Insolvenz

Lieferanten entscheiden jetzt über Schlecker-Zukunft

Der vorläufige Schlecker-Insolvenzverwalter verhandelt mit den Lieferanten. Einer ist schon abgesprungen. Wenn die Lieferungen weiter gehen, hat das Unternehmen eine Chance.

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Im Kampf um die Rettung der Drogeriehandelskette Schlecker hat der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz die entscheidenden Verhandlungen mit den Lieferanten aufgenommen: Er sei „zuversichtlich, dass die uneingeschränkte Betriebsfortführung kurzfristig sichergestellt werden kann“, erklärte Geiwitz. Die Hersteller müssen umgehend davon überzeugt werden, trotz der Insolvenz weiterhin ihre Produkte an Schlecker zu liefern, wenn der Betrieb dauerhaft weitergehen soll.

Der Konsumgüterkonzern Unilever hat seine Lieferungen an die Schlecker am Dienstag eingestellt. „Solange die Situation so unklar ist, müssen wir uns zurückhalten“, sagte Unilever-Sprecher Konstantin Bark.

Erst wenn der Insolvenzverwalter die Zahlung der Ware sicherstellen könne, werde Unilever die Drogeriekette wieder beliefern. „Wir gehen aber davon aus, dass sich die Situation klärt und Schlecker durch die Insolvenz eine Chance hat, am Markt zu bestehen“, sagte Bark. Die Bundesregierung will sich indes nicht in das Insolvenzverfahren einmischen.

Experten sehen gute Chancen, dafür, dass die Hersteller Schlecker unterstützen – auch wenn die Kette viele Filialen schließen müsse. „Selbst in deutlich verkleinerter Form wäre Schlecker noch ein sehr großer und interessanter Absatzkanal für die Konsumgüterindustrie“, sagte Kai Hudetz, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstitutes IFH in Köln, dem Nachrichtenportal „Morgenpost Online“.

Es könne „nicht im Interesse der Hersteller sein, die Marktmacht der Konkurrenten dm und Rossmann weiter zu steigern. Deshalb sehe ich gute Chancen dafür, dass die Hersteller auf Forderungen gegenüber Schlecker verzichten, damit das Unternehmen weiter bestehen kann“, so Hudetz,

Schlecker ist derzeit nicht wettbewerbsfähig

Der Wissenschaftler rechnet jedoch mit großem Handlungsbedarf bei der Kette, die am Montag die Insolvenz beantragt hatte. „Schlecker ist derzeit im Vergleich zu dm und Rossmann nicht wettbewerbsfähig. Das Unternehmen muss die Zahl seiner Filialen deutlich reduzieren und sein Sortiment neu positionieren, wenn es weitergehen soll“. Vor allem bei Eigenmarken, Bio-Produkten oder Lebensmitteln gebe es Nachholbedarf“, so Hudetz.

Insolvenzverwalter Geiwitz kündigte an, auch die Arbeitnehmervertreter und den Betriebsrat „kooperativ“ in seine Arbeit einzubeziehen. Er, die Eigentümerfamilie Schlecker und das Management sähen sich „auch im Rahmen des Insolvenzverfahrens den tarifvertraglichen Regelungen verpflichtet“. Das sei ein Signal an die Beschäftigten, sagte Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Das deute darauf hin, dass sich Schlecker der Verantwortung für die rund 30.000 Mitarbeiter in Deutschland bewusst sei. „Der Erhalt der Arbeitsplätze und die Anwendung der Tarifverträge müssen zum Maßstab für eine erfolgreiche Sanierung werden.“

Ver.di offen für Verhandlungen über einen Haustarifvertrag

Allerdings besteht noch viel Unsicherheit. „Wir müssen jetzt erst einmal klären, was diese Aussagen im Detail genau bedeuten“, heißt es bei Ver.di. Klar sei, dass Schlecker sich auch im Insolvenzverfahren an den sogenannten Anerkennungstarifvertrag halten müsse, also schlicht die üblichen Tariflöhne im Einzelhandel zahlen muss. Doch Ver.di signalisiert auch die Bereitschaft, einen Haustarifvertrag auszuhandeln.

Dazu gibt es aber auch noch einen Beschäftigungssicherungs- sowie einen Sozialtarifvertrag, der Schlecker dazu verpflichtet, hohe Abfindungen im Falle einer Kündigung zu zahlen. Im Falle der Insolvenz gebe es eine Kündigungsfrist von drei Monaten, heißt es bei Ver.di – die Beschäftigungssicherung, die betriebsbedingte Kündigungen bis Mitte 2012 verhindern sollte, wäre also hinfällig.

Doch juristische Unklarheit bestehe weiterhin darüber, ob im Falle der Insolvenz die Abfindungen gezahlt werden müssten, sagte eine Ver.di-Sprecherin. Schlecker hatte Verdi bereits im Dezember zu Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag aufgefordert, um nicht mehr die hohen Abfindungen zahlen zu müssen. Dazu war es aber nicht mehr gekommen, bevor Schlecker am Montag Insolvenzantrag stellte.

Nach Ansicht von Juristen schafft der Beginn des vorläufigen Insolvenzverfahrens nicht automatisch ein Kündigungsrecht gegen die Mitarbeiter. Erst im regulären Verfahren, das mutmaßlich in drei Monaten beginnen könnte, gebe es drei Monate lang ein außerordentliches Kündigungsrecht durch den Verwalter. „Dann muss allerdings ein Sozialplan oder etwas Ähnliches aufgestellt werden. Für den Abbau von Mitarbeitern gibt es auch dann noch bedeutende Hürden", sagte Sebastian Krause, Fachanwalt für Insolvenzrecht und Professor an der Hochschule für Ökonomie und Management FOM in Düsseldorf, auf Nachfrage von „Morgenpost Online“.

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