Schattenwirtschaft

Mindestlöhne könnten Schwarzarbeit verschärfen

Zum dritten Mal in Folge schrumpft die Schattenwirtschaft. Doch die Einführung des Mindestlohns in der Zeitarbeit könnte den Rückgang dämpfen.

Foto: Infografik Welt Online

Die Schwarzarbeit wird in Deutschland voraussichtlich das dritte Jahr in Folge an Bedeutung verlieren. In diesem Jahr werde die Schattenwirtschaft 1,6 Milliarden Euro weniger umsetzen als im Vorjahr, prognostiziert das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in einer Studie.

Der Gesamtumsatz wird auf 343 Milliarden Euro geschätzt. „Weniger waren es zuletzt 2001 mit 330 Milliarden Euro“, sagte IAW-Experte Bernhard Boockmann. Der illegale Sektor bliebe damit dennoch einer der größten Wirtschaftszweige in Deutschland. Die Bauindustrie etwa rechne nur mit einem Umsatz von 92 Milliarden Euro. Als Hauptgrund für den Rückgang sehen die Experten die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt.

Das IAW erstellt jährlich zusammen mit dem Schattenwirtschaftsexperten Friedrich Schneider von der Universität Linz eine Schätzung des Ausmaßes der Schwarzarbeit in Deutschland. Zu der Berechnung benutzen die Experten unterschiedliche Ansätze: Sie beobachten zum einen die Entwicklung der Bargeldnachfrage, da die in der Schattenwirtschaft erbrachten Leistungen bar entlohnt werden. Zudem analysieren sie Faktoren, die die Schwarzarbeit ihrer Ansicht nach beeinflussen, wie die Steuerbelastung oder die Regulierungsdichte.

Arbeitslosigkeit soll weiter sinken

„2010 und 2011 hatten die günstige Arbeitsmarktentwicklung und das kräftige Wachstum bereits dazu geführt, dass die Schattenwirtschaft um 7,5 Milliarden Euro gesunken ist“, heißt es in der Studie. Langfristig müsse die Politik versuchen, die Arbeitslosigkeit weiter zu senken, sagt Boockmann. „Alle versuchen, in das bestmögliche Arbeitsverhältnis zu kommen. Wer eine reguläre Beschäftigung findet, hat in der Regel kein Interesse mehr an Schwarzarbeit.“

Der Rückgang falle 2012 wegen der Konjunkturflaute schwächer aus als im Vorjahr. Gedämpft werde er auch von dem seit Januar geltenden Mindestlohn für die Zeitarbeit: Dadurch flössen 300 Millionen Euro in den illegalen Sektor ab. Vermindert werde der Anreiz zur illegalen Beschäftigung durch den von 19,9 auf 19,6 Prozent gesunkenen Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung.

13,4 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung entfällt der Studie zufolge auf die Schwarzarbeit. Damit ist der Wert so gut wie seit 1994 nicht mehr – und entspricht etwa dem Durchschnitt der Industrieländer. In Italien und Griechenland liegt der Anteil bei mehr als 20 Prozent, in der Schweiz und den USA dagegen unter acht Prozent.

Härte Strafen für Firmen gefordert

Um die Schwarzarbeit stärker einzudämmen, schlagen die Forscher eine befristete Rückvergütung der Mehrwertsteuer bei arbeitsintensiven Dienstleistungen in der Baubranche vor. Das allein würde die Schwarzarbeit um neun bis 15 Milliarden Euro drücken.

Zwischen vier und sechs Milliarden Euro würde eine stärkere steuerliche Absetzbarkeit von haushaltsnahen Dienstleistungen bringen. Sinnvoll sei auch eine Ausweitung der Sperre von öffentlichen Auftragsvergaben für Firmen, die schwarz arbeiten lassen, auf bundeseinheitlich drei bis fünf Jahren, so die Experten.

Die gute Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt verhilft Deutschland zu einer globalen Ausnahmestellung: Weltweit sind laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) rund 1,1 Milliarden Menschen arbeitslos oder leben unterhalb der Armutsschwelle. Die Zahl der Arbeitslosen sei 2011 mit 197 Millionen unverändert geblieben. Es seien damit fast 27 Millionen Personen mehr arbeitslos gewesen als 2007 vor der weltweiten Finanzkrise.

„Jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt ist arbeitslos oder lebt trotz Arbeit in Armut“, sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. Die Arbeitslosigkeit in Europa hat laut ILO einen historischen Höchststand erreicht: Im Jahr 2010 seien rund 45 Millionen Menschen ohne Job gewesen.

Zu den wenigen Ausnahmen, in denen die Beschäftigung nicht unter dem Stand vor Ausbruch der Krise zurückgeblieben ist, gehört Deutschland. Eine Mitschuld daran gab die ILO den niedrigen Löhnen in Deutschland. Die günstigeren deutschen Exporte setzten andere europäische Staaten unter Druck, während diese wegen der schwachen Nachfrage wenig nach Deutschland exportieren konnten. Die ILO-Experten empfehlen, die deutsche Wirtschaft solle höhere Löhne zahlen und ihre Produktivität steigern.