Extrasteuer für Kinderlose

Wie viel unsere Kinder wirklich kosten

100 Milliarden Euro geben Eltern pro Jahr für ihren Nachwuchs aus. Unionspolitiker wollen Kinderlose nun daran beteiligen und fordert eine Extrasteuer. Morgenpost Online hat ausgerechnet, was Kinder überhaupt kosten.

Foto: M. Lengemann

Eine große Mehrheit der Deutschen, rund 78 Prozent, lehnt eine Extrasteuer für Kinderlose ab, das hat eine aktuelle Umfrage des Emnid-Instituts für „Bild am Sonntag“ ergeben. Dennoch: Eine Gruppe junger CDU-Abgeordneter drängt darauf, dass Deutsche ohne Nachwuchs eine zusätzliche Abgabe zahlen sollen, um Familien in den Sozialkassen zu entlasten. Schließlich sorgten Eltern mit der Erziehung ihres Nachwuchses dafür, dass Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem auch in Zukunft Beitragszahler haben.

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hält von der Idee bislang wenig. Sie will sich jetzt aber erstmals Klarheit darüber verschaffen, ob der Staat mit seinen Hilfen den Familien nicht schon genug Förderung angedeihen lässt. Denn von Durchschnittswerten abgesehen weiß man nicht, wie viel pro Kind an Kosten anfallen. Die Morgenpost hat mit Berliner Familien nachgerechnet.

Beispiel Familie Pielmann aus Prenzlauer Berg. Als Oskar kam, reichte die Wohnung nicht mehr. Manuela und Rainer Pielmann mussten also umziehen, denn ein Kinderzimmer war nötig. „Dafür zahlen wir jetzt 500 Euro mehr Miete“, sagt die Mutter. Auch sonst rinnt das Geld schneller durch die Finger als früher. 750 Euro kostete der Kinderwagen, dazu kommt die Grundausstattung für Babys. Für Windeln, Cremes und Puder legen die Eltern jeden Monat rund 60 Euro hin. Und noch einmal so viel für Kleidung, Schuhe und Spielsachen, schätzt Manuela Pielmann. Stark schlägt mit 360 Euro monatlich zudem der Kita-Platz zu Buche. „Insgesamt sind die Ausgaben höher, als wir gedacht haben“, sagt die Mutter.

526 Euro pro Kind im Monat

Wie Pielmanns dürfte es vielen Eltern gehen. Nach Berechnungen des Familienbundes der Katholiken in Bayern haben Familien in Deutschland im vergangenen Jahr 97,4 Milliarden Euro für den Unterhalt des Nachwuchses berappt. Durchschnittlich entfielen auf jedes Kind 526 Euro im Monat. Dieser Betrag gilt für den häufigsten Familientyp: die Zwei-Kind-Familie. Bei einem Kind liegen die Ausgaben mit 625 Euro deutlich höher.

Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich jedoch große Unterschiede. So zeigt eine detaillierte Analyse des Statistischen Bundesamtes, dass Kinder mit dem Alter immer teurer werden. Bis zur Volljährigkeit summieren sich die Gesamtausgaben pro Kind auf 120000 Euro. In den ersten sechs Jahren berappen die Eltern 33696 Euro. In den folgenden sechs Jahren steigen die Kosten auf durchschnittlich 40896 Euro. Und im Teenageralter wird für den Nachwuchs noch einmal durchschnittlich 47160 Euro aufgewandt.

Kleine Kinder, kleine Wünsche, große Kinder, große Wünsche – diese Erfahrung hat auch Anja Schick gemacht. Ihre drei Kinder sind drei, neun und zwölf Jahre alt. Ihr Ältester, Felix, bekam zum elften Geburtstag ein Handy. Für rund zehn Euro im Monat darf er damit telefonieren. „Doch viele in seiner Klasse haben jetzt schon ein iPhone“, sagt Schick. Und Kinder orientierten sich an ihren Freunden.

Auch die Bildungsausgaben steigen mit dem Alter der Kinder. Je 80 bis 100 Euro für die Schulausstattung brauchen Felix und seine Schwester Karolina zu Beginn jedes Schuljahres. Die Neunjährige singt im Chor, geht in die Lesegruppe und spielt Theater an der Grundschule: 45 Euro gibt Anja Schick monatlich dafür aus. Nun will der Sohn Schlagzeug lernen. Für einen Platz an der Musikschule berappen Eltern knapp 70 Euro im Monat.

Wie viel ein Kind kostet, hängt entscheidend vom Familieneinkommen ab. Wohlhabende geben fast dreimal so viel aus wie ärmere Eltern. Wie die Wirtschaftsforscherin Margot Münnich analysiert hat, geht die Schere schon bei den Ausgaben für die Grundbedürfnisse der Kinder, also für Essen, Kleidung und Kinderzimmer, weit auseinander. Noch größer aber ist der Unterschied, wenn es um Urlaube, Restaurantbesuche sowie Freizeit- und Kulturangebote geht.

Wenn der Nachwuchs das Teenageralter erreicht, kommt es in den Familien zu einem Kostensprung. Kinderermäßigungen etwa im Nahverkehr oder bei Urlaubsreisen fallen weg. Mit Schulkindern reist man zudem notgedrungen in der teuren Ferienzeit. Familie Jaacks kann davon ein Lied singen. Die Eltern waren mit den Kindern Mirella (12) und Marvin (15) kürzlich im Skiurlaub in der Schweiz. Für das Ausleihen der beiden Skiausrüstungen zahlte die Familie für eine Woche rund 200 Euro, die beiden Skipässe kosteten noch einmal 250 Euro. Auch für die Bildung greift die Familie tief ins Portemonnaie. Mirella erhält Privatunterricht in Französisch. Ihr Bruder hat Nachhilfe in Französisch und Englisch. Pro Stunde kostet das fast 18 Euro. Mit dem Alter wächst zudem das Modebewusstsein der Kinder, steigt die Zahl der Friseurbesuche. Beide Kinder spielen zudem Tennis: Hierfür gehen 350 Euro im Quartal drauf. Eltern tragen diese finanzielle Belastung nicht allein: „Rund ein Drittel der Ausgaben wird vom Staat finanziert“, sagt der Landesvorsitzende des Familienbundes der Katholiken in Bayern, Johannes Schroeter. Angefangen beim Mutterschutz-, Eltern-, Kinder- und Wohngeld bis zum Kinderzuschlag für gering verdienende Eltern gibt es viele Leistungen.

2013 Klarheit über Förderkonzepte

Insgesamt, so hat eine Bestandsaufnahme des Bundesfamilienministeriums ergeben, existieren 152 unterschiedliche Maßahmen zur Förderung von Familien, hinzu kommen noch acht ehebezogene Maßnahmen wie die beitragsfreie Mitversicherung nicht berufstätiger Ehepartner oder die Witwenrente. Das Gesamtvolumen beträgt laut Familienreport 2011 rund 195 Milliarden Euro. Hinter dieser Summe stecken allerdings höchst unterschiedliche Fördermaßnahmen. Die Ausgaben für Kindergärten und Kitas sind ebenso enthalten wie Maßnahmen zum Jugendschutz oder die steuerliche Freistellung des Existenzminimums, die verfassungsrechtlich geboten ist, weil ansonsten Eltern übermäßig viel Steuern zahlen müssten. Auch das Kindergeld, das 184 Euro monatlich beträgt, ist nur zu einem kleinen Teil eine tatsächliche Geldförderung.

Sind Eltern zu arm, um ihren Kindern Essen und Wohnung zu finanzieren, springt der Staat ein und zahlt den Familien die vollen Unterhaltskosten. Dies ist bei den Hartz-IV-Empfängern der Fall. Die Sätze für die Kinder liegen über dem Kindergeldbetrag, weil sie das Existenzminimum der Minderjährigen voll abdecken: Je nach Alter des Kindes gibt es zwischen 219 und 287 Euro im Monat. 2013 will man mehr Klarheit darüber haben, ob all diese Fördermaßnahmen reichen.