Berliner Solarunternehmen

Nach Solon droht auch Soltecture die Pleite

Die Solarbranche in der Krise: Mit Soltecture könnte ein weiteres Berliner Vorzeigeunternehmen in die Insolvenz gehen. Dem Land Berlin droht ein Millionenschaden.

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Es sind die klassischen Zutaten einer erfolgreichen Unternehmergeschichte. Eigentlich. Junge Wissenschaftler entwickeln ihren Forschungsgegenstand zur Geschäftsidee. Investoren aus aller Welt zeigen sich begeistert und geben Geld. Auch die Landespolitik ist wohlwollend, verleiht einen Gründerpreis und gewährt finanzielle Unterstützung.

120 Millionen Euro Kapital hat das Solarunternehmen Soltecture, früher Sulfurcell, von Kapitalgebern eigenen Angaben zufolge eingesammelt. Es gibt einen repräsentablen Unternehmenssitz im Technologiepark Adlershof nebst Fertigungshalle mit teuren Maschinen und 200 Mitarbeitern. Nur was es nach elf Jahren Soltecture immer noch nicht gibt, ist ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Nun ist die Lage so angespannt, dass für diesen Montag eine Krisensitzung anberaumt wurde. Vertreter der Senatsverwaltungen für Wirtschaft und Finanzen werden dabei sein, Banken und Investoren. Soltecture droht das Geld auszugehen. Wie Morgenpost Online aus Quellen im Umfeld des Unternehmens erfahren hat, wird auch eine Insolvenz geprüft. Es droht die zweite Pleite eines Berliner Sonnenstromers innerhalb weniger Monate.

Solon: Noch keine Einigung mit Microsol

Solon, Pionier der Fotovoltaik, ist bereits insolvent. Bis Ende Februar zahlt die Bundesagentur für Arbeit die Gehälter der Mitarbeiter. Eine Einigung mit dem indischen Investor Microsol ist noch immer nicht erzielt. Jetzt droht der schweren Branchenkrise mit Soltecture ein weiteres Berliner Vorzeigeunternehmen zum Opfer zu fallen. Es wird allmählich ziemlich finster in der Solarbranche, die in der Region rund 7600 Leute beschäftigt. Zudem drohen dem klammen Land Berlin Millionenverluste. Denn von der Wirtschaftsförderung wurde die einstmals hoffnungsvolle Branche üppig bedacht.

Offiziell mag sich keiner aus der Politik äußern. Berlins Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz verweist auf die Krisensitzung an diesem Montag. „Ich möchte in keiner Weise einem Ergebnis vorgreifen“, sagt die parteilose Politikerin. Der Gründer von Soltecture und aktuelle Vorstandschef Nikolaus Meyer sagt: „Existenzielle Nöte für das Unternehmen kann ich so nicht bestätigen.“ Meyer betont, dass man in „vielversprechenden Gesprächen“ mit strategischen Investoren sei. Diese seien äußerst interessiert an der Technologie von Soltecture.

Das Adlershofer Unternehmen produziert sogenannte Dünnschichtmodule auf Basis von Schwefel oder Selen. Der Materialaufwand für die Module ist geringer als der herkömmlichen Produkte. Soltecture versucht eine Profilierung als „Spezialist für solares Bauen“. Bauherren sollen von den ästhetisch ansprechenden Modulen überzeugt werden, die auch in Fassaden und nicht nur auf dem Dach integriert werden können. Viel Geld wird in Forschung und Entwicklung gesteckt. Doch bislang kann sich diese Technologie gegen herkömmliche Module auf Siliziumbasis nicht durchsetzen.

Jahr für Jahr Millionenverluste

Soltecture verbrennt regelrecht Geld und ist weit davon entfernt, profitabel zu arbeiten. Vergangenes Jahr lag der Umsatz nach Informationen der Morgenpost bei rund fünf Millionen Euro. Der Verlust belief sich auf rund elf Millionen Euro. Im Jahr davor betrug das Minus mehr als 22 Millionen Euro bei einem Umsatz von 4,4 Millionen Euro. 2009 standen 12,6 Millionen Euro Verlust zu Buche. Die Investoren, darunter eine Investmenttochter des Chip-Konzerns Intel aus den USA, eine Beteiligungstochter der Investitionsbank Berlin (IBB) und der französische Energieriese GDF Suez, werden ungeduldig.

Ein Investor ist die Berliner Gesellschaft Ventegis Capital. Stefan Beyer arbeitet für das Unternehmen. Zum Thema Geldknappheit will er sich nicht äußern. Auf die Frage, ob der Investor weiteres Geld für Soltecture bereitstellen wird, äußert sich Beyer zurückhaltend. „Wir unterstützen Soltecture seit vielen Jahren und stehen auch in der Zukunft hinter dem Unternehmen“, sagt er. Soltecture habe ein schwieriges Jahr hinter sich. „Das birgt Herausforderungen, derer sich aus meiner Beobachtung alle Verantwortlichen bewusst sind“, so Beyer.

Auch für das Land Berlin sind die strauchelnden Solarfirmen eine Herausforderung – und zwar eine ziemlich teure. Soltecture hat laut Geschäftsbericht von 2010 rund 20 Millionen Euro an Fördermitteln erhalten. Zudem ist das Land über die IBB direkt am Unternehmen beteiligt. Millionschwer ist das Engagement von Berlin auch beim insolventen Hersteller Solon. Dort ist die Stadt mit 38 Millionen Euro an einer Bürgschaft aus dem Jahr 2010 beteiligt. In welchem Umfang diese nach der Pleite von Solon fällig wird, ist noch nicht entschieden.

Mit viel Optimismus hat sich die Wirtschaftsförderung am Solarabenteuer beteiligt. Berlin hat wenig nennenswerte Industrie. Die Hoffnung für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt tragen in hohem Maße Neugründungen mit vielversprechenden Technologien – so wie einst die Solarunternehmen. Allerdings hängen Fotovoltaik-Produzenten auf Gedeih und Verderb von der Förderung durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) ab. Die jüngst beschlossene Förderkürzung versetzt der ohnehin schon kranken Branche einen weiteren schweren Schlag. Dem harten Preiskampf mit chinesischen Konkurrenten sind sie schon lange nicht mehr gewachsen.

In einem solchen Umfeld ist es für ein Unternehmen wie Soltecture schwierig, sich mit einer neuen Technologie am Markt zu positionieren. Noch immer verharrt die Firma im Status einen Start-ups, das um Marktreife für seine Produkte ringt. Um eine ernstzunehmende Produktion aufzubauen, benötigt Soltecture mehrere Hundert Millionen Euro. Diese Summe nannte Vorstandschef Meyer vor gut einem Jahr im Gespräch mit der Morgenpost. Nun braucht er erst einmal Geld, damit es überhaupt weitergehen kann.