Berliner Unternehmen

Leiser insolvent - 400 Berliner bangen um ihre Jobs

Die Schuhhauskette hat Insolvenz angemeldet und will sich damit retten. Doch 1450 Mitarbeiter, davon 400 in Berlin, bangen.

Foto: Leiser

Die Berliner Leiser-Mitarbeiter ahnten schon lange, dass es in ihrem Unternehmen kriselt. Im vergangenen Jahr verkaufte die Augsburger Konzernmutter Bahner-Gruppe den Sitz der Berliner Zentrale an der Neuköllner Grenzallee mit dem Outlet-Center an einen Immobilieninvestor. Mitarbeiter in Logistik und Einkauf mussten gehen oder wurden nach Augsburg versetzt.

Jetzt kommt es noch härter für die 400 Berliner Leiser-Mitarbeiter und ihre mehr als 1000 Kollegen bundesweit. Leiser und die ebenfalls zur Bahner-Gruppe gehörende Schwester Schuhhof mussten den Gang zum Insolvenzrichter antreten, um sich dem Zugriff der vielen Gläubiger zu entziehen.

Damit ist die Zukunft für dieses Stück 120 Jahre alter Berliner Einzelhandelsgeschichte ungewiss. Die Mitarbeiter in den 21 Leiser-Läden und den elf Schuhhof-Geschäften in Berlin und Potsdam bangen um ihre Arbeitsplätze. Zu lange hatte die Gruppe bei einem Jahresumsatz von 200 Millionen Euro und 132 Standorten bundesweit jährliche Defizite erwirtschaft.

„Die hatten schon längere Zeit Probleme“, sagte die Berliner Verdi-Sekretärin Petra Ringer. Über Jahre sei in dem Unternehmen „nicht viel passiert“, so die Gewerkschafterin. Notwendige Investitionen seien ausgeblieben. Leiser stehe von allen Seiten unter Druck, einmal von den Billiganbietern, aber auch von Edel-Ketten oder moderner anmutenden Wettbewerbern.

Die fehlende „Binnenfinanzkraft“ nannte Leiser-Chef Steffen Liebich gegenüber dieser Zeitung als Hauptgrund dafür, warum er vergangene Woche das neue Instrument des Insolvenzplanverfahrens beantragte und von den Augsburger Richtern genehmigt bekam. Gespräche mit neuen Investoren seien kurz zuvor gescheitert. Die ganze Gruppe, zu der die Leiser Fabrikations- und Handelsgesellschaft GmbH & Co, die Schuhhof GmbH und die Leiser Handelsgesellschaft GmbH gehören, hatte nicht mehr genügend Geld, um saisonale Umsatzschwankungen auszugleichen und gleichzeitig ins Filialnetz zu investieren.

Neues Insolvenzrecht macht Hoffnung

Der Geschäftsführer, die Gewerkschafter und die Mitarbeiter setzen nun ihre Hoffnungen in eine neue Variante des Insolvenzrechts, das erst seit Ende 2011 in Kraft ist. Das ESUG (Erleichterung der Unternehmenssanierung) soll es Firmen in Schwierigkeiten ermöglichen, sich in eigener Regie aus ihren Nöten zu befreien. Ziel ist es, den Betrieb weiter zu führen und nicht, die Ansprüche von Gläubigern zu befriedigen. Die schon einige Jahre mögliche Variante der Planinsolvenz hat jedoch nur in einem Bruchteil der Pleiten dazu geführt, Unternehmen zu retten.

Liebich verweist auf die harten Zugangsbedingungen zu dem neuen ESUG-Verfahren, um seinen Optimismus für die Zukunft von Leiser zu begründen. Die Firma dürfe nicht zahlungsunfähig sein. Ein Wirtschaftsprüfer müsse einen ersten Sanierungsplan für machbar eingestuft haben. Ohne diese Voraussetzungen hätte das Augsburger Amtsgericht das neue Insolvenzplanverfahren nicht zugelassen. „Das hat mit normaler Insolvenz nichts zu tun“, versicherte der Leiser-Chef, der seit einem Jahr versucht, die Bahner-Gruppe und ihre Traditionsmarke Leiser fit zu machen. Für Berlin versucht er, Ängste zu zerstreuen. Im Sanierungsplan sei vorgesehen, dass Berlin eine „wesentliche Rolle“ spielen solle, sagte der Manager. So werde es „auf jeden Fall“ weiterhin ein Outlet-Center in Berlin geben. Ob es an der Grenzallee bleibt, darüber werde mit dem neuen Eigentümer der Immobilie verhandelt.

Obwohl er noch nicht sagen kann, ob Mitarbeiter gehen müssten, wenn der Insolvenzplan genehmigt und umgesetzt wird, könnten sie nicht einfach gekündigt werden. Das Arbeitsrecht werde nicht außer Kraft gesetzt, sagte Liebich: „Das ist ja kein wilder Westen.“

Leiser gehört seit Jahrzehnten zu Berlin. Der rote Schriftzug prägt das Gesicht fast aller wichtigen Berliner Einkaufsstraßen. 1891 starteten die Kaufleute Hermann Leiser und Julius Klausner mit einem Schuhladen an der Oranienstraße. 1906 öffnete Leiser an der Tauenzienstraße 20 wenige Schritte vom KaDeWe entfernt das größte Schuhgeschäft Berlins. Noch heute residiert hier eine Flagschiff-Filiale der Handelskette.

1925 stieg Leiser selbst in die Schuhproduktion ein, Anfang der 30-er Jahre war die Firma mit 23 Filialen der größte Schuhverkäufer Berlins. Der jüdische Miteigentümer Klausner war dann gezwungen, seine Anteile abzugeben und vor den Nationalsozialisten nach Argentinien zu fliehen. Nach dem Krieg erhielt er seine 50 Prozent an Leiser zurück, verkaufte sie aber schrittweise bis 1970 an seinen Teilhaber Dietrich Bahner in Augsburg. Dieser war der Vater des gleichnamigen CDU-Politikers, der Anfang der 80-er Jahre für die Berliner Union im Bundestag saß. Seine Enkel führen noch heute die Bahner-Gruppe. In den 60-er und 70-er Jahren übernahm Leiser die Schuhhäuser Stiller, Wielant und Neumann und dominierte so den Berliner Schuhhandel.