Berthold Huber

"Weg mit den ideologischen Barrieren!"

IG-Metall-Chef Huber fordert faire Tarifverhandlungen von den Arbeitgebern. Wer Ideologien pflegt, findet keine Lösungen.

Berthold Huber ist der mächtigste Gewerkschaftschef im Land: Für 3,6 Millionen Arbeitnehmer in der Metall- und Elektroindustrie verhandelt die IG Metall derzeit über Lohnerhöhungen. Es ist eine außergewöhnliche Tarifrunde, weil es die erste in der Branche nach der Krise ist.

2010 hatten sich die Tarifpartner ohne das übliche Kräftemessen geräuschlos geeinigt – für zwei Jahre. Für den Aufschwung 2011 meldet die Gewerkschaft jetzt Nachholbedarf an. Zudem hat sie noch zwei Forderungen: mehr Mitbestimmung beim Einsatz von Zeitarbeitern und die unbefristete Übernahme von Azubis.

Morgenpost Online : Herr Huber, die ersten Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie haben begonnen. Sehen Sie Chancen für eine friedliche Lösung am Verhandlungstisch, bis Ende April die Friedenspflicht endet?

Berthold Huber : Ich sehe dafür nur Chancen, wenn die Arbeitgeber ihre ideologischen Barrieren abbauen. Wenn man die Ideologien pflegen will, dann kriegt man sowieso nie eine Lösung. Nur den größten Krawall. Daran haben wir kein Interesse, das ist nicht das Ziel der IG Metall. Wir wollen praktische Lösungen für die Arbeitnehmer.

Morgenpost Online : Sie haben in diesem Jahr gleich drei Forderungen gestellt: 6,5 Prozent mehr Lohn , die unbefristete Übernahme von Azubis und mehr Mitbestimmung für die Betriebsräte beim Einsatz von Zeitarbeitern. Vor allem die letzten beiden Forderungen sind den Arbeitgebern ein Dorn im Auge, sie sehen ihre unternehmerische Freiheit bedroht. Meinen Sie das mit Ideologie?

Huber: Was wir nicht akzeptieren, ist die Verdrängung von Normalarbeit durch befristete Beschäftigungsverhältnisse oder Leiharbeit. Dabei sollten sich die Arbeitgeber weniger um die Bewahrung der veralteten Herr-im-Hause-Mentalität sorgen als um die Veränderung in der Wirtschaft zulasten der breiten Masse der Arbeitnehmer. Den Arbeitnehmern weitere Mitbestimmungsrechte zu verwehren, ist doch altmodisch. Ich glaube ja auch nicht mehr an die ewig glücklich machende Rolle des Sozialismus.

Morgenpost Online : Die Arbeitgeber sagen, sie brauchen die Zeitarbeit, um flexibel auf die volatile Wirtschaft reagieren zu können. Sie hätten nach der Krise mehr feste Jobs als Leiharbeit aufgebaut.

Huber : Nicht überall. Ein Beispiel: In einer Region in Bayern hatten die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie vor der Krise 48.000 fest Angestellte und bis zu 7000 Leiharbeiter. Nach der Krise gibt es jetzt 44.500 fest Angestellte und 10.000 Leiharbeiter. Die Betriebsräte wissen, dass vielerorts Stammbeschäftigte verdrängt werden.

Morgenpost Online : Aber gerade die Betriebsräte haben die Zeitarbeit bisher zugelassen, auch jetzt schon müssen sie die Einstellung der Zeitarbeiter absegnen. Denn die Zeitarbeiter sichern die feste Belegschaft ab: Sie werden immer zuerst entlassen. Warum versprechen Sie sich etwas davon, wenn sie mehr Widerspruchsrechte bekommen?

Huber : Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Betriebsräte angesichts des vielfältigen Missbrauchs der Leiharbeit ihr Verhalten geändert haben. Betriebsräte handeln natürlich eigenständig. Sie sind die Experten im Betrieb. Sie werden die Mitbestimmung bei der Leiharbeit verantwortungsvoll wahrnehmen und handeln, wenn bestimmte Grenzen überschritten sind.

Morgenpost Online : Die Arbeitgeber sagen, dass Jobs verloren gehen, wenn sie Ihre Forderungen umsetzen – sie würden weniger Azubis einstellen, um der Übernahmepflicht zu entgehen, und statt Zeitarbeit würden keine festen Stellen entstehen.

Huber : Wir sprechen doch über einen Arbeitsmarkt, wo Arbeit nachgefragt wird.

Morgenpost Online : Ja, aber auch über einen Markt, der weltweit in der Konkurrenz steht.

Huber : Es geht uns doch ganz gut. Die deutsche Industrie ist außerordentlich wettbewerbsfähig und stellt immer neue Außenhandelsrekorde auf.

Morgenpost Online : Aber es gibt doch weiter große Risiken, blicken Sie nur nach Griechenland.

Huber : Ja, die Risiken sind nach wie vor da. Das stimmt. Aber wir haben unsere Forderung von 6,5 Prozent ja formuliert in dem Wissen, dass es Risiken gibt. Manche hätten gern eine zweistellige Forderung gesehen.

Morgenpost Online : Welche Forderung ist Ihnen am wichtigsten?

Huber : Wir wollen eine faire Lösung haben, und wir meinen das mit den drei Elementen unserer Forderung sehr ernst. Es liegt mir viel daran, das zu betonen, weil mir ein Arbeitgeber neulich gesagt hat: „Herr Huber, wenn wir Ihnen entsprechend Geld hinlegen, dann werden Ihre Leute Fahnenflucht begehen und bei den anderen beiden Forderungen ihre Unterstützung entziehen.“ Das wird nicht der Fall sein.

Morgenpost Online : Warum machen Sie sich mit den drei Forderungen das Leben schwer? Wenn es nur um Geld ginge, wäre eine ordentliche Lohnerhöhung leichter durchzusetzen gewesen.

Huber : Die Zahl der atypisch Beschäftigten hat in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen. Das können Sie auch an der massiven Zunahme von Teilzeitarbeit sehen. Sie hat sich seit Anfang der 90er-Jahre mehr als verdoppelt. Dort sind vor allem die Frauen betroffen. Über sieben Millionen Minijobs gibt es heute. Und Sie können es an der Zunahme der Leiharbeit sehen.

Morgenpost Online : Insgesamt ist die Erwerbstätigkeit auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren.

Huber : Aber zu was für Löhnen und zu welchen Bedingungen? Wer in Leiharbeit, über Werkverträge oder in Minijobs arbeitet, bekommt oft Niedriglöhne. Die Frage ist doch: Wie können wir denn stabile, einigermaßen sichere Arbeitsplätze schaffen? Oder bietet – wie von IBM angedacht – bald jeder einzelne über das Internet freiberuflich seine Arbeit an? Dann wäre Arbeit eine x-beliebige Ware in der Wertschöpfungskette. Das ist eine Frage, die die Gesellschaft zutiefst verändern wird. Deswegen meinen wir es ernst mit unserer Forderung nach mehr Mitbestimmung bei der Leiharbeit.

Morgenpost Online : Ihr gesellschaftliches Engagement in Ehren: Aber in der Metall- und Elektroindustrie gibt es diese Probleme doch gar nicht. Die überwiegende Mehrheit ist fest und unbefristet angestellt, die Löhne sind alles andere als niedrig.

Huber : Ja klar, das hat auch damit etwas zu tun, dass wir eine gut organisierte Branche sind, dass wir uns zu wehren wissen. Und das sage ich in aller Unbescheidenheit. Die Mitbestimmung hilft uns natürlich auch, das ist keine Frage.

Morgenpost Online : Die Arbeitgeber sagen, Sie übertreiben und stellen die beiden Forderungen zu den Themen Zeitarbeit und Übernahme von Azubis nur auf, um Mitglieder zu werben.

Huber: Da kann ich den Arbeitgebern nur empfehlen, sich selber um Mitglieder zu kümmern. Die IG Metall hat das die letzten Jahre getan, und wir haben eine Trendwende bei der Mitgliederentwicklung erreicht. Unser Ziel ist selbstverständlich, diese Trendwende zu verstetigen. Darauf richten wir alles aus. Das hat was mit Beteiligung der Leute zu tun. Eine Gewerkschaft lebt von Mitgliedern. Wir müssen Themen wählen, die den Leuten auf den Nägeln brennen. Aber uns, wie Gesamtmetall Martin Kannegiesser das getan hat, als Rattenfänger von Hameln zu bezeichnen, die die Jugend verführen, das geht nicht. Auch die Erwachsenen, die Kinder haben, sehen doch mit Graus, wie unsicher die Arbeitswelt für junge Leute geworden ist. Der Zukunftsoptimismus der Jugend ist zu einem guten Teil auch in Deutschland gebrochen.

Morgenpost Online : In Ihrer Branche werden die meisten Azubis doch fest übernommen.

Huber : Also wenn das kein Problem ist, dann kann man das ja auch anständig gestalten.

Morgenpost Online : Das wird sich in Zeiten von Fachkräftemangel doch von alleine erledigen, oder?

Huber : Von alleine erledigt sich gar nichts.

Morgenpost Online : Ist die erste Tarifrunde nach der Finanzkrise eine besondere?

Huber : Es ist auf jeden Fall eine komplexe Runde, allein schon wegen der drei Forderungen. Aber jede Tarifrunde hat ihre Besonderheiten. Nehmen Sie die Tarifrunde 2010, wo wir im tiefen Loch waren und mit den Arbeitgebern den Schulterschluss geübt haben und uns geräuschlos geeinigt haben. Das war wichtig, weil uns das niemand zugetraut hat. Wir haben an der Stelle unsere Glaubwürdigkeit unter Beweis gestellt. Und unsere Handlungsfähigkeit in einer schwierigen Situation.

Morgenpost Online : Und jetzt wollen Sie dafür etwas bekommen?

Huber : Das Ganze ist ja immer ein Geben und ein Nehmen. Und an der Stelle glaube ich, dass die Arbeitgeber nach einem überragenden Aufschwung akzeptieren müssen, dass es jetzt Grund genug gibt, die Arbeitnehmer auch fair zu beteiligen und Missbräuchlichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu begegnen.

Morgenpost Online : Ist der Schulterschluss vorbei?

Huber : Manchmal habe ich schon den Eindruck, nach dem Motto: Vorwärts und schnell vergessen. Die Sozialpartnerschaft hat in der Krise gehalten, aber jetzt geht es natürlich um eine Verteilungsauseinandersetzung. Weil diese Riesenbedrohung in Form der vergangenen Krise nicht mehr existiert, kommen halt die alten Rollen wieder. Da stoßen Interessen aufeinander, und man muss eine partnerschaftliche Lösung finden.

Morgenpost Online : Wird die IG Metall nach Ablauf der Friedenspflicht Ende April ähnlich stark auf den Putz hauen wie Ver.di derzeit im Öffentlichen Dienst? Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, hat ja bereits Warnstreiks zum Thema Zeitarbeit angekündigt.

Huber : Das weiß ich noch nicht. Sie haben eine gespaltene Mannschaft bei den Arbeitgebern. Ein Drittel beschäftigt gar keine Leiharbeiter. Dann haben Sie ein weiteres Drittel, wo relativ wenig Leiharbeit stattfindet, und ein weiteres Drittel, die die Leiharbeit massiv nutzen. Ich hoffe darauf, dass diejenigen, die eine seriöse Praxis haben, sich nicht von denjenigen, die Missbrauch betreiben und eine zweite Lohnlinie im Betrieb einziehen, auf der Nase herumtanzen lassen.

Morgenpost Online : Muss man mit Streiks rechnen?

Ich nehme das Wort ungern in den Mund. Weil ich nicht mit etwas drohe, bevor ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe. Das gehört auch zu einem seriösen Verhalten dazu. Ich muss als IG-Metall-Chef verantwortungsvoll damit umgehen. Und ich glaube sowieso nicht, dass aus der Drohgebärde irgendetwas Vernünftiges entsteht. Die Arbeitgeber wissen sehr wohl, dass die IG Metall handlungsfähig ist. Im Zweifelsfall werden wir das unter Beweis stellen.