namens „Made in Germany“. Der Schaden, der durch Wirtschaftsspionage entsteht, lässt sich kaum seriös beziffern. Doch allein die in der Europäischen Union ermittelten Schutzrechtsverletzungen sind innerhalb von zehn Jahren von über 6000 Fälle auf rund 80.000 gestiegen. Oft ist der Ideenklau auch gar nicht schwer: „Viele Unternehmen missachten einfachste Regeln im Umgang mit ihren Computernetzwerken“, sagt Claudia Schmid, Präsidentin des Berliner Verfassungsschutzes. Zum Beispiel, wenn Rechner mit sensiblen Daten, mit Neuentwicklungen und Konstruktionsplänen nicht vom Internet isoliert werden.

Einfallstor für Nachahmer

Karl Heinz Köhler hatte ganz bewusst die dreidimensionalen Modelle seiner Kletterkonstruktionen im Internet frei zugänglich gemacht. Für Architekten, mit denen er in aller Welt zusammenarbeitet, war das praktisch: Sie kamen problemlos an alle relevanten Daten. Aufträge konnten zügig und ohne Verzögerung abgewickelt werden. Doch dadurch erhielten auch Kopisten Zugang. Mittlerweile rückt Köhler die 3D-Darstellungen nur noch raus, wenn er sich sicher ist.

Nur eines beruhigt ihn ein wenig: Wenn Konkurrenten seine Kletterseile nachahmen wollen, scheitern sie oft an Details. Auf seinem iPad hat Köhler eine Bildergalerie von traurigen Kopien gesammelt: Seile hängen durch, Verbindungen sind schlampig verarbeitet, Rohre aus minderwertigem Material versagen den Stützdienst. Für eine feste Seilspannung muss akkurat gearbeitet werden, und dabei hilft auch die fast 40-jährige Erfahrung der Berliner Seilfabrik. Kunden, die mit einer Billigkopie unglücklich sind, wenden sich mitunter an Köhler mit Bitte um Reparatur. „Ich kann ihnen dann nur sagen: Kauft Euch was Neues von uns“, sagt Köhler.

Häufig ist davon die Rede, dass Produktideen und Innovationen Deutschlands einzige Rohstoffe sind. So sehen das auch aufstrebende Staaten wie China. Die Volksrepublik sichert sich weltweit nicht nur die klassischen Rohstoffe wie Kohle, Erz und Boden. Sie sucht auch systematisch nach Beteiligungen in der westlichen Welt und kauft innovative Firmen auf – und sie übt sich in Wirtschaftsspionage. „Chinesische Nachrichtendienste nehmen gezielt Kontakt zu Doktoranden und Praktikanten aus ihrem Land auf, die in deutschen Unternehmen tätig sind“, berichtet Verfassungsschützerin Claudia Schmid. „Und auf Geschäftsreisen sollten man sich stets fragen: Welche Daten müssen wirklich auf dem Laptop mitgeführt werden?“ Mobile Computer oder Handys, die ständig mit dem Internet verbunden sind, bieten jede Menge Angriffsfläche.

Und dann schauen Delegationen aus dem Reich der Mitte auch mal für eine Betriebsbesichtigung vorbei. Karl Heinz Köhler hatte erst unlängst eine Gruppe aus China zu Gast. Die Hallen der Seilerei und Produktion hat er unter Verschluss gehalten. Ganz freimütig erzählten die Besucher, mit welchem Reiseführer sie ihre Route geplant hatten. Es war ein Buch über Weltmarktführer in Deutschland. Vier Wochen lang, erzählt Köhler, schauten sich die Chinesen ganz aufmerksam bei Firmen im ganzen Land um.