Ackermann-Nachfolge

Führungswechsel der Deutschen Bank holpert erneut

Das mit Spannung erwartete Treffen der Führungsriege der Deutschen Bank wird verschoben. Die künftige Strategie bleibt den Mitarbeitern weiter verborgen.

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Mildes Klima inmitten von 2000 Meter hohen Berggipfeln, eine Uferpromenade mit subtropischer Vegetation und edle Hotels: Es gibt unangenehmere Orte, um über die Zukunft des Bankgeschäfts zu sinnieren als das schweizerische Montreux. In das 25.000-Einwohner-Städtchen am Genfer See wollte die Deutsche Bank ihre 200 Top-Führungskräfte einladen.

Am 11. April sollte das Treffen stattfinden, und auch außerhalb des handverlesenen Führungszirkels hatten sich viele Deutschbanker diesen Tag längst im Kalender angestrichen. Versprachen sie sich davon doch einiges an Orientierung: Seit Monaten warten die Mitarbeiter auf eine klare Antwort auf die Frage, wie die künftige Strategie der Bank in Zeiten unruhiger Finanzmärkte und neuer staatlicher Auflagen aussehen soll.

Doch die Antwort lässt auf sich warten: Das Treffen wird verschoben auf einen späteren Zeitpunkt, der noch nicht einmal feststeht. Das teilte der scheidende Vorstandschef Josef Ackermann in einem internen Brief mit. Was sich nach einer Formalie anhört, verstärkt den Eindruck eines anhaltenden Schwebezustands, in dem sich die Bankführung seit Monaten befindet.

Seit vergangenem Juli ist klar, dass die bisherigen Vorstände Anshu Jain und Jürgen Fitschen künftig die Bank als Doppelspitze führen sollen – doch bis zur Hauptversammlung Ende Mai ist weiterhin Noch-Chef Ackermann im Amt.

Strategiefragen bleiben bis Anfang Juni offen

Doch das ist längst nicht die einzige Baustelle in der Bankspitze. Weitere drei Deutschbanker werden demnächst neu in den dann siebenköpfigen Vorstand einziehen. Der erweiterte Vorstand – das so genannte Group Executive Committee (GEC) – wird ebenfalls umfassend umgebaut. Und nun bleiben auch noch die Strategiefragen offen – mindestens bis Anfang Juni, wenn die neuen Chefs ihr Amt angetreten haben.

Dabei ist die Zeit für ein Führungsvakuum wirklich nicht günstig. Das Bankgeschäft macht derzeit tiefgreifende Veränderungen durch, gerade im Kapitalmarktgeschäft, der nach wie vor wichtigsten Sparte der Deutschen Bank. Die Schwäche mancher Konkurrenten würde hier große Chancen bieten. Topbanker sprechen von einer „tektonischen Verschiebung von Marktanteilen“. Aus ihrer Sicht müsste die Deutsche Bank in dieser Phase „auf Angriff spielen“ – wofür eine schwammige Hierarchie allerdings nicht förderlich ist.

Bereits im Herbst war das wichtige Führungskräftetreffen verschoben worden – damals lag es offiziell an den unruhigen Finanzmärkten, die eine ausgeruhte Strategiedebatte verhinderten. Nun sollen dem Vernehmen nach die vielen personellen Neuerungen der Grund für die Verschiebung sein. Es mache keinen Sinn, diese Tagung mit der alten Führungsmannschaft zu veranstalten, hieß es in Finanzkreisen.

Das neue GEC wiederum nehme seine Arbeit erst am 1. Juni auf, am Tag nach der Hauptversammlung. Erst vergangene Woche war die neue Zusammensetzung bekannt gegeben worden. Neben Ackermann werden Risikovorstand Hugo Bänziger und Personalchef Hermann-Josef Lamberti die Bank verlassen. Zudem spielen die beiden Top-Manager Kevin Parker und Pierre de Weck – bislang für die Vermögensverwaltung und das Geschäft mit reichen Privatkunden zuständig – im neuen Team keine Rolle mehr. Stattdessen rücken zahlreiche Banker aus der zweiten Reihe auf.

Führungskräftetreffen war von Anfang an eine Fehlplanung

„Es war von Anfang an eine Fehlplanung, dieses Treffen in die letzten Wochen der Amtszeit Ackermanns zu legen“, heißt es in der Bank. Schließlich würde eine reine Abschiedsrunde des alten Chefs den Erwartungen an das Treffen nicht im Ansatz gerecht – zur Zukunft kann sich der Schweizer aber kaum noch äußern. Und weil das Verhältnis zwischen ihm und seinen Nachfolgern nach der chaotischen Entscheidung über den Vorstandsvorsitz ohnehin als zerrüttet gilt, ist auch ein friedliches Nebeneinander von alter und neuer Bankführung kaum vorstellbar. Zumal Ackermann bis heute keinerlei Anstalten macht, den neuen Chefs schon früher die Bühne zu überlassen.

Auch wenn ein Grundsatztreffen mitten in einem solchen Radikalumbau in der Tat schwer vorstellbar erscheinen mag: Die erneute Verschiebung fügt sich ein in das Bild eines eher holprigen Führungswechsels. Letzter Höhepunkt war eine Intervention der Finanzaufsicht BaFin, die den Jain-Vertrauten William Broeksmit nicht als neuen Risikovorstand akzeptierte.

Zur Begründung hieß es, Broeksmit mangele es an Führungserfahrung. Mit Bänzigers bisheriger Nummer zwei Stuart Lewis war zwar schnell Ersatz gefunden – doch weil Broeksmits Name bereits durchgesickert war, spielte sich die Panne in aller Öffentlichkeit ab. Und dies in einem besonders sensiblen Bereich: Das von Bänziger aufgebaute Risikomanagement genießt in der Branche hohe Anerkennung und gilt als ein entscheidender Faktor dafür, dass die Deutsche Bank die Finanzkrise relativ glimpflich überstand.

Und noch eine Altlast wird die Bank offenbar nicht los: Bankenkritische Organisationen werfen ihr vor, weiterhin Geschäfte mit Herstellern von Streubomben zu manchen. Deutsche-Bank-Chef Ackermann habe „schlicht nicht die Wahrheit“ gesagt, als er im Herbst den Ausstieg aus dem Geschäft verkündet habe, sagte Thomas Küchenmeister von der Organisation „Facing Finance“, dem Onlineauftritt der „Zeit“.