Wirtschaft

Euro-Krise lässt Berliner Firmen weitgehend kalt

Jeder fünfte Berliner Betrieb will mehr Mitarbeiter einstellen. Das ergab eine Morgenpost-Umfrage. Danach rechnen 46 Prozent für 2012 sogar mit noch besseren Geschäften als 2011. Vor allem die vielen Dienstleistungsunternehmen zeigen sich robust.

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Fieberhaft wird in Athen derzeit darüber verhandelt, wie Griechenland seinen Schuldenberg abtragen kann und wie die internationale Gemeinschaft dabei helfen soll. Die Verhandlungen über das zweite Rettungspaket müssten unbedingt bis zum Sonntagabend abgeschlossen werden, warnte Griechenlands Finanzminister Evangelos Venizelos am Sonnabend, nachdem er zuvor zwei Stunden lang mit Kollegen aus der Euro-Zone per Telefon über die Konditionen des 130 Milliarden Euro schweren Pakets beraten hatte. Vor allem Unstimmigkeiten über eine Arbeitsmarktreform hätten eine Einigung bislang verhindert, sagte Venizelos. Eigentlich hätte Ministerpräsident Lucas Papademos sich am Sonnabend mit den Parteichefs seiner Koalition treffen wollen. Doch der Termin wurde auf Sonntag verlegt, wie ein Regierungsvertreter mitteilte. Und auch ein Treffen der Euro-Finanzminister wurde kurzfristig von Montag auf Mittwoch verschoben.

Die Lage in Griechenland ist verzweifelt und die Ansteckungsgefahr für die anderen Euro-Länder groß, wie auch Josef Ackermann auf der Münchner Sicherheitskonferenz unterstrich: Eindringlich warnte der Deutsche-Bank-Chef vor einer Insolvenz Griechenlands und einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone. In einem solchen Fall würde es zu kaum vorstellbaren Kollateralschäden kommen, sagte Ackermann. „Es geht nicht nur um Griechenland, sondern um Europa.“

Doch bei allem Bangen um Griechenland und die neuen Sorgenkinder im Euro-Raum Portugal, Spanien und Italien – die deutsche Wirtschaft ist mit Schwung ins neue Jahr gestartet. Nach drei Monaten Flaute fuhren die Unternehmen im Januar ihre Produktion wieder hoch – und zwar so schnell wie seit Juni nicht mehr.

Angesichts dieser Widersprüche wollte Morgenpost Online wissen, wie die Unternehmen der Hauptstadt ihre Aussichten für 2012 beurteilen. Das Ergebnis: Die Berliner Wirtschaft zeigt sich von den Turbulenzen weitgehend unbeeindruckt. Bei einer Umfrage unter den größten Arbeitgebern der Stadt erklärten 46 Prozent der Unternehmen, dass sie in diesem Jahr mit noch besseren Geschäften rechnen als 2011. Weitere 50 Prozent halten ihre Geschäftsaussichten zumindest für stabil. Die positive Stimmung spiegelt sich auch in den Personalabteilungen der Arbeitgeber wider: Von den 24 Unternehmen, die an der Umfrage teilnahmen, will jedes fünfte die Belegschaft in diesem Jahr aufstocken. Nur eine Firma will Stellen abbauen, 17 weitere Unternehmen planen, ihren Personalbestand zu halten.

Diesen Trend kann auch Jens Regg bestätigen, Mitglied der Geschäftsführung bei der Bundesagentur für Arbeit. Er glaubt, dass es am Berliner Arbeitsmarkt weiter aufwärts gehen wird: „Die gute wirtschaftliche Entwicklung in der Region hält auch in diesem Jahr an“, sagt Regg. Im Dezember ist die Arbeitslosigkeit in Berlin auf den niedrigsten Stand seit 17 Jahren gefallen; im Januar gab die Hauptstadt endlich auch die rote Laterne als Bundesland mit der höchsten Arbeitslosenquote an Mecklenburg-Vorpommern ab. „Der Zuwachs an sozialversicherungspflichtigen Jobs geht weiter“, sagt Regg.

Selbst für Krisenzeiten hält er die Hauptstadt-Firmen gut gerüstet. Gerade die Berliner Wirtschaft habe sich in der letzten Finanzkrise ausgesprochen robust gezeigt. Ganz ähnlich sehe es auch jetzt aus: Da konjunkturelle Schwankungen zuerst die Industrie treffen, sei die dienstleistungsorientierte Hauptstadt davon weniger berührt. Sollte sich die Euro- und Staatsschuldenkrise zuspitzen, hätten die industriestarken Regionen im Südwesten Deutschlands viel stärker mit den Auswirkungen zu kämpfen.

So sehen das auch die von Morgenpost Online befragten Berliner Unternehmen: 58 Prozent glauben, dass die Euro-Krise kaum Einfluss auf ihre Geschäftsentwicklung habe. 42 Prozent können das noch nicht abschätzen. Dass der Euro auch in Zukunft Bestand haben wird, gilt für Berlins größte Arbeitgeber indes als ausgemacht. 22 der 24 Unternehmen glauben an die Gemeinschaftswährung. Lediglich Vattenfall und die Deutsche Post wollten hierzu keine Angaben machen.

Ob und wie die Krise allerdings in der Realwirtschaft ankomme, sei derzeit schwer einzuschätzen, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Für die Hauptstadtregion rechnet der Ökonom in diesem Jahr mit einem Wachstum von einem Prozent. Noch entwickle sich die Konjunktur robust, allerdings hätten sich zum Ende des vergangenen Jahres schon erste Dellen abgezeichnet. „In der Industrie hat die Dynamik nachgelassen, ebenso im Gastgewerbe“, sagt Brenke.

Investiert wird trotzdem: 38 Prozent der befragten Unternehmen geben an, in diesem Jahr mehr Geld ins Geschäft stecken zu wollen. Knapp die Hälfte (46 Prozent) plant, genauso viel auszugeben wie im letzten Jahr. Lediglich eine Firma will ihre Investitionen zurückfahren. „Die Wirtschaft fährt auf Sicht“, sagt Harald Eisenach, der bei der Deutschen Bank in Berlin und Nordostdeutschland für das Firmenkundengeschäft zuständig ist. Besonders der Mittelstand habe sich in der Hauptstadt in den letzten Jahren aber positiv entwickelt. Bei der Deutschen Bank habe das Ergebnis 2011 in diesem Bereich um 30 Prozent über dem Wert des Vorjahres gelegen. „Die Unternehmen stehen gut da“, versichert Eisenach. Aus seiner Sicht werde es auch stabil weiter gehen. Gleichwohl: Die Euro- und Schuldenkrise stelle „eine gewisse Unsicherheit“ dar. Bisher jedenfalls lässt sich Berlins Wirtschaft davon nicht verunsichern.