Leere Logen

Wulff-Affäre macht Promis Angst vor der VIP-Lounge

Viele Politiker und Wirtschaftsvertreter machen inzwischen einen Bogen um Einladungen in VIP-Bereiche. Strenge Regeln sollen der Bundesliga das Geschäft erhalten.

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Es war dann doch noch ein tolles Spiel für die Gäste von Adidas in der exklusiven Loge in der Münchener Allianz Arena. Zuerst sah es nach einem torlosen Match aus, dann versenkte der Rekordmeister FC Bayern München aber doch noch überraschend zwei Bälle im Netz des Wolfsburger Tors.

Die Bayern-Stars Thomas Müller und Manuel Neuer kamen nach dem Spiel sogar noch bei Adidas vorbei und holten sich ein Lob ab. Die Gäste, zu denen in der Regel neben Mitarbeitern und Sportlern auch Geschäftspartner zählen, waren begeistert.

Der Sportartikelhersteller Adidas kann gut begründen, warum er Geschäftspartner ausgerechnet in ein Fußballstadion einlädt. "Wir wollen unseren Geschäftspartnern die Gelegenheit geben, unsere Produkte im Einsatz zu sehen", heißt es. Immerhin zieren die berühmten drei Streifen die Trikots der Bayern-Spieler und Adidas ist auch noch Teilhaber des Vereins aus München.

Trotzdem bemüht sich das Unternehmen intensiv darum, den Verdacht zu vermeiden, man wolle durch die Einladungen Geschäftskunden schmieren. Seit einem Jahr gelten strenge Richtlinien für Einladungen in die VIP-Loge. "Bei Geschäftspartnern, die wir einladen, ist stets ein geschäftlicher Hintergrund gegeben", heißt es. Politiker werden in der Regel gar nicht in die Loge gebeten.

Harte Richtlinien für Einladungen

Solche harten Richtlinien sind mittlerweile üblich. Hintergrund ist, dass die deutschen Unternehmen sich um ein sauberes Image bemühen. Ermittlungen und Millionenstrafen gegen Konzerne wie Siemens, MAN oder Daimler haben dazu geführt, dass Betriebe ihren Mitarbeitern harte Richtlinien auferlegen, welche Geschenke sie annehmen dürfen und welche nicht. Die Diskussion dürfte jetzt, angesichts der öffentlichen Debatte über die Gefälligkeiten, die Bundespräsident Christian Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident von Unternehmer-Freunden erhalten hat, noch zusätzlich an Schärfe gewinnen.

Der harte Kampf gegen Korruption führt jetzt auch dazu, dass viele Unternehmen prüfen, sich ganz aus den VIP-Logen zurückzuziehen. Hintergrund ist, dass immer weniger Geschäftspartner wegen der strengen hauseigenen Richtlinien überhaupt noch Einladungen in ein Fußballstadion akzeptieren können. Wie Insider berichten, füllen Firmen immer häufiger ihre Logen mit Mitarbeitern, weil sie kaum mehr Geschäftspartner oder gar Politiker finden, die Tickets akzeptieren können. Der Stadionbesuch dient damit immer häufiger der Mitarbeitermotivation.

Die Unternehmen machen für diese Entwicklung die unklare rechtliche Lage verantwortlich. Im Strafgesetzbuch ist nur sehr schwammig erklärt, wo die Pflege von Geschäftskontakten endet und wo Korruption beginnt. "Der Umgang mit Einladungen in Logen wird wegen der unklaren Regelungen immer schwieriger", klagt Josef Stadtfeld, Geschäftsführer der Sponsorenvereinigung S20, die Firmen wie Adidas, Coca Cola oder die Deutsche Telekom vertritt. Die Reaktion: "In einem Fall wurde bereits ein Vertrag gekündigt, weitere Sponsoren erwägen ähnliche Schritte."

Logen kosten bis zu 100.000 Euro pro Saison

Sollten sich die Firmen im großen Stil zurückziehen, droht den Fußballclubs ein herber finanzieller Schaden. Sie haben in den vergangenen Jahren die Stadien massiv mit VIP-Tribünen und –Logen aufgerüstet. Die Anzahl der so genannten "Hospitality"-Plätze verdoppelte sich zwischen 2003 und 2010 auf mehr als 72.000, ermittelte der Sportrechtevermarkter Sportfive – erheblich hat dazu die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland beigetragen. Für die Vereine ist das ein gutes Geschäft: Zwar sind im Schnitt nur zehn Prozent der Sitzplätze im VIP-Bereich, doch macht ein Verein damit die Hälfte der Erlöse. Eine Loge kann immerhin schnell 100.000 Euro pro Saison kosten.

Politik und Sportverbände sind auch deswegen alarmiert. Im vergangenen Jahr präsentierten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sowie die Deutsche Fußball-Liga (DFL) Richtlinien, die künftig für Besuche auf den VIP-Tribünen gelten sollen. Auch die Sponsorenvereinigung S20 erließ ein Regelwerk, an dem unter anderem das Bundesjustizministerium beratend mitwirkte. Der Tenor: Es soll mit Geschäftspartnern bei den Treffen auch übers Geschäft gesprochen werden, es darf keinen Zusammenhang zwischen Einladung und einem konkreten Auftrag geben, Mehrfacheinladungen sind zu vermeiden, Ehepartner haben auf der VIP-Tribüne nichts verloren.

Selbstregulierung ist von Transparency International abgesegnet

Das klingt wie eine harte Selbstregulierung, soll in Wahrheit aber vor allem Sicherheit für Sponsoren und Gäste schaffen. Das Regelwerk findet auch die Zustimmung der Nichtregierungsorganisation Transparency International (TI). Die Vorsitzende von TI Deutschland, Sylvia Schenk, erklärt, es sei zu einfach, die Abschaffung der Logen zu fordern. "Das wäre lebensfremd, davon abgesehen, dass die Finanzierung von vielen Sportereignissen problematisch werden könnte." Ihrer Meinung nach gehöre es zum Geschäftsleben dazu, sich auch in einem lockeren Rahmen zu treffen. Bedingung: "Es muss nur transparent sein, und es darf eine unzulässige Beeinflussung nicht einschließen."

Wie brisant das Thema ist, zeigt, wie intensiv sich auch die Politik engagiert. Bei einem Sponsoring-Kongress im vergangenen Sommer war die politische Prominenz anwesend. Gemeinsam diskutierte man, wie man klare und transparente Regeln für Einladungen in VIP-Logen schaffen kann. Gegenwärtig führt auch der Sportausschuss des Deutschen Bundestags eine Anhörung zu dem Thema durch – dass der Ausschuss schnell reagiert oder gar das Strafrecht ändert, damit rechnet aber niemand.

Die Unternehmen reagieren deswegen auf eigene Faust und erlassen vorerst eigene, strenge Regeln für die Einladung zu Sportveranstaltungen. Wie Adidas definieren etwa auch die Deutsche Bahn, die Deutsche Telekom, Siemens und Veltins detailliert, wer eingeladen werden darf und wer nicht. Sie haben hier auch ein abschreckendes Beispiel vor Augen: Dem früheren EnBW-Chef Utz Claassen brachte es einen Strafprozess ein, als er einst großzügig Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland an Politiker verschickte. Er wurde zwar freigesprochen, doch die vermeintliche Gefälligkeit entwickelte sich zum Imagedesaster – da kann man sein Werbebudget schon besser einsetzen.