Schuldenkrise

Griechen müssen noch zwanzig Jahre leiden

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Politik und Wirtschaft zweifeln an der Wirksamkeit der Hilfspakete. Erst ab 2014 rechnen sie mit einem Wirtschaftswachstum in Griechenland. Bis sich das Land erholt hat, könnten allerdings bis zu zwanzig Jahre vergehen.

Der neue Bericht der Troika zeichnet ein düsteres Bild von der Lage in Griechenland. Insbesondere das Schrumpfen der Wirtschaft dürfte in den Jahren 2011 bis 2013 noch stärker ausgefallen als angenommen.

Zusätzlicher Dämpfer: Die Ratingagentur Fitch stufte das Land am Mittwoch von CCC auf C herab. Damit gilt ein Staatsbankrott als höchstwahrscheinlich.

Schon im Oktober hatten die Experten aus Internationalem Währungsfonds (IWF), EU-Kommission und Europäischer Zentralbank (EZB) ihre Schätzung für 2011 von minus 2,8 Prozent auf minus 5,5 Prozent heruntergestuft. Jetzt rechnen sie sogar mit minus 6,1 Prozent, wie aus der vorläufigen Schuldentragfähigkeitsanalyse hervorgeht.

Damit nicht genug: 2012 wird nun mit minus 4,3 Prozent gerechnet, statt mit minus 3,0 wie noch im Oktober und plus 0,7 wie noch im Sommer 2011 gedacht. 2013 soll die Wirtschaft dann stagnieren, statt um 1,25 Prozent zu wachsen. Erst 2014 wird nun ein Wachstum von 2,3 Prozent unterstellt.

Geradezu mechanisch verschlechtern sich daher alle anderen Zahlen in dem neunseitigen Bericht: höhere Neuverschuldung des Staates und höherer Schuldenstand bis 2020 und darüber hinaus.

Daraus folgt auch ein höherer Hilfebedarf. Neben dem Schuldenschnitt der Privatbanken sei daher eine zusätzliche öffentliche Hilfe erforderlich. Das ist eine Restrukturierung der Zinszahlungen aus den Anleihen, eine Senkung der Zinsen auf die Hilfskredite, eine Restrukturierung der griechischen Anleihen, die die Euro-Zentralbanken halten, und eine Nutzung der Ausschüttungen aus Zins- und Wertgewinnen griechischer Anleihen in der EZB. Zusammen könnte dies den Schuldenstand bis 2020 um 12 Prozentpunkte der Jahreswirtschaftsleistung senken.

Für die Banken-Kapitalisierung in Griechenland bedeutet dies ebenfalls einen höheren Bedarf. Statt 40 Milliarden Euro veranschlagen die Experten nun 50 Milliarden.

Sollte sich die Lage weiter verschlechtern, rechnet die Troika für 2020 sogar mit einem Schuldenstand von 159 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung statt der derzeit angestrebten 120 Prozent. Das ist aus Sicht der Experten keine völlig ausgeschlossene Entwicklung. Das gesamte Programm sei „unfallträchtig“, schreiben sie.

Deutsche Firmen fordern "Marshall-Plan“

Die deutsche Industrie will nur nach Reformen in Griechenland wieder in das Land investieren. Nach der Einigung auf das neue Hilfspaket sollte man „nicht euphorisch sein und sagen: Es ist alles gerettet“, sagte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel am Mittwoch dem Deutschlandfunk.

Die Reformen könnten allerdings nach Ansicht des Präsidenten der Europäischen Investitionsbank (EIB), Werner Hoyer, viel Zeit in Anspruch nehmen. „Ich rechne mit ein bis zwei Jahrzehnten“, sagte Hoyer dem „Handelsblatt“.

Athen müsse für Rahmenbedingungen und Planungssicherheit sorgen, den öffentlichen Dienst modernisieren, Steuerverwaltung und Katasterwesen aufbauen, forderte Keitel. Dann sei man bereit, beim Aufbau privater Strukturen zu helfen. „Die ganze Hilfe nützt ja nichts, wenn Griechenland sich nicht selbst anstrengt“, sagte der BDI-Präsident.

EIB-Chef Hoyer sagte, Athen brauche dabei die Unterstützung der in Europa lebenden griechischen Intellektuellen, Ökonomen, Unternehmer und Juristen. „Ich frage mich, warum man diese Leute nicht motiviert, nach Griechenland zu gehen, um dort zu helfen“, sagte der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt.

Zugleich forderte Hoyer „neben dem unvermeidlichen Sparprogramm nun auch einen Marshall-Plan“ für Athen. „Nur so kann es gelingen, die Strukturen des Landes von Grund auf zu erneuern“, sagte er.

„Griechenland kann es ohne Hilfe von außen definitiv nicht schaffen“, sagte auch Keitel. Das zweite Rettungspaket sei „eine notwendige Voraussetzung, um Griechenland eine letzte Chance zu geben“, fügte der BDI-Chef hinzu. „Wir haben Griechenland eine Art Marshallplan angeboten. Das heißt aber eindeutig Hilfe zur Selbsthilfe.“ Bislang reiche das, was aus Griechenland zurückkomme, aber nicht aus, um gemeinsam etwas anzupacken.