Geldschwemme

Warum die EZB-Geldflut keine Inflation auslösen wird

Mehr als eine Billion Euro hat die EZB den Banken geliehen. Ist das Anlass zur Sorge? Der Berater des EZB-Chefs, Christian Thimann, nimmt Stellung.

Seit der Einführung des Euro vor 13 Jahren lag die jährliche Inflationsrate in Deutschland im Durchschnitt bei 1,6 Prozent. Seit Gründung der Tageszeitung "Die Welt" im Jahre 1946 war die Inflationsrate nur in den Fünfzigerjahren über einen so langen Zeitraum niedriger. Vergangenes Wochenende aber schrieb die Morgenpost Online von plötzlichen Gefahren unkontrollierter Inflation und sogar Hyperinflation?was ist passiert?

Die Europäische Zentralbank vergab jüngst Liquidität für drei Jahre an das europäische Bankensystem; 490 Milliarden im Dezember und 530 Milliarden Euro am vergangenen Mittwoch. Ist diese Aktion Anlass für Inflationssorgen, wie Morgenpost Online unterstellt?

Nein, das ist sie nicht. Die Sondermaßnahmen waren nötig, und ihre ersten Auswirkungen sind hilfreich. Etwaige langfristige Risiken sind gut beherrschbar, denn die Zentralbank hat genügend Instrumente, um schnell zu reagieren.

Man kann die Sondermaßnahmen nur verstehen vor dem Hintergrund der Lage im letzten Quartal 2011: Es drohte eine Rezession durch Kreditklemme mit Risiken für die Preisstabilität. Die Geldmenge M3, Geld außerhalb des Bankensystems und daher für die Inflationsentwicklung bedeutsam, stagnierte nicht nur, sondern fiel, und das drei Monate lang in Folge. Gleiches galt für Kredite an Unternehmen und Haushalte: nicht nur Stagnation, sondern Fall. Eine seltene und prekäre Konstellation.

Der Grund für diese Kreditverknappung lag im Bankensektor, wo die Lage extrem angespannt war. Die Initiative der Europäischen Bankenaufsicht, das Kapitalpolster der Banken zu verbessern, setzte sämtliche Geschäftsbanken unter enormen Druck. Sie mussten Kapital aufnehmen, sich von Geschäften trennen und erlebten ein massiven Vertrauensverlust auf den Finanzmärkten.

Bankanleihen zu begeben war kaum möglich, der Pfandbriefmarkt schrumpfte auf einen Bruchteil seines normalen Niveaus, und rapide fallende Bankaktien trieben die Kosten für Eigenkapital in die Höhe. Im Ergebnis drohte eine enorme Kreditklemme in ganz Europa mit erheblichen Risiken für die Wirtschaft.

Entschlossenes Handeln war notwendig. Es ging nicht um die Banken an sich, sondern um ihre Rolle in der Volkswirtschaft. Schließlich stellen sie rund zwei Drittel der Unternehmensfinanzierung. Sie sind besonderes wichtig für kleine und mittelständische Unternehmen, die 70 Prozent der Unternehmens-Beschäftigung im Euro-Gebiet ausmachen.

Liquidität gegen Sicherheiten bereitzustellen ist Kerngeschäft der Zentralbank. Normalerweise sind die Geschäfte kurzfristig, mit einer Frist von bis zu drei Monaten; in der Finanzkrise wurde die Frist zeitweilig auf ein Jahr erhöht.

In der gegebenen Lage aber war eine längerfristige Perspektive essenziell: Kredite an Unternehmen sind typischerweise mittelfristige Geschäfte. Die Dauer von drei Jahren war richtig, damit die Banken nicht aus zukünftigen Liquiditätssorgen vorsorglich Kredite verknappen. In einem angespannten Umfeld werden aus Liquiditätsproblemen schnell Solvenzprobleme. Sage und schreibe 800 Banken aus dem gesamten Euro-Gebiet beteiligten sich.

Liquidität geht also nicht nur an große Geschäftsbanken, sondern an sehr viele kleinere Banken, die Mittelständler finanzieren. Zentralbank-Liquidität kann somit diesem für Arbeitsplätze so wichtigen Sektor zugute kommen. Das Ganze ist Geldpolitik, keine Staatenfinanzierung. Es steht den Banken völlig frei, wie sie die Liquidität verwenden.

Erwartet wird, dass sie im Wesentlichen die Realwirtschaft finanzieren, denn das ist ihre eigentliche Aufgabe. Umsicht gebietet, dass die Zentralbank für sich zinspolitische Handlungsfreiheit sichert. Daher ist der Zinssatz nicht bei einem Prozent fixiert, sondern passt sich dem jeweiligen geldpolitischen Zinssatz an. Sollte beispielsweise eine Zinserhöhung erfolgen, würden auch die Kosten des ausstehenden Drei-Jahrestenders steigen. Die Sondermaßnahmen stehen einer Veränderung der Zinspolitik nicht im Wege.

Die ersten Daten nach dieser Operation legen nahe, dass viele Banken zunächst ihre Finanzierung absicherten. Das ist gut, denn dies erlaubte ihnen, Kreditlinien nicht zu streichen und Vermögenswerte nicht in Notverkäufen abzustoßen. Auf den Finanzmärkten ist eine gewisse Erholung eingetreten, der Pfandbriefmarkt ist wieder belebt und im Januar stoppte der Rückgang von Geldmenge und Kreditvolumen. Die Situation normalisiert sich so zusehends. Reformfortschritte in zahlreichen Ländern haben ebenso dazu beigetragen.

Sollte sich in Zukunft herausstellen, dass die Liquiditätsversorgung zu üppig ist und Risiken für Inflation entstehen könnten, hat die Zentralbank hinreichende Instrumente, überschüssiges Geld abzuschöpfen. Ohnehin ist nur die Hälfte der bereitgestellten Liquidität neu; die andere Hälfte wurde von kurzfristigeren Geschäften umgeschichtet.

Kredit- und Geldmengentwicklung werden zeitnah beobachtet, die hinterlegten Sicherheiten ebenso. Dies alles passiert, um sicher zu sein, dass die wirtschaftliche Entwicklung so gut wie möglich gestützt wird, aber die allgemeine Inflationsrate mittelfristig knapp unter zwei Prozent bleibt.

Es heißt, man lerne aus der Geschichte, dass man aus der Geschichte nicht lerne. Womöglich sind die erwähnten Sondermaßnahmen ein Gegenbeispiel, denn die Geschichte der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre verdeutlicht, dass Zentralbanken damals zu zögerlich reagierten, um Schlimmeres zu verhindern. Diesen Vorwurf wird man der EZB hoffentlich nicht machen. Aber das wird die Geschichte zeigen.