Konjunkturaufschwung

USA als (langsame) Lokomotive der Weltwirtschaft

Jobs entstehen, Löhne steigen – in den USA steigt die Hoffnung auf einen anhaltenden Aufschwung. Für Präsident Obama kommt das wie gerufen.

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Sieben Monate hat Brian Long gesucht. Fast 15 Bewerbungen hat er geschrieben, ohne Erfolg. Einmal hieß es sogar, er sei zu "erfahren". Es war ein beklemmendes Gefühl, so lange arbeitslos zu sein. Erst recht, weil Long in diesem Monat heiratet.

Doch seit Anfang Januar kann er wieder sorgenfrei in die Zukunft blicken. "Es fühlt sich richtig gut an, wieder zu arbeiten", sagt er. Er hat im VW-Werk im nordamerikanischen Chattanooga angeheuert, in der Fabrik arbeitet er im Karosseriebau und installiert Türen.

200 neue Mitarbeiter hat der deutsche Autobauer in seinem nordamerikanischen Werk zu Beginn des Jahres eingestellt. VW braucht sie, um die hohe Nachfrage der Amerikaner nach Autos stillen zu können. Im Februar verkaufte Volkswagen auf dem US-Markt 43 Prozent mehr Fahrzeuge als im Vorjahr, insgesamt waren es sogar so viele wie seit 1973 nicht mehr. Dank neuer Mitarbeiter wie Long kann VW in seinem Werk in Tennessee nun 35 statt 31 Autos die Stunde produzieren. Die gesamte US-Autoindustrie verzeichnete im Februar die größten Zuwächse seit vier Jahren. Auch andere Unternehmen freuen sich über steigende Umsätze.

So hat der Einzelhändler Wal Mart bekannt gegeben, das US-Geschäft sei "wieder auf Kurs". Betriebe quer durch verschiedene Branchen spüren: Die US-Wirtschaft kommt langsam wieder ins Rollen, nachdem sie seit fast zwei Jahren vor sich hin dümpelte. "Der Aufschwung steht nun auf festen Beinen", sagt Harm Bandholz, Volkswirt bei Unicredit.

Noch vor ein paar Monaten sah es ganz und gar nicht danach aus. Anfang 2011 hatte die Konjunktur mit einem Plus von lediglich 0,4 Prozent einen sehr schwachen Eindruck gemacht. Im Spätsommer diskutierte die Fachwelt, ob der größten Volkswirtschaft der Welt gar ein neuer Abschwung bevorstünde, die Angst vor einem sogenannten "Double Dip" machte die Runde.

Die Arbeitslosigkeit bewegte sich monatelang keinen Deut von der Neun-Prozent-Marke weg. Viele Amerikaner wie Long, der zuvor in der Holzindustrie gearbeitet hatte, verloren ihren Job. Im Herbst kamen dann erste Zeichen der Besserung. Gradmesser, die das künftige Wirtschaftswachstum voraussagen, drehten überraschend stark ins Positive.

Ökonomen sind verhalten optimistisch

Aber viele Ökonomen sind bis heute höchstens verhalten optimistisch. Denn seit Ausbruch der Finanzkrise hat ihnen die Konjunktur schon mehrfach ein Schnippchen geschlagen. Immer wieder gab es Monate, in denen der US-Konjunkturmotor rund lief – um dann gleich wieder eine Vollbremsung hinzulegen. Doch nun könnte die US-Wirtschaft tatsächlich längerfristig auf Wachstumskurs schwenken.

Zwei wesentliche Gründe sprechen dafür: Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt und jene auf dem Immobilienmarkt. Allein zwischen Dezember und Februar ist die Zahl der Jobsuchenden von 8,9 auf 8,3 Prozent gefallen. 200.000 neue Stellen entstanden jeweils in den drei Monaten. Zwar ist es verfrüht, von einem neuen Boom auf dem Arbeitsmarkt zu sprechen.

Das Niveau der Arbeitslosigkeit sei "weit von der Normalität" entfernt, sagte US-Notenbank-Chef Ben Bernanke vor dem Kongress. Und dass die Zahl der Jobsuchenden sinkt, liegt beileibe nicht nur an einer besser laufenden Wirtschaft: Viele Langzeitarbeitslose haben alle Hoffnung aufgegeben, einen neuen Job zu finden. Sie suchen nicht weiter nach Arbeit und fallen deshalb aus der Statistik heraus. "Außerdem gehen mehr Amerikaner in Rente als junge Arbeitskräfte nachrücken", sagt Ökonom Glenn Hubbard. Gemessen an früheren Zeiten sieht es auf dem Arbeitsmarkt also immer noch trist aus.

Dafür ist bei den Entlassungen eine große Trendwende zu erkennen. Sie nehmen nicht weiter zu. Der zweite Schritt, dass Unternehmen nun auch wieder vermehrt Mitarbeiter wie Long einstellen, muss nun noch folgen. Aber eine Umkehr des bisherigen Trends ist immerhin schon mal da. Und auch die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung sind auf Vorkrisenzeit gefallen.

Experten hoffen auf steigenden Konsum

Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt schlägt sich in steigenden Einkommen nieder: Nach den revidierten Zahlen des US-Handelsministeriums vom Mittwoch stiegen sie Ende 2011 stärker als bisher angenommen – um 1,4 statt 0,8 Prozent. "Das macht Hoffnung, dass auch der Konsum anziehen wird", sagt Nigel Gault, US-Chefökonom von IHS Global Insight. Die Binnennachfrage ist für die US-Wirtschaft eminent wichtig, die Konjunktur hängt zu rund 70 Prozent von der Kauflust der Amerikaner ab.

Allerdings gibt es auch warnende Stimmen. Experten befürchten, dass die Amerikaner wieder einmal einen Aufschwung auf Pump finanzieren. Denn zuletzt ist die Zahl der Konsumentenkredite deutlich gestiegen. Böse Erinnerungen an 2008 werden wach.

Die zu hohe Verschuldung vieler Haushalte hat damals den Ausbruch der Finanzkrise mit verursacht. Allerdings machen Konsumentenkredite nur 20 Prozent der gesamten Verschuldung eines Haushaltes aus. "Solange viele Amerikaner weiter ihre Hypothekenschulden abtragen und ihre Schulden insgesamt abbauen, ist der Zuwachs bei den Krediten kein Problem", sagt Bandholz. Neben dem Arbeitsmarkt scheint sich auch der angeschlagene Häusermarkt langsam zu berappeln. Nach dem Platzen der Immobilienblase 2007 sind die Preise unaufhörlich in den Keller gepurzelt. Doch allmählich könnte diese Korrektur abgeschlossen sein.

Es gebe "Anzeichen für eine leichte Besserung", sagte Notenbankchef Bernanke. Die Zahl der Hauskäufe hat zuletzt wieder angezogen. Allein ein Ende des Preisverfalls im Immobiliensektor könnte das Wachstum laut Unicredit um 0,5 Prozent steigen lassen. Und auch vom Bankensektor kommen gute Nachrichten: Die Finanzhäuser vergaben Ende 2011 so viele Kredite wie seit vier Jahren nicht mehr.

Dennoch wird die US-Wirtschaft ihr Wachstumstempo aus dem vierten Quartal von drei Prozent nicht durchhalten können. So könnte ein höherer Benzinpreis die Ausgaben vieler Haushalte bremsen. Seit Jahresbeginn stieg der Preis um 12,6 Prozent. "Da aber auch die Einkommen zugelegt haben, dürften die Haushalte nun etwas Puffer haben, um mit den steigenden Preisen zurechtzukommen", hofft Ökonom Gault.

Derzeit rechnen Experten damit, dass die US-Wirtschaft in diesem Jahr um zwei bis 2,5 Prozent wachsen wird. Zwar kann sie damit nicht an alte Zeiten anknüpfen, als sie mit mindestens drei Prozent Plus Europa immer ein paar Schritte voraus war.

Aber immerhin wäre die US-Konjunktur damit wieder so stark, um der leidgeprüften europäischen Währungsunion Rückenwind im Kampf gegen ihre Schuldenkrise verleihen zu können. "Die US-Wirtschaft könnte für die Weltwirtschaft zu einer Lokomotive werden – wenn auch nur eine langsame", sagt Bandholz.

Auch VW-Mitarbeiter Long blickt hoffnungsvoll in die Zukunft. Keine zwei Monate nach seiner Einstellung bei VW ist er schon zum Teamleiter befördert worden. "Es läuft hier wirklich gut für mich", sagt er. Und seine neue Arbeit bringt noch einen weiteren Vorteil mit sich: Sein Schwiegersohn arbeitet auch im VW-Werk, sogar in der gleichen Schicht. Auf ihn kann Long nun immer einen prüfenden Blick werfen.

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