Insolvenz

Mit Solarhybrid macht die nächste Solarfirma pleite

Viele Solarfirmen halten die Kürzung der Einspeisevergütung für verkraftbar. Die Probleme in der Branche sind hausgemacht. Solarhybrid hat sich wohl überhoben.

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Jetzt steigen die Strompreise wieder. 117 Energieversorger wollen nach Angaben des Verbraucherportals Check24.de im April und Mai ihre Tarife um durchschnittlich drei Prozent erhöhen. Betroffen sind rund 2,7 Millionen Haushalte. Ein Ende der Teuerung ist nicht in Sicht. Geht es mit den Energiekosten in diesem Tempo weiter, können sich die Verbraucher dafür bei den Ministerpräsidenten der Bundesländer bedanken.

Denn viele Länderchefs haben angekündigt, gegen die von der Bundesregierung geplante Kürzung der milliardenschweren Solarbeihilfen im Bundesrat ihr Veto einzulegen. Dass die Verbraucher deshalb über ihre Stromrechnung Jahr für Jahr mit immer neuen, zweistelligen Milliardenkosten der ineffizienten Fotovoltaik belastet werden, kümmert die Ministerpräsidenten offenbar nicht besonders: Das Veto im Bundesrat glauben sie ihren Solarfirmen vor Ort schuldig zu sein. Zum Beispiel Annegret Kramp-Karrenbauer.

Die saarländische Ministerpräsidentin hatte in der „Frankfurter Rundschau“ zu Protokoll gegeben, die geplante Kappung der Einspeisevergütung für Freiflächenanlagen sei „das falsche Signal“. Gerade im Saarland seien in ehemaligen Bergbaugebieten große Solaranlagen geplant, erklärte Unionsfrau Kramp-Karrenbauer: „Wenn saarländische Interessen negativ tangiert sind, werden wir im Bundestag keine Zustimmung zu den Plänen der Bundesregierung geben.“

Solarfirmen wollen mit Förder-Kürzung klarkommen

Doch Kramp-Karrenbauer versprach da einer Branche Schützenhilfe, die diese offenbar gar nicht nötig hat. Die Wirsol Solar AG, die im Saarland große Solarparks plant, erklärte bereits, mit der geplanten Beihilfekürzung schon klarzukommen: „Nein, wir stehen nicht vor der Pleite“, sagte Wirsol-Vorstand Nikolaus Krane dem ZDF-Magazin „WiSo“: „Die bevorstehende Kürzung der Solarförderung trifft unsere Geschäftsentwicklung in keiner Weise.“

Wie Krane äußern sich viele Solar-Unternehmer. In der brandenburgischen Stadt Kyritz beispielsweise entschieden Investoren erst diese Woche, zwei geplante Solarparks von insgesamt 15 Hektar weiterzubauen. Renditen „zwischen sieben und acht Prozent“ seien weiterhin drin. Auch die hessische Kirchner Solar Group erklärt, man sei für die Zukunft „bestens gerüstet“. „Einer weiteren Kürzung der Solarstromförderung“, so Geschäftsführer Lars Kirchner, sehe er „gelassen entgegen“.

Allerdings wird es zu einer starken Förderkürzung wohl nun gar nicht mehr kommen. Die von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) getroffene Entscheidung, angesichts der rasant steigenden Zahl von teuren Solaranlagen in Deutschland endlich die Bremse zu ziehen, wird von den Regierungsfraktionen im Bundestag derzeit heftig zerpflückt.

Lobbyisten wenden wohl die Kürzung der Solar-Förderung ab

Branchenlobbyisten, die von einem „Todesstoß“ für die gesamte Solarindustrie fabulieren, sind guter Hoffnung, ihre Interessen erneut durchsetzen zu können. Wird die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes kommende Woche verabschiedet, so glaubt ein Eingeweihter im Parlament, „könnte es statt auf Subventionskürzung sogar auf eine Besserstellung der Solarbranche hinauslaufen“.

Dabei ist schon jetzt klar, dass auch die Kürzungspläne Röttgens und Röslers den teuren Solarboom überhaupt nicht gebremst hätten. Unionsvize Michael Fuchs fürchtet etwa, dass in diesem Jahr erneut Solarmodule mit 8000 Megawatt Leistung auf Deutschlands Dächer kommen. Ein neuer Zubaurekord, der die bereits auf mehr als 100 Mrd. Euro angehäuften Solarkosten für den deutschen Verbraucher um weitere 20 bis 30 Mrd. Euro erhöhen würde.

Die „Kieler Nachrichten“ berichten sogar von internen Schätzungen des Bundesumweltministeriums, die von 10.000 Megawatt neuer Solarkraft ausgehen – eine Leistung, die im Sommer zur Mittagsstunde der von zehn Atomkraftwerken entspricht. Bei diesem Zubautempo würden in Deutschland in ungefähr drei Jahren 50.000 Megawatt Solarkraft installiert sein – genug, um den Stromverbrauch Deutschlands im Sommer zur Mittagszeit zu 100 Prozent zu decken. Dass die Branchenlobby verspricht, dass Solarkraft ab diesem Zeitpunkt ohne Subventionen auskommt, ist wenig wert: Denn weil die solare Vollversorgung zu diesem Zeitpunkt mit hochsubventionierten Modulen abgeschlossen sein wird, dürfte es kaum noch Nachfrage nach den dann endlich subventionsfreien Modulen geben.

Deutsche Hersteller profitieren nicht vom Solarboom

Von dem anhaltenden Solarboom profitieren allerdings nur noch wenige deutsche Hersteller. Die meisten der hiesigen Anbieter haben sträflich an Forschung und Entwicklung gespart und können der chinesischen Billigkonkurrenz kaum noch etwas entgegensetzen. Die angeschlagenen deutschen Solarfirmen schieben ihre Misere gern auf die Kürzung der Solarförderung – obwohl diese noch gar nicht inkraftgetreten ist.

Zum jüngsten Opfer der Politik erklärte sich nun eine Firma aus dem sauerländischen Brilon: Der Kraftwerksentwickler Solarhybrid hatte schon vor zwei Wochen dramatische Auswirkungen der Gesetzesänderung beklagt. „Das gesamte Geschäftsmodell der Solarhybrid in Deutschland ist infrage gestellt“, teilte das börsennotierte Unternehmen mit. Am Dienstagabend musste Solarhybrid nun Insolvenz anmelden.

Dabei klangen die Prognosen des Unternehmens vor gerade einmal sechs Wochen noch äußerst positiv. „Wir müssen dorthin, wo die Sonne scheint“, sagte Vorstandschef Tom Schröder vollmundig im Interview mit „Morgenpost Online“ . Der Kraftwerksentwickler aus dem Sauerland stehe vor der Internationalisierung. Für neue Geschäftspartner und Geldgeber schmiss Solarhybrid gleich noch eine rauschende Party auf dem Berliner Flughafen Tempelhof, inklusive Auftritt von Stargeiger David Garrett.

Finanzprobleme von Solarhybrid unklar

Doch aus dem Platz an der Sonne wird nichts, stattdessen wird es nun mit einem Mal zappenduster. Warum Solarhybrid derart schnell das Geld ausging, obwohl das neue Fördergesetz noch nicht einmal beschlossen war, dazu schweigt sich Finanzvorstand Albert Klein aus. Fakt ist, dass die Sauerländer genau in dem Geschäft tätig sind, in dem die Kürzungen nun relativ stark ausfallen. Die Bundesregierung will unter anderem die Förderung von Freilandanlagen über zehn Megawatt Spitzenleistung ab 1. Juli komplett streichen.

Für Kraftwerke, die bis zu dem Zeitpunkt nicht fertiggestellt sind, sollen keine Einspeisevergütungen mehr gezahlt werden. Das beträfe unter anderem das Großprojekt der Solarhybrid im brandenburgischen Neuhardenberg, das Ende des Jahres ans Netz gehen soll und in das die Firma nach eigenen Angaben bereits 7,5 Mio. Euro investiert hat. „Offenbar bestand hier bereits jetzt ein akuter Finanzbedarf, den das Unternehmen unter den veränderten Bedingungen nicht mehr decken konnte“, spekuliert man in der Branche.

Allerdings gab es bereits Zweifel an der Finanzkraft von Solarhybrid, als von den neuen Förderkürzungen noch gar nicht die Rede war. So gibt Vorstandschef Tom Schröder unumwunden zu, dass das bekannteste Großprojekt des bereits pleite gegangenen Konkurrenten Solar Millennium im brandenburgischen Finowfurt nur dank des Engagements eines umstrittenen Geldgebers möglich war: Harald Petersen, Aufsichtsratschef von Solarhybrid. Petersen ist zugleich Ziel staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen Insiderhandels.

Hat sich Solarhybrid mit der Übernahme von Solar Millenium überhoben?

Für 2011 meldete Solarhybrid zwar einen deutlich gestiegenen Umsatz von über 400 Mio. Euro und einen operativen Gewinn von mehr als 15 Mio. Euro. Dennoch runzelte mancher in der Branche die Stirn, als sich ausgerechnet die 40-Mann-Firma anschickte, die weltgrößten Sonnenkraftwerks-Projekte von der insolventen Solar Millennium zu übernehmen. Was nun aus deren Milliardenprojekten in Kalifornien wird, ist unklar. Insolvenzverwalter Volker Böhm will einen anderen Käufer suchen.

Die Aktionäre von Solarhybrid dürften den Lauf der Dinge in den USA besonders kritisch beäugen. Denn um sich den Zugriff auf diese Projekte zu sichern, gaben die Sauerländer der schon damals angeschlagenen Solar Millennium im Oktober ein Darlehen über 7,5 Mio. Euro – ohne jede Sicherheit, wie sich herausgestellt hat. Das Geld versickert nun wohl in der Insolvenzmasse der Erlanger. Auf das Risiko angesprochen, reagierte Vorstandschef Schröder noch vor wenigen Wochen lapidar: „Wenn wir den Deal am Ende machen, war es richtig. Wenn wir ihn nicht machen, war es falsch. So einfach ist das.“

Das Berufsverständnis des Draufgänger-Typen mit Dreitagebart und aufgeknöpftem Hemd dürfte so mancher Aktionär heute nicht mehr lustig finden. Zumal es Schröder offenbar eilig hatte, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen: Vergangene Woche wurde bekannt, dass er bereits einen Großteil seiner Solarhybrid-Aktien verkauft hatte. Die hastige Flucht des Firmengründers hat die Finanzaufsicht BaFin alarmiert. Sie prüft mögliche Verstöße gegen das Wertpapierhandelsgesetz – so könnte es sich beispielsweise um Insiderhandel handeln.