Handelsriese

So stellt sich der neue Metro-Chef seinen Konzern vor

In seiner ersten Bilanz muss Metro-Chef Koch einen Gewinneinbruch verkraften. Seine "Regierungserklärung" klingt jedoch kämpferisch.

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Olaf Koch musste schlechte Zahlen verkünden: Der Gewinn des größten deutschen Handelskonzerns Metro war im vergangenen Jahr um mehr als ein Fünftel eingebrochen, der Umsatz um knapp ein Prozent gefallen. Das kam zwar nicht unerwartet, war aber nach vielen Jahren des Zuwachses dennoch enttäuschend. „Der Wind hat uns ins Gesicht geblasen“, sagte Olaf Koch, der erst zu Jahresbeginn nach heftigsten internen Turbulenzen auf den Chefsessel gerutscht war.

Die Euro-Krise hätte in vielen Metro-Ländern auf die Kauflust gedrückt, das Weihnachtsgeschäft sei zudem enttäuschend verlaufen. Und im laufenden Jahr gebe es auch nicht allzu viel Anlass für Optimismus. Es dürfte vielmehr „sehr herausfordernd“ werden. Kein Wunder also, wenn ein Konzernchef in einem solchen Fall lieber über andere Dinge redet, als über schlechte Zahlen und allenfalls mäßige Aussicht auf Besserung.

Genau das tat Koch, mit 41 Jahren jüngster Chef eines Dax-Konzerns, bei seiner Premierenbilanz als Nummer eins. Doch das war mehr als ein Ablenkungsmanöver. Es war eher eine Art Regierungserklärung des früheren Finanzvorstands. Eine Skizze dessen, wie Koch sich seinen Konzern vorstellt. Und eine überraschend deutliche Abgrenzung zu seinem Vorgänger und Förderer Eckhard Cordes, noch bevor seine 100-Tage-Schonfrist abgelaufen ist.

Den Verkauf von Kaufhof und Real – zwei Cordes-Ankündigungen – hat Koch, zumindest vorübergehend, auf Eis gelegt. Jetzt ist sogar von punktuellen Expansionen die Rede. Die Zukunft von Real allerdings könnte schon bald wieder auf die Tagesordnung kommen, schließlich verdient die SB-Warenhauskette als einzige der Metro-Sparten ihre Kapitalkosten nicht.

Auch kündigt der neue Chef eine energische Umsetzung von Beschlüssen an – was bedeuten dürfte, dass auf diesem Feld bisher einiges im Argen gelegen hat. Koch will auch keinen Quartals-Hype mehr, möchte mit eingesparten Millionen nicht sofort den Gewinn aufhübschen, sondern sie ins Unternehmen investieren. Um dann später umso mehr Ertrag zu generieren. Dass er damit zusätzlichen Druck von weniger langfristig denkenden Analysten und Aktionären provozieren wird, dürfte ihm klar sein. „Wir laufen keinen Sprint“, begründet er, „wir laufen einen Marathon. Und vielleicht noch mehr. Jedenfalls laufen wir“.

Koch will über die stetige Verbesserung der Effektivität Jahr für Jahr 150 Millionen Euro einsparen. Die Produktivität auf den bestehenden Flächen deutlich zu verbessern „wird unsere Hauptaufgabe für die nächsten Wochen, Monate und Jahre sein“. Ihm ist klar, hier ist zuletzt zu wenig passiert. So sollen bessere Einkaufskonditionen Geld sparen.

Daneben soll die Expansion mit mindestens 100 Läden pro Jahr, vor allem durch die Großhandelssparte Cash&Carry in Osteuropa und in Asien, zusätzliche Umsätze bringen. Allein der Lieferservice für die Handels- oder Restaurantkunden soll daneben seinen Umsatz von derzeit 1,6 Milliarden Euro mittelfristig verdoppeln. Gleichzeitig sollen Preise sinken und mehr Kunden kommen.

Großhandelssparte als heilige Kuh

Die Großhandelssparte, die die Hälfte des Konzernumsatzes und mehr als 60 Prozent des Gewinns bringt, ist weiterhin die heilige Kuh des Konzerns. Sie vor allem soll wachsen, weil hier die höchste Rendite zu holen ist, da ist sich Koch mit Cordes einig. Neu unter Koch allerdings ist die Erkenntnis, das weniger manchmal mehr ist: Um sich nicht zu verzetteln, werden jetzt acht der über 30 Märkte zu „Kernländern“ erklärt.

China, Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Russland, Spanien und die Türkei – das sind die Länder, um die sich Großhandelschef Frans Muller persönlich kümmert und die bei der Expansion Vorfahrt haben. Die Doppelspitze in der Sparte – zwei Vorstandsmitglieder waren für verschiedene Teile der Welt zuständig – hat Koch vor wenigen Tagen wegen Erfolglosigkeit wieder abgeschafft.

Wahrscheinlich hat noch nie auf einer Bilanz-Pressekonferenz des größten deutschen Handelskonzerns ein Vorstandschef tatsächlich so viel über Handel gesprochen wie auf dieser. Olaf Koch redete intensiv über Flächenproduktivitäten, innovative Onlineangebote, Preissenkungen, bessere Nutzung der Kundendaten.

Authentischer Vermittler

Und das tat er so, dass man ihm abnehmen konnte, sich wirklich für die Niederungen von Groß- und Einzelhandel zu interessieren. Bei Vorgänger Eckhard Cordes, dem früheren Mercedes-Chef, hatte seine Ausführungen über Eigenmarken, Produktvielfalt, Lieferservices oder die Bedeutung der Mitarbeiter oft ein wenig auswendig gelernt geklungen. Olaf Koch vermittelt das authentischer.

Vor allem dann, wenn er über MediaSaturn spricht. Er hatte seine Karriere als Selbstständiger in der IT-Branche begonnen, hier kennt er sich aus. Nach einem schlechten ersten Halbjahr 2012 und der immer wieder verschobenen Online-Offensive handeln inzwischen beide Marken Media Markt und Saturn erfolgreich auch per Internet, ebenso die erworbene Firma Redcoon.

Der Unterhaltungselektronikbereich, der seine Preise bereits gesenkt habe, müsse sich „so aggressiv wie möglich aufstellen und Marktanteile gewinnen“. Den Rechtsstreit mit Minderheitseigentümer Erich Kellerhals über die Abstimmungsmodalitäten erwähnte Koch nicht. Stattdessen kündigte er an, die Mitarbeiter künftig stärker in die Meinungsfindung einzubeziehen. Das sei für ihn ein wesentlicher Teil des nötigen Kulturwandels im Unternehmen, danach dürsteten die Mitarbeiter. „Der Kulturwandel ist Chefsache“.

Dazu gehöre auch die Arbeit ohne Grabenkämpfe, womit Koch wohl die Endphase der Ära Cordes gemeint haben dürfte. Sie gipfelten darin, dass es im November fast zu einer Kampfabstimmung zwischen Koch und seinem Vorstandskollegen Joel Saveuse um die Cordes-Nachfolge gekommen wäre. Erst im letzten Moment hatte Saveuse seine Kandidatur zurückgezogen.

Nun tat er den nächsten Schritt und verließ „im gegenseitigen Einvernehmen“ und nicht gerade unerwartet die Metro. Derlei möchte Koch nie wieder erleben: „Wir wollen, dass Effektivität auf der Tagesordnung steht – und nicht In-Fighting und Politik. Das können wir uns nicht mehr leisten“.