Schlecker-Mitarbeiter

"Wir bringen unseren Job ordentlich zu Ende"

2200 Schlecker-Filialen wurden bereits geschlossen. Die Bundesländer sperren sich noch, mit einer staatlichen Bürgschaft einzuspringen.

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Schluss sollte erst am Samstag sein, doch so lange wollten nicht mehr alle Mitarbeiter der insolventen Drogeriekette Schlecker warten. An dem vorerst letzten Arbeitstag für mindestens 350 Berliner Verkäufer blieben einige Filialen in der Hauptstadt überraschend geschlossen, die Mitarbeiter tauchten einfach nicht mehr auf.

„Diese Filiale ist geschlossen“, stand auf eilig geschriebenen Zetteln an vielen Filialen in Mitte. Hinter den Schaufenstern stapelten sich Hundefutter oder Haarsprays, die zu Rabatten von bis zu 50 Prozent abverkauft werden sollten. Wie eine Filialleiterin Morgenpost Online sagte, war es wohl eine abgesprochene Aktion einiger Mitarbeiter, die sich keine Chance mehr ausrechnen auf eine weitere Anstellung im Unternehmen.

Doch vielleicht haben jene Mitarbeiter, die nicht zur Arbeit kamen, zu früh resigniert. Offiziell wird über ihre Zukunft erst am kommenden Mittwoch entschieden. Der Insolvenzverwalter hat den Druck auf die Länder, eine Bürgschaft für das Pleite-Unternehmen zu übernehmen, erhöht.

Bisher hat Baden-Württemberg, Sitz der Zentrale von Anton Schlecker, Unterstützung zugesagt. Offiziell hätte eine staatliche Bürgschaft bereits Ende vergangener Woche vorliegen müssen, sagte ein Sprecher. Sollte dies bis Mittwoch nicht der Fall sein, würden Kündigungen an 11.000 Mitarbeiter verschickt.

Bundesweit hatten am Samstag rund 2200 Schlecker-Filialen ihre Türen zum letzten Mal geöffnet. Einige Filialen blieben auch deshalb geschlossen, weil die Rabattjäger die Regale bereits geleert hatten. „Der Abverkauf ist sehr gut gelaufen“, sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters.

"Abverkauf ist gut gelaufen"

Es ist 9.30 Uhr am Samstag, die letzten Stunden der Schlecker-Filiale an der Wilmersdorfer Straße in Berlin beginnen. Pünktlich um 12 Uhr wird die einzige Mitarbeiterin die Kasse schließen. Für immer. Eine Kundin sucht Taschentücher. „Ausverkauft“, sagt die Kassiererin. Ein anderer Kunde fragt nach Insektenspray. „Gibt’s nicht mehr.“ Vor ungefähr zwei Wochen sei hier die letzte Lieferung gekommen. Immerhin, zwischen den Schnäppchenjägern hätten auch einige Stammkunden reingeschaut, um sich persönlich zu verabschieden.

Die Verkäuferin will ihren Job dort ordentlich zu Ende bringen, und damit auch ein Kapitel ihres Lebens. Am Montag wird sie die Monatsabrechnung machen und die restliche Ware in Kartons packen. „Viel ist es ja nicht mehr“, sagt sie.

Eine Spedition hole den Rest später ab und bringe es ins Zentrallager. Die Frau, die hier noch die Stellung hält und ihre beiden Kolleginnen, sie sind krank geschrieben, werden auch in Zukunft für Schlecker arbeiten dürfen. „Dass wir in andere Filialen kommen, wissen wir, aber wir wissen nicht in welche“, sagt sie. Ob sie als Team zusammenbleiben, sei unklar. Ein trauriges Ende sei das, nach vier Jahren gemeinsamer Arbeit.

Ein Kunde legt einen rosafarbenen Plastikeimer und einen Jahresvorrat an Glühbirnen auf das Laufband. Seine Schnäppchenjagd ist zu Ende. „Alles Gute für die Zukunft“ sagt er und verlässt den Laden. Draußen scheint die Sonne.

Nach Angaben des Berliner Senats könnten 350 Schlecker-Mitarbeiter der Stadt ihren Job verlieren, also nahezu jeder zweite. Von 186 Filialen in Berlin wurden 85 gestrichen. Anders als in ländlichen Regionen bleibt das Netz der Drogeriemärkte in der Hauptstadt allerdings engmaschig.

Die Gläubiger des insolventen Drogeriemarkt-Riesen erklärten, bis Mittwoch auf eine Entscheidung zu warten. 71 Millionen Euro, in dieser Höhe sollen die Bundesländer bürgen, um so die Arbeitsplätze der Schlecker-Mitarbeiter zu retten.

Rettung der Arbeitsplätze ungewiss

Das Geld ist nach Ansicht der Insolvenzverwalter notwendig, um eine Gesellschaft zu gründen, in denen fast die Hälfte der Schlecker-Belegschaft unterkommen soll, bis diese neue Arbeitsplätze gefunden haben. In den geplanten Transfergesellschaften sollen die Beschäftigten für bis zu zwölf Monate zwischen 60 und 67 Prozent des bisherigen Einkommens von der Arbeitsagentur erhalten. Aus der Bürgschaft sollen weitere 20 Prozent sowie die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung vorfinanziert werden.

Die angedachten Transfergesellschaften waren in der vergangenen Woche von einigen Ländern kritisiert worden. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) sagte, eine solche Institution helfe weniger den Mitarbeitern, sondern würde vor allem als Instrument zur Restrukturierung des Unternehmens dienen. In Sachsen-Anhalt hieß es, das Land werde sich voraussichtlich nicht beteiligen.

Bei einem Treffen der Ländervertreter Ende vergangener Woche gab es zunächst keine Einigung. Baden-Württembergs Wirtschaftsminister, Nils Schmid (SPD), warb um Unterstützung nach einer der „größten Pleiten in der Geschichte der Republik“. Sobald die Zusagen vorlägen, könne Baden-Württemberg in Vorleistung gehen. Bei den 71 Millionen Euro handle es sich „um eine Überbrückungshilfe“, um einen Kredit der staatseigenen Bank KfW abzusichern, sagte der Minister.

„Nach sechs Monaten muss der Insolvenzverwalter aus der Insolvenzmasse oder aus Erträgen des dann reduzierten Schleckerkonzerns den Kredit zurückzahlen.“ Eine Transfergesellschaft könne der Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt helfen, so der Minister. Das sei „immer dem Sturz in die Arbeitslosigkeit vorzuziehen“, ergänzte Schmid.

Transfergesellschaften versprechen aus Sicht der IG Metall durch maßgeschneiderte Weiterqualifizierung überdurchschnittlich gute Arbeitsmarktchancen. „40 bis 50 Prozent Erfolgsquote ist der Normalfall. Bei Facharbeitern kann sie aber auch bis zu 80 Prozent hochgehen“, sagte der Heidelberger IG-Metall-Chef Mirko Geiger.

Nach Ansicht des Schlecker-Betriebsrates sei eine vorläufige Beschäftigung der Mitarbeiter auch deshalb wichtig, um den Handel in ländlichen Regionen am Leben zu erhalten. Es gehe nicht um einen „Rettungsschirm für Schlecker“, sagte die Betriebsratsvorsitzende, Christel Hoffmann. Sie widersprach Äußerungen, wonach es im Einzelhandel genügend Arbeitsplätze gebe. Dabei handele es sich oft um 400-Euro-Jobs, die nicht reichten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Samstag, 13 Uhr in Berlin-Mitte: An der geschlossenen Filiale in der Brunnenstraße hängt neben Rabattschildern auch der Hinweis auf weitere Schlecker-Filialen ganz in der Nähe. Es gibt gleich zwei Filialen in der Brunnenstraße, sie sind nur wenige hundert Meter entfernt. „Wir machen weiter“, sagt eine Kassiererin dort. „Aber sicher ist hier schon lange nichts mehr.“